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KV-Lehrstellen in der Schweizer Reisebranche wären beliebt — nur gibt es immer weniger davon. Bild: Fotolia

Hat die KV-Lehre ausgedient?

Gregor Waser

Vor zehn Jahren bildete die Schweizer Reisebranche über 200 KV-Lernende pro Jahr aus, heute sind es noch 140.

Beat Knecht, der Leiter Aus- und Weiterbildung des Schweizer Reise-Verbands (SRV) macht sich Sorgen. In letzter Zeit würden sich Negativschlagzeilen wie „KV-Angestellte sind ein Auslaufmodell“ oder „Bürobereiche werden automatisiert“ häufen, hielt er im letzten SRV-Newsletter fest. Und letzten Sonntag titelte der „Sonntagsblick“: „Die Probleme im KV nehmen drastisch zu, noch tausende Lehrstellen sind offen“. Total sind schweizweit und branchenübergreifend noch fast 700 KV-Lehrstellen nicht besetzt, so viele wie noch nie zum aktuellen Zeitpunkt.

"Das Problem, freie Lehrstellen zu besetzen, hat unsere Branche aktuell noch nicht", sagt Beat Knecht. Von den 140 ausgeschriebenen Stellen für Sommer 2016 seien bereits 132 vergeben. "Die Sogwirkung, in die Welt des Reisens einzutauchen, ist unvermindert gross – wir bieten nach wie vor eine sehr beliebte Grundausbildung." Doch die Anzahl der Stellen ist gegenüber den Spitzenjahren vor zehn Jahren deutlich zurückgegangen, 2005 traten noch über 200 KV-Lernende ihren Berufsweg in der Reisebranche an. "Leider haben etliche Reisebüros, die früher Ausbildungsplätze angeboten haben, diese reduziert oder aufgegeben", stellt Beat Knecht fest, hinzu kämen die weggefallenen SBB-Reisbüros mit rund 20 Lehrstellen pro Jahr.

Zurückhaltung bei Reisebüros

Doch welches sind die Gründe, weniger oder keine KV-Lernende mehr einzustellen? Travelnews.ch hat sich bei einigen Reisebüro-Inhabern umgehört. Weniger KV-Lernende als früher bildet etwa Kuster Reisen in Rapperswil aus. Firmenchef Arnold Kuster begründet das damit: „Unser Personalbestand hat generell abgenommen“. Auf die Frage, was er von der KV-Lehre hält und was ihn stört, sagt er: „Der Lernende ist schon sehr oft nicht an seinem Platz. Da gibt es die normalen wöchentlichen zwei KV-Schultage, dann den überbetrieblichen Branchenkurs, dann eine Projektwoche, dann einen Auslandsaufenthalt et cetera, je nach Profil B/E oder M.“

Einerseits gebe es diese häufigen Absenzen, andererseits liege es dann auch an ihm und seinen Angestellten, den Lernenden auszubilden, was einen beträchtlichen Zeitaufwand darstelle. Generell registriert Kuster, dass immer mehr Arbeit an das auszubildende Geschäft weiterdelegiert wird. Arbeiteten bei Kuster Reisen in den boomenden 90er-Jahren noch zwei bis drei Lernende, ist es heute noch einer. Bezahlt werden den KV-Lernenden bei Kuster Reisen im 1. Lehrjahr 700 Franken im Monat, im 2. Lehrjahr 900 Franken und im 3. Lehrjahr 1150 Franken, jeweils netto. Ein grosses Ärgernis stellt für Arnold Kuster zudem dar, dass viele der Ausgebildeten nach der Lehre in besser bezahlte Branchen wechseln und so der Reiseszene verloren gehen.

Abnahme der Absenzen dank E-Learning-Modulen

Haben die Absenzen wirklich zugekommen? Dem widerspricht Beat Knecht: "Im Gegenteil. Am rein schulischen KV-Teil können wir zwar nichts ändern. Im E- und B-Profil sind das im ersten und zweiten Lehrjahr zwei Tage, im dritten Lehrjahr ein Tag. Unter dem Strich haben die Absenzen mit den überbetrieblichen Branchenkursen abgenommen. Neu haben wir hier E-Learning-Module im Einsatz, was zu einer Abnahme der Absenzen geführt hat." Durch die anfängliche intensivere schulische Belastung kämen Reisebüros heute schneller zu einem vollständigen Mitarbeiter, argumentiert Knecht: "Ein Lernender kann ab Mitte zweitem Lehrjahr praktisch wie ein Vollangestellter eingesetzt werden. Dank den vom SRV zur Verfügung gestellten elektronischen Hilfsmitteln, kann der Betreuungsaufwand durch den Berufsbildner in einem vertretbaren Rahmen gehalten werden.“ Mit den regelmässigen SRV-Kursen für Ausbildungsverantwortliche und dem Support biete der SRV eine weitere Dienstleistung, sagt Knecht. In der Summe zahle es sich für jedes Reisebüro aus, Lernende auszubilden und damit den Nachwuchs in der Branche zu sichern.

