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Die Schweizer Flagge zählt etwas im Feriengeschäft. Bild: holidaycheck.ch

Einwurf Ferien, in denen man alles versuisst

Andreas Güntert

Plötzlich schmücken sich alle drei grossen Reiseveranstalter mit dem Attribut «Suisse». Aber wie viel Schweiz steckt wirklich drin im Schweizer Trio Grande?

Wieder einmal ist die erstaunliche Geschichte der Kuoni Reisen AG um eine Wendung reicher. Weil die Kuoni Reisen AG nicht mehr Kuoni Reisen AG heissen will. Oder nicht mehr darf. Die Firma firmiert jedenfalls um – auf DER Touristik Suisse. Eine bemerkenswerte Sache, die eine gewisse Erörterung verdient. Lassen wir dabei die vertrackten rechtlich-vertraglichen Gründe für den Name Change beiseite, nähern wir uns der Sache einmal auf semantische Art und Weise.

Was mir bei der Umfirmierung auffällt: Seit die Firma einer deutschen Mutter gehört, wird offenbar auf einmal die Firmensilbe «Suisse» wichtig. Die Restmenge einer einst kraftstrotzenden Firma, die uns in ihrer ehrenvollen Vergangenheit «A world of difference» versprach, macht jetzt also einen auf frankophon. Ich hör ihn schon, den schelmischen Kommentar der Konkurrenz: «Ferien, in denen man alles versuisst.»

Wobei: Mit ihrem Schritt ist die Firma in guter Gesellschaft. Schon im Jahr 2002 fiel dem später leider eingeschläferten Nachrichtenmagazin «Facts» auf, dass die sprichwörtliche «Swissness» auf dem absteigenden Ast war. Plötzlich war Frankophonie angesagt. Die Schweizer Krankenversicherer: Santésuisse. Die Denkfabrik: Avenir Suisse. Der Discount-Rambo: Aldi Suisse. SRG SSR: Idée Suisse. Flugs folgerte «Facts»: «Ist das Englische Zürichs aggressiver Merkantilität zuzuordnen, steht das Französische für Bundesberns Austarierung helvetischer Interessen – und dieses Prinzip ist wieder in.» Wem das zu schwurbelig ist, der soll sich einen Drink schnappen. Und schon sind wir wieder beim Thema. Das Profitcenter der Eidgenössischen Alkoholverwaltung: Alcosuisse.

Suissitude

Wie ich mich in den Tagen nach dem Kuoni-Reisen-Naming-Donnerschlag versichern konnte, haben die Romands sogar ihr eigenes Wort für die Hervorhebung des Schweizerischen: «Suissitude» heisst es. Oder wie es «Facts» sagte: «Das Französische parfümiert den Föderalismus». Die Kids von heute würden das vielleicht so sagen: Suissitude ist der angesagte hot shit.

Zurück in die original helvetische Reisewelt. Mit der Umfirmierung von Kuoni Reisen AG in DER Touristik Suisse haben nun die drei grössten Schweizer Reiseveranstalter etwas gemeinsam: Alle führen das Wörtchen «Suisse» im Namen spazieren: DER Touristik Suisse, Hotelplan Suisse, TUI Suisse.

Das muss uns unweigerlich zu einer Frage führen: Wieviel Suisse steckt denn eigentlich in diesen drei Reiseveranstaltern wirklich drin? Zwar gibt es meines Wissens keine Swissness-(oder Suissitude)-Gesetzgebung, die auf hiesige Reiseveranstalter anzuwenden wäre. Und auch keine kontrollierte Herkunftsbezeichnung AOC (wunderbares Französisch: Appellation d'Origine Contrôlée), wie man es etwa für Käse oder Wein kennt. Trotzdem: Machen wir einmal die Probe aufs Exempel, sichten wir ein paar Eckwerte des marktführenden Trio Suisse. Dies nicht in der Absicht, Herkunft oder Nationalitäten zu werten. Sondern im vorurteilsfreien Ansinnen, die «Made in Switzerland»-Anteile zu erheben. Wir wollen das hier in gut-schweizerischer alphabetischer Reihenfolge tun:

DER Touristik Suisse

  • Die Firmenmutter: DER Touristik, Deutschland.
  • Der Chef: Dieter Zümpel, Deutschland.
  • Die Produktion: zu 65 Prozent in Deutschland und 35 Prozent in der Schweiz.
  • Firmensilbe «Suisse» established: 2017.

Hotelplan Suisse

  • Die Firmenmutter: Migros, Schweiz.
  • Der Chef: Kurt Eberhard, Schweiz.
  • Die Produktion: zu 100 Prozent in der Schweiz.
  • Firmensilbe «Suisse» established: 2010.

TUI Suisse

  • Die Firmenmutter: TUI, Deutschland.
  • Der Chef: Martin Wittwer, Schweiz.
  • Die Produktion: zu 100 Prozent in Deutschland, Marketing und Vertrieb in der Schweiz.
  • Firmensilbe «Suisse» established: 1996.

Aufgrund dieser Erhebung konstatieren wir, absolut vorurteils- und wertungsfrei: Nicht ganz überall ist so richtig viel Schweiz drin. Die einen haben viel, die anderen nicht so viel davon. Und im jüngsten Suissitude-Spross ist aktuell am wenigsten drin.

Weil wir in der Suisse immer recht diplomatique unterwegs sind, wollen wir das jetzt nicht stärker kommentieren. Sondern einfach einmal vermuten, dass DER Touristik Suisse in naher Zukunft bestimmt richtig viel dafür tun wird, möglichst glaubhaft schweizerisch aufzutreten. Immerhin ist es, mit ursprünglichem Jahrgang 1906, das älteste Schweizer Unternehmen in unserem Trio Suisse. Und da sollte doch etwas gelten, was schon der Lateiner wusste: Nomen est omen.