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In der «Fortuna Bay» an der Nordküste Südgeorgiens: Hier ist das Reich der Königspinguine. Bild: MAF

Abenteuer Antarktis: Der magische 7. Kontinent

Markus Fässler

Gänsehaut, Glücksgefühle und Ehrfurcht: Wer es in die Antarktis schafft, befindet sich plötzlich in einer Welt, die sich kaum in Worte fassen lässt. Wir waren unterwegs mit dem Schiff «MS Fram» von HX Expeditions auf Entdeckungsreise auf dem 7. Kontinent.

Bis heute weiss ich nicht, wieso ausgerechnet mir dieses Glück zuteilwurde. Völlig allein stehe ich hoch oben über der Bucht Orne Harbour. Sie liegt an der Danco-Küste des Grahamlands im Norden der Ant- arktischen Halbinsel. Diese ist Teil des antarktischen Festlands, das direkt am Südpolarmeer liegt. Um auf die Anhöhe zu gelangen, war vom Strand aus ein rund 20-minütiger Aufstieg durch den Schnee nötig. Der Weg wurde von den Mitgliedern des Expeditionsteams der «MS Fram» von HX Expeditions fein säuberlich mit roten Fähnchen ausgesteckt.

Oben angekommen, ist die Crew gerade dabei, die Gruppe, die vor mir auf Entdeckungstour war, zur Rückkehr zu bewegen. In der Antarktis dürfen maximal 100 Personen gleichzeitig an Land sein, so dass man jeweils zwischen ein bis zwei Stunden Zeit hat, diese einzigartige Welt zu erleben. Man fühlt sich hier wie auf einem anderen Planeten.

Die anderen aus meiner zugeteilten Gruppe sind weiterhin mit dem Aufstieg beschäftigt. Und so bin ich hier oben plötzlich ganz allein. Gut 15 Minuten dauert dieses unverhoffte Glück. Eins mit einer Welt, die so intensiv ist, dass jeder Augenblick nach Aufmerksamkeit verlangt und mich völlig einnimmt und keine Zeit lässt, die Eindrücke zu verarbeiten. Ich drehe mich um die eigene Achse und sauge jede Sekunde ein. Dies im Wissen, dass ich gerade etwas so Aussergewöhnliches erlebe, das sich eigentlich nicht in Worte fassen lässt.

Travelnews-Autor Markus Fässler auf seinem Antarktis-Besuch. Bild: MAF

Die Ankunft auf Orne Harbour bedeutet für mich zugleich: meine ersten Schritte auf der Antarktischen Halbinsel. Dies macht die Kontinentallandung perfekt.

Ungezügelte Zügelpinguine

Mein Blick fällt auf eine dramatische Landschaft mit Gletschern, einem mit Eisschollen durchzogenen Meer, schneebedeckten Bergen und einer unendlichen Weite. Wenige Meter vor mir das nächste Spektakel: Zügelpinguine, von denen einige gerade dabei sind, ihre Jungtiere vor dem Wind zu schützen. Ihr Erkennungsmerkmal sind schwarze, schmale Streifen, die sich vom Hinterkopf über die Kehle ziehen. Diese sehen aus wie Zügel, so dass man meinen könnte, sie tragen einen mit Riemen unter dem Kinn befestigten Helm. Eine weitere Besonderheit: Als einzige Pinguin-Art haben sie ein weisses Gesicht.

Zügelpinguine watscheln umher. Bild: HX / Yuri Choufour

Die Tiere, die nur zwischen 71 und 76 Zentimeter gross werden, lassen sich von meiner Anwesenheit nicht stören. Auf den Felsen geht es drunter und drüber. Die einen Pinguine watscheln umher, andere beobachten das Geschehen um sie herum. Dann wird es Zeit, diesen magischen Moment zu verlassen, um den nächsten Passagieren Platz zu machen. Auf dem Weg nach unten zu den bereitstehenden Zodiacs, den robusten Motorschlauchbooten, welche die Gäste der «MS Fram» jeweils an Land und wieder zurück aufs Schiff bringen, lege ich nochmals einen Stopp ein. Glücklich schaue ich hoch zu den Felsen, hinter denen ich eben noch mit einer Kolonie Zügelpinguinen in der Weite der Antarktis gestanden bin.

Forschung hautnah

Für solche Momente wie in der Bucht Orne Harbour macht man sich auf in die Antarktis. Eine Expeditionskreuzfahrt in eine solch entlegene Region der Erde ist wohl noch eines der letzten grossen Abenteuer der heutigen Zeit. Meines dauerte 22 Tage und startete in Punta Arenas im Süden Chiles. Und als wäre die Antarktische Halbinsel nicht schon Programm genug, besuchten wir vorher die Falklandinseln und Südgeorgien. Ein Pluspunkt dieser Route: Wir müssen nur einmal während der Rückfahrt über die berühmt berüchtigte Drake-Passage, die sich entweder zahm oder wild zeigt. Uns war sie einigermassen gnädig gestimmt.

In unserem schwimmenden Zuhause wären wir so oder so sicher gewesen. Die 114 Meter lange und sieben Decks hohe «MS Fram» wurde 2007 erbaut und speziell als Expeditionsschiff mit höherer Eisklasse konstruiert. 2022 bis 2025 folgten umfassende Renovationsarbeiten. An Luxus fehlt es dann auch so fernab der Zivilisation nicht: Zwei moderne Restaurants, Jacuzzis auf dem Deck oder ein Fitnessraum gehören zu den Annehmlichkeiten. In der Explorer Lounge & Bar wartet dank der riesigen Fenster derweil ein Landschaftskino der Sonderklasse.

