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Weil Regenzeit nicht Regenzeit ist – ein geografischer Crashkurs
Raphaël SurberDie Berichterstattung über Thailand wurde in den vergangenen Wochen massgeblich von einem Thema dominiert: dem Regen. Gerade aktuell drohen Thailands Hauptstadt Bangkok erneut ungewöhnlich starke und ausgiebige Regenfälle. Man könnte nun sagen, es ist Regenzeit, und daher wenig erstaunlich. Das mit der Regenzeit ist allerdings so eine Sache.
Denn vielfach wird das Verständnis von Regenzeit und Monsun in Südostasien, vom allseits beliebten Thailand ausgehend, pauschal auf die ganze südostasiatische Region übertragen – schliesslich ist man schnell von der einen Ecke in der anderen. Der Rat, Südostasien von Mai bis Oktober zu meiden und stattdessen in den kühlen, trockenen Monaten zu kommen, ist daher so falsch wie zu behaupten, im Winter liege in der ganzen Schweiz Schnee.
Denn wer nur schon diese Woche in den Norden Thailands fliegt, nach Chiang Mai zum Beispiel, der fliegt an ein wesentlich trockeneres Ziel. Nimmt man den Flieger gegen Osten und fliegt nach Da Nang, kommt man zu Beginn der Flutsaison in Zentralvietnam an. Fliegt man gar nach Dili (Osttimor), landet man in der Trockenzeit, mit Walen vor der Küste. Dieselbe (Gross-)Region, dieselbe Woche, vier verschiedene Antworten.
Die nachfolgende Liste soll etwas Licht in die Angelegenheit bringen. Die Aussagen basieren auf aktuellen Daten und gelten für die nächsten Wochen und Monate. Was der derzeit aufkommende und stärkste El Niño aller Zeiten in Südostasien anrichten wird, ist nicht bekannt.
Thailand
Oft als Land mit nur einer Jahreszeit beschrieben, hat Thailand tatsächlich mindestens drei verschiedene Regenzeiten, die nach unterschiedlichen Uhren laufen. Bangkok und die zentrale Ebene befinden sich aktuell am Ende der Regenzeit. Ein Ende, an das man sich allerdings noch lange erinnern wird, auch wenn es nicht unüblich ist, dass der Regen zum Ende der Regenzeit hin jeweils besonders stark sein kann.
Auch im Norden lässt der Regen im Laufe des Oktobers nach, und die Laternenfeste rund um den Vollmond im November fallen genau in die Zeit, in der der Himmel aufklart (siehe auch Laos).
An der Andamanenküste geht die Regenzeit zwar ebenfalls im Oktober zu Ende und die während der Regenzeit gesperrten Meeresparks, darunter die Similan- und Surin-Inseln, öffnen in der Regel ab Mitte Oktober wieder. Allerdings kann es an Thailands südlicher Westküste auch noch weit in den November hinein anhaltend regnen, wie 2025 gezeigt hat.
Die Golfküste folgt einem anderen Takt: Koh Samui und Koh Phangan sind von Oktober bis Dezember oftmals nasser, was schon so manchen Thai-Reisenden überrascht hat, der angenommen hat, in Südthailand herrsche überall das gleiche Wetter.
Vietnam
Auch Vietnam ist klimatisch nicht als ein Land zu begreifen, sondern vielmehr als drei unterschiedliche. Die Zentralküste von Hue über Da Nang bis Hoi An ist ab Oktober diejenige, die man im Auge behalten sollte. Die Flutsaison dauert dort etwa von September bis Dezember, im Oktober treten die Flüsse erstmals über die Ufer, und die Strassen am Fluss in Hoi An können unter Wasser stehen.
Der November ist meist der schlimmste Monat, auch weil Taifun-Landfälle die stärksten Überschwemmungen bringen. Im vergangenen Oktober setzten Rekordregenfälle Teile der Altstadt von Hoi An unter Wasser und liessen den Fluss in Hue über Alarmstufe 3 steigen. Manch einer mag sich noch an die im Wasser versunkenen Mauern des Königspalasts in Hue oder die Verwüstungen in Hoi An erinnern.
Im Norden hingegen lässt ab Oktober die Hitze nach, die Luft wird tendenziell trockener, und Hanoi hat im Herbst in der Regel das beste Wetter des Jahres. Der Süden um Ho-Chi-Minh-Stadt und das Mekong-Delta wiederum bleibt bis etwa November nass, bevor die Trockenzeit einsetzt.
Kambodscha
Im Gegensatz zu vielen umliegenden Ländern ist es in Kambodscha schon fast so, als sei die letzte Phase der Regenzeit die eigentliche Attraktion. Der Tonle-Sap-See ist voll oder fast voll, der überflutete Wald und die schwimmenden Dörfer sind per Boot erreichbar, und Angkor ist ruhiger und grüner als in jedem Monat der Trockenzeit. Jeden Herbst kehrt der Tonle-Sap-Fluss seine Fliessrichtung um, wenn der Mekong fällt, und das Wasserfest in Phnom Penh ist um genau diesen Moment herum aufgebaut.
Allerdings wird es dieses Jahr nicht ausgerichtet mit der Begründung, das Land hätte aktuell andere Prioritäten, darunter Grenzfragen, Bedürfnisse der Bevölkerung und Hilfe für Vertriebene. Die Südküste Kambodschas ist auch im Oktober noch rau, Beruhigung ist frühestens für November zu erwarten.
