Tourismuswelt
Unaufgeregter Schweizer Auftritt am World Travel Market in London
Daniel TschudyDer World Travel Market (WTM) ist vorbei und damit die zusammen mit der ITB Berlin wichtigste globale Tourismusmesse. Inszeniert von der Dachorganisation Schweiz Tourismus ist der WTM jedes Jahr auch Schauplatz der hiesigen Tourismusbranche. Und zwar mit einem roten Grosstand an bester Lage; von fast überall sichtbar und besetzt mit über 55 Vertretern von Verkehrsbüros, Hoteliers und anderen Anbietern.
Travelnews besuchte den Schweizer Stand und fand nur zufriedene Aussteller. Denn das Grossbritannien-Geschäft läuft ruhig und zuverlässig und die Nachfrage kann, im Gegensatz zu den anderen Europäischen Märkten, gehalten werden. Auch Corinne Genoud von Schweiz Tourismus sieht den Auftritt positiv. Die aus Val d'Anniviers stammende Direktorin für GB & Irland übernahm die Führung in London zwar erst in diesem Frühjahr; aber sie arbeitet bereits seit 23 Jahren für die Dachorganisation und kann deshalb die Lage gut abschätzen.
So spricht sie denn auch von einer Art Liebesbeziehung, die der englische Markt mit der Schweiz pflegt — aufgebaut während mehr als hundert Jahren und von Generation zu Generation weitergegeben. „Der Brite schätzt die Schweiz weiterhin sehr hoch ein; das Image ist exzellent und wir können in diesem Markt tatsächlich von einer “sustainable relationship“ reden. Was derzeit beispielsweise im Trend liegt sind Aktivferien aller Art; speziell für die für die Schweiz wertvolle Altersgruppe „40+“, also Stammkunden mit guter Kaufkraft und virtuell bestens vernetzt für direkte Mund-zu-Mund-Propaganda.“
Die Schweizer Tour de France in Grossbritannien
Das heisst also im Winter Skifahren natürlich und im Sommer Biking. Und letzteres erklärt sich mit den Olympischen Spielen in London und den Erfolgen der britischen Velosportler. Biking ist auf der Insel enorm populär geworden und das transportiert sich auf ein grosses mediales Interesse beispielsweise an der Tour de France. Und da diese 2016 nach Bern und ins Wallis kommt, werden in England entsprechende Velo-Pakete geschnürt. Spezialisierte Tour Operators stellen Touren zusammen, die der Tour de France-Route nach- oder vorausfahren und so unter anderem die Schweiz besuchen. Genoud ergänzt dazu „wir können hier in England sowieso beobachten, dass die ganz grossen Gruppen-TO’s etwas Mühe haben – aber dafür die vielen kleineren spezialisierten Reiseveranstalter im Aufwind stehen. Also diejenigen die spezialisierte Dienstleistungen und Produkte anbieten; respektive dies mittels persönlicher Beratung tun. Pakete mit nur Flug und Hotel werden virtuell gebucht – aber die spezialisierten Angebote können nur mittels Beratung verkauft werden.“
Die Statistik zeigt, dass der UK-Markt ruhig fliesst; im Gegensatz zu den für die Schweiz unsicheren Euro-Länder oder dem explosionsmässig wachsenden China-Markt. Und so spricht auch Andrés Calvo, Verkaufschef des Hotels Wilden Mann in Luzern vor allem von seinen Stammkunden und wie er diese am WTM betreut. Nach der Schweiz und Deutschland ist Grossbritannien seit Jahren der drittwichtigste Markt für das traditionelle Hotel, welches schon seit über 500 Jahren Gäste aufnimmt; früher als Restaurant und seit 1860 als Hotel mit 48 Einheiten. Sehr interessant ist aber seit diesem Sommer eine neue Entwicklung. Calvo: „Wir können derzeit von Umbuchungen aus Krisen-geschüttelten Reisedestinationen profitieren. Einige Touristen haben wegen der anhaltenden Flüchtlingswelle ihre Ferien in Österreich und Slowenien annulliert und dann bei uns gebucht. Einfach weil sie nicht mit dem Schicksal der Flüchtenden vor Ort konfrontiert werden wollen. Das irritiert zwar etwas, zeigt aber auch wie unberechenbar das Geschäft geworden ist und wie flexibel wir reagieren müssen.“
Auch er erkennt, wie sehr die Schweiz in Grossbritannien nach wie vor als eine Art Paradies gesehen wird. Die Themen Sicherheit und Zuverlässigkeit spielen eine zentrale Rolle — und das wird sich nach den jüngsten Entwicklungen in Sharm el-Sheikh weiter entwickeln. Der englische Markt schreit derzeit geradezu nach Sicherheit und Schutz.
Auch Chinesen kaufen in London ein
Dorle Schuermann, Verkaufschefin von Basel Tourismus bringt noch ein weiteres Thema ins Gespräch: „wir müssen einfach noch viel flexibler werden, um im wilden volatilen Weltmarkt bestehen zu können. Ich habe beispielsweise gemerkt, wie viele Chinesische Einkäufer an den WTM kommen und entsprechend chinesische Verkaufsbroschüren über Basel mitgenommen. Früher war der WTM noch eher ein Markt für Grossbritannien und vielleicht USA; heute ist es ein Global Event“. Dorle Schuermann muss das wissen; immerhin feierte sie dieses Jahr ihre 25. Beteiligung am World Travel Markt.
Dass Schuermann modernen Kooperationskonzepten offen steht erkennt man an der Zusammensetzung der Aussteller am Stand von Basel Tourismus. Diesen teilt sie nämlich mit Zürich Tourismus, dem neuen FIFA Museum Zürich sowie der Rheinschifffahrts-Gesellschaft Scylla. Diese bietet Amsterdam-Basel an mit entsprechenden post-cruise Unterkünften in Basel. Auf den ersten Blick passen diese 4 nicht wirklich zusammen; aber bei näherem Hinsehen erkennt man, wie sehr alle eigene Ideen haben, eigene Kunden, eigene Angebote und diese dann (cross-selling ist das Stichwort) untereinander austauschen. Dorle Schuermann ergänzt „in England sind sowohl Basel wie Zürich für Qualität bekannt und beide stark Corporate-lastig. Das passt also schon gut zusammen. Für Basel beispielsweise gilt eine 70/30-Quote; das heisst 70% unseres Geschäftes sind Firmen- und Verbandsaufträge; der Rest Ferien- und Kunst-Reisende. Und so gilt auch für uns, dass der UK-Markt zuverlässig ist. Mit einer breiten Verteilung des Geschäftes über das ganze Jahr und mit relativ wenig Einfluss des Wechselkurses.“
Es lohnt sich also, Grossbritannien weiterhin aktiv und persönlich zu betreuen; der nächste WTM kommt bestimmt (7.- 9. November 2016).
Der Markt
Das Vereinigte Königsreich stellt seit rund zwanzig Jahren jeweils zwischen 8% und 9% der ausländischen Gäste und ist somit seit Jahren die Nummer 3 der wichtigsten Ausländischen Märkte für den Schweizer Tourismus.
Seit einer Flaute 2012 geht es kontinuierlich aufwärts:
2012 1‘544‘236 Übernachtungen
2013 1‘640 091 Übernachtungen
2014 1‘667‘437 Übernachtungen
Laut Corinne Genoud dürften die 2015-Zahlen praktisch identisch mit dem Vorjahr sein.