Tourismuswelt
Einwurf Einmal Travelagent, immer Travelagent
Roland ZellerDie Reisebranche ist cool, attraktiv und obschon die Verdienstmöglichkeiten in der Regel nicht riesig sind, wird das durch regelmässige Reisen und dem Fakt, dass man mit seiner Tätigkeit die schönsten Wochen des Jahres mitgestalten kann, mehr als wett gemacht. Wohl kaum jemand der in der Reisebranche arbeitet, könnte es sich vorstellen, Lebensversicherungen oder Bankprodukte zu verkaufen.
Da gibt es aber auch die andere Seite: Kaum eine Party oder ein Familientreffen, bei dem man nicht mit Reisestories der Gäste beglückt wird. Dies kann spannend sein, aber zwischendurch auch einfach nervig, wenn einem Trudi blumig erzählt, wie inkompetent der Reiseleiter auf der kürzlichen Marokko-Rundreise war oder Werner moniert, dass die blödsinnigen Sicherheitsvorkehrungen an Flughäfen sowieso nichts bringen. Ähnlich dürfte es wohl einem Arzt gehen, der sich auf einer Party sämtliche Krankengeschichten anhören muss, wenn er sich mit seinem Beruf outet.
Mit der Annahme, dass ich das mit ein, zwei Anrufen irgendwie für ihn regeln könne.
Airlines und Flughäfen sind sowieso ein Thema, das die Leute bewegt. Es vergeht kaum ein Monat, wo mich nicht irgendein Bekannter aus der hintersten Ecke der Welt kontaktiert und sich über eine Airline beschwert und nicht glauben kann, dass er jetzt für das Gepäck noch extra zahlen muss oder wieso ein Flug nicht umgebucht werden kann. Dies selbstredend mit der stillschweigenden Annahme, dass ich das mit ein, zwei Anrufen und meinem Netzwerk in der Reisebranche irgendwie für ihn regeln könne. Selbst für die mühsame Immigration in den USA, den Lärm im Hotel oder den lausigen Mietwagen scheint man die Klagemauer zu sein – dies selbstverständlich ohne bei mir gebucht zu haben.
Ganz spannend wird es, wenn ich mit Kollegen, die nicht aus der Reisebranche kommen, auf Reisen gehe. Hier wird ganz besonders vorausgesetzt, dass ich alles im Griff habe und sich alles von Zauberhand ergibt — Upgrades und spezielle Erlebnisse inklusive. Am Anfang war ich immer wieder überrascht, dass mir ohne Ankündigung die Rolle des Reiseleiters zukommt — mittlerweile akzeptiere ich dies stillschweigend — und heimlich sogar mit Freude.
Ich gehe davon aus, dass es vielen anderen Travelagents ähnlich geht und Vieles machen wir ja auch mit Freude, denn Travelagent ist eben nicht nur Beruf, sondern auch Berufung und so soll es sein!