Reiseanbieter

Deutschland schaut 2019 auf ein touristisches Rekordjahr zurück - das Coronavirus macht den Ausblick 2020 indes schwierig. Bild: Denis Oliveira

Deutschland kratzt an 100-Milliarden-Grenze

Der deutsche Reise-Verband hat über das abgelaufene Jahr informiert und einen Ausblick ins 2020 gewagt - noch mit Coronavirus-Vorbehalt.

DRV-Präsident Norbert Fiebig. Bild: JCR

Die deutsche Tourismusindustrie schaut auf ein Touristikjahr (2018/19) mit neuen Rekordzahlen zurück. Die Gesamtausgaben für die Urlaubs- und Privatreisen haben um 3,6 Prozent auf 98,1 Milliarden Euro zugenommen. «Wir können ein Rekordhoch verzeichnen», sagt Norbert Fiebig, Präsident des Deutschen Reiseverbands (DRV) anlässlich einer Pressekonferenz am 27. Februar, «doch es war auch ein von Störungen geprägtes Jahr. Ein grosse Rolle hat natürlich die Pleite von Thomas Cook gespielt, die Folgen sind auch heute noch zu spüren.» Ein «Greta-Effekt» sei indes noch nicht feststellbar.

Ein Zuwachs in gleicher Höhe konnte auch bei den Reisen verzeichnet werden, die vor Reiseantritt in Deutschland gebucht wurden, hier beträgt der Wert nun 69,5 Milliarden Euro. Damit erreichen sie nun rund 70 Prozent der Reiseausgaben, in den vergangenen fünf Jahren ging es stetig nach oben, im Durchschnitt um 4,3 Prozent pro Jahr.

Gewinner sind nach Angaben Fiebigs besonders die mittelständischen Spezialveranstalter. Ungebrochen ist die positive Entwicklung bei den Kreuzfahrten, sie wuchsen um sieben Prozent und machen inzwischen rund 17 Prozent des deutschen Reisemarkts aus. Die beliebteste Reiseform bleibt nach Fiebigs Aussage die Pauschalreise. Das Buchungsvolumen betrug 35,4 Milliarden Euro, damit rund die Hälfte aller vorab gebuchten Reisen. In fast gleicher Höhe bewegen sich mit 34 Milliarden aber auch die Ausgaben für die selbstorganisierten Reisen, die überproportional angestiegen sind. «Aber die Urlauber vertrauen auf die Vorteile der Pauschalreise. Hier erhalten sie das professionelle Krisenmanagement, Reiseleitung und persönliche Ansprechpartner vor Ort, die der individuelle Reisende nicht hat. Und sie ist heute auch so flexibel zugeschnitten wie nie zuvor.»

Der stärkste Vertriebsweg bleiben ungebrochen die Reisebüros. In Deutschland wurden 2018 dort zwar 3,9 Prozent weniger Umsatz erwirtschaftet, doch insgesamt liegt der Anteil noch bei 62,3 Prozent. Der Verband und das Marktforschungsunternehmen GFK unterscheiden aber nicht mehr zwischen On- und Offline unterschieden. «Es ist ein verzerrter Vergleich. Heutzutage verkaufen viele stationäre Reisebüros auch online, daher nehmen wir keine starre Trennung mehr vor», so Fiebig.

Starke Pauschalreise

Die Pauschalreise wird zwar weiterhin stark gebucht, doch sie ist nach der Cook-Pleite wegen der Abdeckung durch die Versicherung, die sich als zu niedrig herausgestellt hat, auch in die Diskussion geraten. «Wir sind in Gesprächen für einen umfassenderen Schutz», erklärt Fiebig. «wir haben der Bundesregierung, Justiz- und Wirtschaftsministerium, ein Modell vorgelegt, das an dem in den Niederlanden angelehnt ist und befinden uns in engem Austausch. Der Gesetzgeber ist sehr nervös, denn momentan werden die Lücken vom Staat gedeckt. Das neue Gesetz soll am 1. November in Kraft treten.»

Im Modell sind zwei Säulen, eine Deckung über die Versicherungen und ein Treuhandkonto, geplant. Im nächsten Schritt soll dann ein Fonds folgen, in den dann das Geld von den Kunden über die Veranstalter fliesst. Die Unternehmen müssen, abhängig von einem Rating, einen Beitrag leisten. Die Höhe der Belastung ist abhängig von der jeweiligen Modellstruktur. Es werde aber keine Begrenzung der Versicherungssumme von 110 Millionen Euro mehr geben. «Wir müssen gemeinsame Lösungen schaffen, die umsetzbar sind», folgert Fiebig.

«Die Lust auf Urlaub und das verfügbare Einkommen sind da.»

In das angelaufene Geschäftsjahr schaut Fiebig mit Zuversicht, allerdings mit den Unwägbarkeiten des Coronavirus: «Zwar verzeichnen wir für die ersten Monate noch ein Minus in Höhe von drei Prozent, doch im Januar haben sich die Zahlen nach oben entwickelt. Es war ein guter Monat. Wir haben aber immer noch mit der Pleite von Thomas Cook zu kämpfen, die Auswirkungen sind immer noch zu spüren. Dadurch und auch den Coronavirus wird es ein herausforderndes Jahr.»

Für die Flugurlaubsreise liegen die durchschnittlichen Ausgaben zurzeit bei 1.012 Euro und damit drei Prozent höher als im Vorjahr. Die Lust auf den Urlaub und das verfügbare Einkommen seien da. Die Gewinner bei den Destinationen sind für den Sommer Ägypten (14 Prozent), die Türkei (zwei Prozent) und Deutschland (sieben Prozent bei den Veranstalterreisen). Das stärkste Sommerziel ist Griechenland, dann folgen die Türkei, Balearen und Kanaren. Insgesamt steht Spanien an der Spitze, im Sommer ist dort aber ein Minus zu verzeichnen.

Die Unsicherheit über all den Prognosen, die der DRV momentan geben kann, wächst aber durch das Coronavirus praktisch täglich. «Es wird in den nächsten Wochen das dominierende Thema und die Auswirkungen für die Touristik sind nicht verlässlich darstellbar; die Verunsicherung wächst» so Fiebigs Einschätzung. Auf die Reisebüros komme ein vermehrter Beratungsbedarf zu.

«Wir als Verband stehen in engem Austausch mit dem Auswärtigen Amt und dem Robert Koch Institut», führt Fiebig weiter aus, «hier zeigen sich die Vorteile der Pauschalreise, die Urlauber haben die Ansprechpartner vor Ort. Aber die Reisebranche ist natürlich immer stärker betroffen, je länger die Krise andauert.» Möglich sei bei einem abwartenden Verhalten der potenziellen Urlauber dann je nach Entwicklung der Pandemie eine deutliche Zunahme bei den Last-Minute-Buchungen.

(KNZ)