Derzeit keine Lernenden beschäftigt Helbling Reisen in Gossau. Firmenchef Rolf Helbling, der jahrelang eine aktive Rolle beim Ostschweizer Reisebüro-Verband in der Ausbildung inne hatte, hat keine Einwände gegenüber dem Modell KV: „Wir benötigten aber den Arbeitsplatz für eine Festangestellte, unsere Platzverhältnisse sind limitiert. Zudem, weil ich Ende Jahr die Leitung abtrete, wollte ich meinem Nachfolger keine Lernenden, die mitten in der Ausbildung stehen, übergeben“.

«Quereinsteiger sind sehr motiviert»

Von zwei auf einen Lernenden pro Jahrgang hat City Reisen in Zug schon vor einigen Jahren reduziert. Geschäftsführer Marcel Hausheer, von 2010 bis 2012 Präsident vom Schweizer Reise-Verband, hat ein ambivalentes Verhältnis zur KV-Ausbildung: „Wir erachten die KV-Ausbildung weiterhin als sinnvoll und ich bin überhaupt nicht gegen die KV-Lehre. Gleichzeitig führen wir intern regelmässig die Diskussion darüber, ob für uns Quereinsteiger nicht sinnvoller wären. Quereinsteiger bringen schon eine Erst-Ausbildung mit, sind gefestigt und meist sehr motiviert."

Gerade bei KV-Lernenden, die direkt von der Schule kämen und kein Auslandsjahr bestritten haben, könne es schon an Persönlichkeit fehlen. „Unser Erfolg, die jungen Leute nach der Lehre bei uns zu behalten, hält sich in Grenzen“, sagt Marcel Hausheer zudem. Zwar seien KV-Lernende zu Beginn bei der Lehrstellensuche, am Anfang der Lehre und ebenso, wenn es Richtung Abschluss gehe, sehr motiviert, wohl auch weil sie unter Druck der Eltern und der Schule stünden — zwischendurch könne es aber schon zu Durchhängern kommen. "Meiner Meinung nach liegen die Prioritäten der heutigen KV-Lehre nicht mehr überall deckungsgleich auf den nötigen Faktoren eines erfolgreichen Mitarbeitenden in einem aktuellen Reisebüro".

Zum Thema Quereinsteiger, sagt Hanna Rychener Kistler, die Direktorin der IST, Anbieterin des Grundkurses Reisebranche: „Angesprochen sind Personen, die ihre KV-Lehre nicht in der Reisebranche abgeschlossen haben  — oder über eine Matura, BMS, Fachmittel- oder Handelsmittelschule, Detailhandelslehre verfügen — oder auf anderem Weg in die Reisebranche reinkommen wollen, ohne gleich eine Höhere Fachschule zu absolvieren“. Der Grundkurs Reisebranche sei der klassische Quereinsteiger-Kurs. „Die Leute sind schon reifer, bringen oft Berufserfahrung mit, ihnen fehlt aber noch das Fachwissen. Sie stammen aus ganz verschiedenen Berufen, etwa aus der Verwaltung, sind Lehrer, Bahn-Betriebsdisponenten oder Flight Attendants, allenfalls auch Mütter, die nach der Baby-Pause wieder einsteigen möchten oder Umsteiger aus andern Berufen mit kaufmännischem Hintergrund.“ Vorzugsweise sollten sie mitbringen: Sprachkenntnisse, Kontaktfreudigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Flair fürs Verkaufen, Reisefreude, und sie sollen offen sein für Menschen, Länder und Kulturen.

Doch was sagt Beat Knecht vom SRV zum Votum,  es fehle den Lernenden an Persönlichkeit?  "Das Alter ist zweifellos ein Punkt. Heute ist Verkaufen das A und O. Und ein 17-Jähriger, der einem Kunden eine Kreuzfahrt verkaufen soll, ist da sicher zu unerfahren." Entsprechend taxiert Knecht etwa die Strategie von Globetrotter, ältere Lernende einzustellen, als durchaus gut. Man könne ja auch erst mit 18 oder 19 eine KV-Lehre antreten. Das sei eine Überlegung wert, dass ein Reisebüro einem Kandidaten sagt: "Ok, wir stellen dir die KV-Lehrstelle in Aussicht, wir erwarten aber, dass du zunächst einen Sprachaufenthalt machst oder ein Praktikum".

Gegen das Quereinsteiger-Modell stemmt sich Knecht nicht: „Wir können das grundsätzlich nur unterstützen, es wäre falsch, wenn die Branche nur auf eine Karte setzt.“ Doch die Wichtigkeit der KV-Lehre für die Reisebranche unterstreicht er: „Wir bilden hervorragende Mitarbeiter aus, die hart arbeiten können“. Entsprechend überrasche es nicht, dass andere Branchen KV-Abgänger der Reisebranche mit offenen Armen empfangen.