Ein besonderer Ort an Bord ist das Science Center. Ausgestattet mit Mikroskopen, Knochen verschiedenster Tiere, Karten, Büchern und vielem mehr kann man hier zusammen mit den Mitgliedern des Forschungsteams komplett in deren Welt eintauchen. Oft begleiten sogenannte «Guest Scien­tists» die Expeditionen von HX. Die Reederei stellt ihnen einen Forschungsplatz zur Verfügung und gleichzeitig bekommen die Passagiere während Vorträgen viel Wissen vermittelt.

Solche Vorträge gibt es aber auch von anderen Mitgliedern der Expeditions­crew. Zum Beispiel vom Ausserrhoder Manuel Gossauer, der auf der Reise als Historiker an Bord ist und den Gästen unter anderem die Geschichte rund um den Falkland­krieg näherbringt. Wie der Rest der Crew leistet er auf dem Schiff und während der Ausflüge an Land unermüdlich Aufklärungsarbeit. «Auf unseren Reisen sehen die Leute mit eigenen Augen, dass die Antarktis ein Gebiet ist, das man unbedingt schützen muss», sagt er.

Scharfe Regeln zum Schutz der Natur

Wie wichtig der Schutz dieser sensiblen Region ist und wie ernst es HX damit meint, erfahren wir zu Beginn der Reise. Expeditionsleiter Tomasz Zadrozny, von allen nur Tomski genannt, erklärt uns die Regeln: «Nicht näher als fünf Meter an die Pinguine und nicht näher als zehn Meter an die Robben sowie Seeelefanten ran. Sich hinzusetzen oder Rucksäcke auf den Boden zu stellen, ist strikte untersagt. Und: Nichts zurücklassen.» Nach jedem Landgang müssen alle ihre Kleidung, die von HX zur Verfügung gestellten Expeditionsstiefel sowie die Rucksäcke penibel genau reinigen. Da kommen selbst Büroklammern zum Einsatz, um auch noch das letzte Sandkorn aus der Sohle zu kratzen. Hier versteht die Crew keinen Spass. Regelmässig werden Passagiere zurück zu den Reinigungsstationen geschickt.

Mit der «MS Fram» auf Expeditionskreuzfahrt zu den Falklandinseln, nach Südgeorgien und in die Antarktis. Bild: HX

Und was ebenfalls allen schnell bewusst wird: Auf einer Expeditionsreise ist Flexibilität gefragt. Denn hier entscheidet das Wetter. «Wir starten mit Plan A, dabei wird es aber mit grosser Sicherheit nicht bleiben», prophezeit Tomski – und sollte damit recht behalten. So fiel etwa der Besuch von Stanley, der Hauptstadt der Falklandinseln, dem starken Wind zum Opfer.

Wale, Pinguine, Freudentränen

Der Stimmung und der Abenteuerlust an Bord tut das keinen Abbruch. Schliesslich gibt es auch von der «MS Fram» aus genug zu sehen. Etwa dann, wenn plötzlich wieder Buckelwale oder Orcas auftauchen, um das schwimmende Gefährt und seine Insassen neugierig zu beäugen. Die Durchsagen der Crew oder Hinweise von Passagieren lösen jeweils hektisches Treiben an Bord aus. Selbst nach dem zehnten Mal wird man nicht müde, diese magischen Lebewesen aus nächster Nähe sehen und beobachten zu wollen.

Und dann sind auf den Falklandinseln, auf Südgeorgien und der Antarktischen Halbinsel natürlich auch noch die Pinguine. Glück haben wir zum Beispiel an einem Ort mit dem passenden Namen «Fortuna Bay» an der Nordküste Südgeorgiens. Es ist das Reich der Königspinguine. Wie ein Teppich durchziehen sie zu Tausenden die von einer schroffen Bergwelt umgebene Landschaft und den steinigen Strand.

Der Anblick der Königspinguine in der Fortuna Bay sorgt für Glücksgefühle. Bild: MAF

Ausgerüstet mit Gehstöcken wandern wir vorbei an faul in der Sonne liegenden Robben, die höchstens kurz den Kopf heben und sich nur mit Lauten bemerkbar machen, wenn ihnen jemand zu nahe kommt. Immer wieder heisst es warten, bis eine Gruppe Königspinguine den Weg gekreuzt hat. Sie haben hier immer Vortritt.

Wenn das Schöne nicht mehr schön genug ist

Der letzte Teil der Reise führt uns durch den Beagle-Kanal, eine 240 Kilometer lange Meerenge. Hier befindet sich auch die «Allee der Gletscher», mit mehreren Riesen aus Eis, die Namen wie Holanda, Italia, Francia oder Alemania tragen. Wo andere mit offenem Mund dastehen, schaue ich mir die massiven Eismassen mit Anerkennung an und denke mir mit einem schlechten Gewissen: «In den vergangenen drei Wochen habe ich grössere und schönere Gletscher gesehen.» Was an Absurdität eigentlich nicht zu überbieten ist, zeigt, welch unbeschreiblicher Ort die Antarktis ist.

Die Reise wurde unterstützt von HX Expeditions.