Tourismuswelt
Kommentar Der SRV riskiert ein Eigentor
Reto SuterKeine zwei Minuten dauerte das Traktandum an der Generalversammlung des Schweizer Reise-Verbands (SRV) in El Gouna. Dann war die Erhöhung der Beiträge für Passivmitglieder beschlossene Sache. Keine Diskussion, keine kritischen Fragen, kein Widerstand.
Was nach breiter Zustimmung aussieht, ist allerdings ein schiefes Bild. Denn ausgerechnet jene Mitglieder, die künftig tiefer in die Tasche greifen müssen, durften gar nicht abstimmen. Das ist zwar gemäss Statuten so vorgesehen. Umso wichtiger wäre es gewesen, die Betroffenen vor der Abstimmung stärker einzubeziehen.
Immerhin: Der SRV bemühte sich, seine Passivmitglieder behutsam auf die höheren Beiträge vorzubereiten. Zunächst kündigte er die Erhöhung an, ohne konkrete Zahlen zu nennen. Später folgte ein persönliches E-Mail mit den Beweggründen sowie einer Übersicht über die neuen Beiträge und zusätzlichen Vorteile. Der Verband wollte seine Mitglieder offensichtlich abholen und nicht mit der Tür ins Haus fallen.
Trotzdem: Eine vorgängige Umfrage unter den betroffenen Unternehmen hätte nicht geschadet. Im Gegenteil: Sie hätte dem Verband die Chance geboten, Einwände aufzunehmen und seine Pläne allenfalls anzupassen.
Mehr bezahlen, mehr profitieren?
Der SRV verspricht seinen Passivmitgliedern zusätzliche Vorteile. Eine kostenlose Präsentation pro Jahr im Verbandsnewsletter beispielsweise. Oder einen garantierten Platz auf der jährlichen SRV-Reise.
Das mag für einzelne Unternehmen durchaus interessant sein. Nur: Rechtfertigt es Beitragserhöhungen, die je nach Unternehmenskategorie sehr unterschiedlich ausfallen und im Extremfall fast 480 Prozent betragen? Wer seine Zielgruppen bereits über eigene Kanäle erreicht, dürfte einem zusätzlichen Newsletter-Auftritt wenig abgewinnen. Und ob ein garantierter Platz auf der SRV-Reise den Ausschlag für eine Mitgliedschaft gibt, darf bezweifelt werden.
Interessanter ist die Möglichkeit, sich stärker in der Verbandsarbeit zu engagieren, an Workshops teilzunehmen und sich mit Fachgruppen auszutauschen. Hier könnte tatsächlich ein Mehrwert entstehen. Ob diese Angebote die höheren Beiträge rechtfertigen, müssen die Mitglieder allerdings selbst entscheiden.
Hinter den Kulissen rumort es. Schon in El Gouna war Kritik zu hören, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand. Inzwischen bleibt es nicht mehr bei Worten. Nach Informationen von Travelnews haben erste Passivmitglieder ihre Kündigung eingereicht oder erwägen diesen Schritt.
Von einer Austrittswelle kann noch keine Rede sein. Aber die ersten Reaktionen zeigen, dass der SRV die Akzeptanz der höheren Beiträge keineswegs als selbstverständlich betrachten darf.
Die Solidarität hat ihren Preis
Lange gehörte eine Passivmitgliedschaft für viele Unternehmen zum guten Ton. Man zeigte Flagge, unterstützte die gemeinsame Sache und verstand sich als Teil der Schweizer Reisefamilie. Was man dafür konkret erhielt, spielte nicht immer die entscheidende Rolle.
Dieses Selbstverständnis bekommt jedoch Risse. Unternehmen hinterfragen heute genauer, wofür sie Geld ausgeben und welchen Nutzen sie dafür erhalten. Das gilt für Messeauftritte ebenso wie für Verbandsmitgliedschaften.
Diese Entwicklung hat der SRV nicht verursacht. Aber er muss sich ihr stellen. Die Zeiten, in denen Unternehmen ihre Mitgliedschaft aus reiner Solidarität Jahr für Jahr verlängerten, dürften vorbei sein. Wer seine Mitglieder halten will, muss ihnen heute überzeugende Argumente liefern. Der Verweis auf den Zusammenhalt innerhalb der Schweizer Reisefamilie allein reicht nicht mehr.
Für das Geschäftsjahr 2026/27 budgetiert der SRV über 40'000 Franken höhere Einnahmen aus Passivmitgliedschaften als im Vorjahr. Und das, obwohl die neuen Beiträge erst ab April 2027 gelten. Ob diese Rechnung aufgeht, bleibt abzuwarten.
Bis Ende Jahr dürfte sich zeigen, wie viele Passivmitglieder ihre Mitgliedschaft im Zuge der Beitragserhöhung kündigen. Wie stark sich die Erhöhung tatsächlich auf die Mitgliederzahlen und Einnahmen auswirkt, wird sich erst später beurteilen lassen. Fest steht: Jede Kündigung schmälert nicht nur die Einnahmen, sondern schwächt auch den Verband als Stimme der gesamten Branche.
Auch die Aktivmitglieder sollen künftig mehr bezahlen. Was jetzt bei den Passivmitgliedern passiert, könnte deshalb zum Vorgeschmack auf eine wesentlich grössere Debatte werden. Der SRV muss nicht nur erklären, weshalb er mehr Geld braucht. Er muss seine Mitglieder auch davon überzeugen, weshalb es sich für sie lohnt, mehr zu bezahlen.
Denn ein Verband lebt nicht allein von seinen Mitgliederbeiträgen. Sondern vor allem von seinen Mitgliedern. Wenn er das aus den Augen verliert, könnte sich die vermeintlich problemlose Beitragserhöhung als Eigentor erweisen.