Destinationen

«Die Ostschweiz, ein hidden treasure»

Silvia Schaub

Frank Bumann, Tourismusdirektor von St. Gallen-Bodensee Tourismus über Auslandstrategien, Airbnb und Auslastungszahlen.

Herr Bumann, Sie sind jetzt bald vier Jahre in der Ostschweiz. Fühlen Sie sich angekommen?

Frank Bumann: Nach dieser Zeit muss man angekommen sein, sonst wäre man schon fast wieder weg. Ich habe mehr als die Hälfte meines Lebens ausserhalb des Wallis gelebt, von dem her bin ich sehr flexibel, mich in einem anderen Umfeld zu entwickeln.

Für viele Touristen endet die Schweiz östlich von Zürich. Weshalb sollte man in die Ostschweiz reisen?

Das natürliche Angebot ist sicher ein Trumpf, den die Ostschweiz bietet – sei es das Voralpengebiet, der Bodensee, aber auch das vielfältige kulturelle Angebot, das sehr hochwertig ist, aber oft unterschätzt wird. Es ist ein «hidden treasure». Wenn man die ganze Region grenzunabhängig betrachtet, sind da gewaltige USP dabei wie etwa die drei UNESCO-Welterben Insel Reichenau, der Stiftsbezirk in St. Gallen und die Pfahlbauersiedlung in Unteruhldingen.

Zuvor waren Sie Tourismus-Direktor von Zürich. Ist es einfacher, eine touristisch unterentwickelte Region zu betreuen als einen Hotspot wie die Limmatstadt?

Einfacher ist es sicher nicht, eher schwieriger, weil sehr unterschiedliche und komplexe Strukturen vorherrschen. In Zürich hatte man eine Organisation, in der Ostschweiz eine Vielzahl. Zudem hat der Tourismus in der Ostschweiz eine untergeordnete Rolle im Verhältnis zu Städten wie Luzern oder Tourismuskantone wie Graubünden oder das Wallis.

Es ist also im Ostschweizer Tourismus dringend ein Entwicklungsschub nötig?

Auf jeden Fall. Die Destinationsstrukturen hinken der Realität ein Jahrzehnt hinten nach. Die grösste Herausforderung ist sicher, eine längerfristige Perspektive in der Destinationsentwicklung und den Leistungsvereinbarungen mit Kanton und Stadt hinzubringen. Da braucht es die Weitsicht, kantonsübergreifende Strukturen zu bilden, die man übrigens einmal hatte. Ich glaube nicht daran, dass man heute als Einzelkämpfer die Herausforderungen wie etwa Digitalisierung oder internationale Marktbearbeitung meistern kann. Eines der tragenden Projekte ist sicher die stärkere Internationalisierung. So haben wir die Plattform «Zukunftsmärkte» gegründet, die übergreifend von Schaffhausen bis ins Appenzell mit 30 Leistungspartnern zusammenarbeitet und die vier Kernzonen China, Südostasien, Korea und Japan im Fokus hat.

«Asien verspricht ein überzeugendes Wachstum»

Sie setzen auf China und Asien. Weshalb sollen die Chinesen gerade in die Ostschweiz kommen?

Wir müssen für die nächsten Jahre davon ausgehen, dass es eher stagnierende Zahlen oder sogar leicht rückläufige in Europa gibt. Asien ist ein Raum, der ein überzeugendes Wachstum verspricht. Darum investiert man auch in diese Richtung. China ist noch am Anfang einer Marktentwicklung, die sich in den nächsten 10, 20 Jahren fortsetzen wird. Nur der kleinste Teil kann sich heute eine Europareise leisten. Weiter ist es vielversprechend, dass es nicht mehr der Gruppentourismus ist, der im Vordergrund ist, sondern der Individual- und der Familientourismus, was eine kapilare Verteilung in der Schweiz überhaupt zulässt. Das macht es auch für die Ostschweiz und Kleinbetriebe interessant.

Gibt es Ängste, dass nur der Gruppentourismus kommt?

Ich bin seit über 25 Jahren im Tourismus. Solche Angstphänomene gab es schon früher. Etwa nach der Öffnung des Ostblockes mit den Russen. Da hatte man erst extreme Vorbehalte, bis man gemerkt hat, dass die Russen viel Geld ausgeben und eine willkommene Kundschaft sind. Das Gleiche gilt bei gewissen osteuropäischen Ländern wie Polen, Tschechien, Bulgarien. Gerade kürzlich hatten wir in St.Gallen ein Workshop mit rund 40 Einkäufern aus Osteuropa zusammen mit Schweiz Tourismus. Diese Länder sind die europäischen Wachstumsmärkte - auch wenn es noch kleine Zahlen sind, ist das Wachstum überdurchschnittlich und beständig. Polen mit 60 Millionen Einwohnern, ein Markt fast so gross wie die ehemalige Bundesrepublik, können wir nicht einfach links liegen lassen. Sich nur auf den Schweizer Markt zu fokussieren, kann nicht die Lösung sein für eine langfristige Entwicklung. Der Schweizer macht heute fast nur noch Zweit- und Drittferien in der Schweiz.

Trotzdem sehen Sie auch Potenzial im Nah-Tourismus.

Der wichtigste Markt ist nach wie vor die Schweiz. Da arbeiten wir auch immer an neuen Aktivitäten. Schweiz Tourismus wird in den nächsten Jahren eine Herbstkampagne lancieren, die auf den Schweizer Markt ausgerichtet ist, weil man im Herbst konkurrenzfähiger als im Sommer ist, wo Badeferien zuoberst stehen.

«Gerade internationale Kongresse haben tiefere Teilnehmerzahlen»

Wie wichtig ist der Kongressbereich und wie hat er sich in den letzten Jahren entwickelt?

Auch hier ist es durch den Frankenschock schwieriger geworden. Gerade internationale Kongresse haben tiefere Teilnehmerzahlen. Man ist generell in der Wirtschaft preissensitiver geworden und sucht günstigere Unterkünfte. Es gibt Verschiebungen in neue Strukturen wie Airbnb. Dadurch wird natürlich ein Teil der touristischen Wirtschaft in eine Schattenwirtschaft abgedrängt. Es ist zwar immer noch besser, man hat die Leute da und ein Kongress kommt zustande, statt gar nicht mehr

Es muss für Sie ein harter Schlag gewesen sein, dass die Ostschweizer Expo2027-Pläne an der Urne gebodigt wurden.

Aus unserer Sicht hat man natürlich gesehen, dass das eine Riesenchance gewesen wäre. Jetzt ist sie vertan. Man muss sehen, dass solche Grossevents nicht nur für den Tourismus sinnvoll sind, sondern auch für den gesamten Wirtschaftsstandort.