Laos
Auch in Laos ist die Regenzeit, die sich manchmal (und mancherorts) bis in den Juni hinein Zeit lässt, im Oktober auf dem Rückzug. Geografisch nachvollziehbar ist der Süden Laos’ generell nässer, doch unter dem Einfluss diverser meteorologischer und klimatischer Strömungen ist es nicht immer ganz einfach, zu sagen, wo es denn gerade nass wird.
Tendenziell ist es im Norden (Luang Prabang und Nong Khiaw), der aufgrund seiner Lage weniger von den Wetterkapriolen im Süden (Thailand) und Osten (Vietnam) geprägt ist, trockener. Dafür kann es aufgrund der grossen Regenmengen, die der Mekong mit sich führt, zu Überschwemmungen kommen. Besonders bedrohlich war das etwa im Oktober 2024, als aufgrund heftiger Regenfälle in China und einer unglücklichen Mekong-Damm-Politik ganze Landstriche von Luang Prabang bis hinunter in den Süden überflutet wurden.
Allerdings hat das viele Wasser auch seine guten Seiten: Die touristische Region der 4000 Inseln ist bei Hochwasser am eindrucksvollsten und im Norden des Landes fahren die langsamen Boote auf dem Mekong zuverlässiger als im europäischen Frühling.
Nordostmonsun statt Festlandmonsun
Malaysia
Komplizierter ist es in Malaysia, das monsuntechnisch zweigeteilt ist. Hier unterscheiden sich die Regenzeiten enorm. An der Ostküste bringt der Nordostmonsun von November bis März den stärksten Regen und die raueste See. Auf den Inseln Perhentian, Redang und Tioman können Bootsverbindungen ausfallen, und viele Resorts schliessen etwa von Mitte November bis Februar.
Die Westküste bleibt von diesem Monsun weitgehend verschont und ist eher mit den Verhältnissen in Thailand zu vergleichen. Penang und Langkawi sind ab November eine ziemlich sichere und gute Wahl.
Auch eine gute Wahl, wenn auch ganzjährig nass, ist der Regenwald Malaysias. Getreu dem alten Sprichwort «You can’t have a rainforest withouth rain» macht dies ja gerade den Reiz dieses Reiseziels aus. In den Highlands, etwa den Cameron Highlands, besteht hingegen nach anhaltendem Regen Erdrutschgefahr.
Singapur
Bei Singapur, an der Südspitze West-Malaysias hängend, ist man versucht, das Schema von Thailand oder West-Malaysia abzuleiten. Dabei hat der Stadtstaat sein eigenes Muster. Signifikant sind die beiden Zwischenmonsun-Monate Oktober und November – nach dem Festlandmonsun und vor dem Nordostmonsun. Schwache Winde bringen hin und wieder Gewitterschauer mit sich, die manchmal bis in den Abend dauern. Ansonten empfiehlt sich Singapur genau in dieser Zeit. Der Nordostmonsun setzt dann etwa Ende November ein, und er dauert typischerweise bis etwa März, wobei Dezember und Januar in der Regel die nassesten Monate sind.
Indonesien
Die übliche Aussage zu Bali lautet, dass die Regenzeit etwa im November beginnt. Indonesiens Wetterbehörde sagt nun, die Regenzeit 2026/2027 sei in über 500 saisonalen Zonen verzögert, was fast zwei Drittel der Landfläche umfasst. Die meisten Regionen träten dieses Jahr erst im November und Dezember in die Regenzeit ein, die Spitzenniederschläge kämen im Dezember bis Februar, und ein sehr starker El Niño verringere in der Zwischenzeit den Regen. Dürre betrifft deshalb übermässig viele Regionen (über die Hälfte des Landes), 25 Provinzen haben mehr als 60 Tage ohne Regen hinter sich.
Für 2026 bedeutet das eine verlängerte Trockenzeit: Bali, Lombok und das Komodo-Gebiet bleiben womöglich bis weit in den November hinein trocken. Das kann aber auch Wasserknappheit bedeuten – und dass der Regen, wenn er dann kommt, für neue Probleme sorgt.
Philippinen
Für die Philippinen gilt eine einfache Regel, und die lautet: die richtige Insel wählen. Die Taifunsaison hat ihren Höhepunkt zwischen Juli und Oktober. Nach Angaben der philippinischen Wetterbehörde fallen etwa 70 Prozent der Taifune des Landes in dieses Zeitfenster, wobei der September typischerweise der aktivste Monat ist. Bicol ist oft der erste Landfallort und bleibt bis November stark gefährdet, und die Östlichen Visayas sind von September bis November hochgradig exponiert. Cebu und die zentralen Visayas sind zwar geschützter, doch Taifun Tino brachte im vergangenen November Rekordüberschwemmungen nach Cebu.
Palawan, einschliesslich El Nido und Coron, liegt am weitesten von den üblichen Sturmbahnen entfernt und ist im Oktober das sicherste grosse Reiseziel, im November steigt das Risiko auf mässig. Die eigentliche Trockenzeit beginnt im Dezember.
Wetterextreme nehmen auch in Südostasien zu
Abschliessend sei angemerkt, dass Südostasien auch in der Monsunzeit ein reizvolles Ziel sein kann – und man sich eigentlich immer auf alles einstellen sollte. Vor allem auch auf Verzögerungen in der Reiseplanung.
Dies auch, weil in Südostasien gilt, was für das gesamte Klima auf der Welt gilt: überraschende klimatische Ereignisse und Fälle extremen Wetters nehmen auch hier zu.