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Guido Wiegand, Managing Director des Münchner Studienreisespezialisten Studiosus, stellte sich gemeinsam mit Studiosus-Reiseleiterin Annette Lauterbach den Fragen und Kritiken der Schweizer Vertriebspartner. Bild: JCR

Studiosus auf Tuchfühlung bei den Vertriebspartnern

Jean-Claude Raemy

Der Münchner Studienreise-Spezialist Studiosus stellt sich jeweils im Rahmen der Produktpräsentationen auch dem offenen Feedback der Vertriebspartner. Travelnews durfte bei der anregenden Gesprächs- und Präsentationsrunde dabei sein.

Seit 15 Jahren schon veranstaltet Studiosus begleitend zu den klassischen News-Konferenzen auch einen «Experten-Talk» - eine kleine Runde mit Prioritätspartnern, wo den «Basic Informations» etwas weniger Raum einberaumt wird, zugunsten von mehr Austausch und auch Kritik. Dieses Jahr durfte Travelnews erstmals bei solch einer Runde mit dabei sein und hören, was die Prioritätspartner von Studiosus zufriedenstellt oder auch stört, und was die Leitmotive von Studiosus selber sind.

Die Expertenrunde 2019 in der Schweiz findet im Zürcher Hotel Schweizerhof statt, am Tag nach der eigentlichen Newskonferenz. Zugegen sind 13 Reisebüro-Partner, die meisten von den Prio-Partnern Kuoni und Hotelplan. Nach einer kurzen Einführung will Guido Wiegand (Chief Marketing Officer, Studiosus) wissen, wo der Schuh drückt. Die Kritikpunkte sind solche, welche viele andere traditionell aufgestellte Reiseveranstalter immer wieder hören: Später, teils mehrstufiger Versand der Reisedokumente, oftmals lange Wartezeiten am Telefon, zu lange Dauer der Flugpreisanfragen. Wiegand geht auf die Punkte ein, kann die Ursachen teils begründen und klar signalisieren, dass am genannten Problempunkt gearbeitet wird. Es wirkt fast mehr wie ein Debriefing als ein Kritik-Pingpong, was für alle Beteiligten zielführend ist.

Wiegand erwähnt dabei auch das Projekt «Kundenservice 21». Im Rahmen dessen wurden die Kompetenzen der Service-Mitarbeitenden erweitert, vor allem aber geht es um die Ablösung vom Buchungssystem Blank, welches ziemlich in die Jahre gekommen ist. Um dies zu veranschaulichen, erwähnt Wiegand, dass man kaum noch Programmierer finde, welche die Blank zugrunde liegende Programmiersprache Cobol beherrschen. Da muss was Neues her, und dies soll bis 2021 umgesetzt sein.

Leichte Rückgänge: Noch kein Grund zur Sorge

Studiosus kämpft, das wird deutlich, mit den bekannten Problemen der technologischen Modernisierung, welche alles andere als einfach ist, weil diese so tief in sämtliche Unternehmens-Prozesse hineingreift. Aber man ist dran, Studiosus geht mit derselben Gründlichkeit ans Werk, mit welcher auch die bewährten Studienreisen geplant und organisiert werden - da sollte eigentlich nichts schief gehen.

Wobei es natürlich auch exogene Probleme gibt. Nach vier Rekordjahren in Folge musste Studiosus im Geschäftsjahr 2019 erstmals einen leichten Rückgang verzeichnen. Kein Drama: So erzielte Europas führender Studienreise-Veranstalter einen Gesamtumsatz von 276,65 Millionen Euro und liegt damit nur 1,7 Prozent unter dem Wert des Rekordjahres 2018. Total wurden 103'800 Gäste (Vorjahr: 105'258) verzeichnet, also 1,4 Prozent weniger. Das sind immer noch sehr solide Zahlen. Was Wiegand mehr irritiert: «Dieses Jahr lassen sich die Rückgänge nicht wirklich erklären.»

Es gibt viele Zielgebieten, welche stärker nachgefragt wurden - etwa Frankreich, Griechenland, die Türkei, Israel, Jordanien, Ägypten, Japan, Zentralasien, Zentralamerika, Myanmar oder auch Russland und Armenien/Georgien. Doch gibt es auch zahlreiche Länder, wo die Nachfrage rückgängig war. Besonders das westliche Mittelmeer und Grossbritannien/Irland sind eingebrochen, aber auch der Iran, Südafrika, Nordamerika, Ozeanien oder Sri Lanka. Zwar lässt sich bei vielen Destinationen der eine oder andere Grund für Wachstum oder Rückgang punktuell feststellen, und Studiosus darf angesichts der schwierigen Umstände weltweit mit dem Ergebnis mehr als zufrieden sein. Die Frage ist, in welche Richtung sich die Nachfrage nach dem kleinen Einbruch 2019 bewegt. Hierbei gibt sich Wiegand vorsichtig optimistisch: «Wir erwarten 2020 etwa gleich viele Passagiere und einen etwas höheren Umsatz, weil die Preise mancherorts steigen.» Studiosus werde eine «defensive Kapazitätsplanung» an die Hand nehmen.

«CO2 ist die Achillesferse der Touristik»

Natürlich kommt Wiegand noch auf das Thema Nachhaltigkeit zu sprechen - und fesselt die anwesenden Experten mit einem packenden Monolog. Natürlich ist schon vorgängig bekannt, dass sich Studiosus seit vielen Jahren für Klimaschutz engagiert. Beispielsweise hat Studiosus bereits 1996 das Rail & Fly-Ticket in den Reisepreis eingeschlossen, bietet seit 2007 die freiwillige Flugkompensation durch Spenden an ein Klimaschutzprojekt der Studiosus Foundation an, besteht darauf dass Tourbusse beim Warten den Motor abstellen oder stellt seit 2012 alle Bus-, Bahn- und Schiffsfahrten in den Zielgebieten klimaneutral.

Doch auch da gibt es eine seltsame Entwicklung. «Bei gebildeter, ökologisch informierter Klientel ist Nachhaltigkeit zunehmend ein Thema, da muss ein Reiseveranstalter Haltung zeigen», so Wiegand, jedoch seien trotz relativ günstiger Kompensationsmodelle sogar bei Studiosus immer noch wenige Gäste bereit, Kompensationen zu leisten. Sind die Modelle unverständlich oder schlecht beleumundet? Vielleicht beides. Doch dann stellt Wiegand einen grösseren Kontext her: «CO2 ist die Achillesferse der Touristik. Jedoch ist vor allem die thematische Verengung auf CO2 fatal. Nachhaltigkeit hat nicht nur mit CO2-Ausstoss zu tun. Es geht darum, ökologische mit ökonomischen und sozialen Themen zu verbinden.» Es gehe also auch darum, den Menschen und seine Rechte im Kontext seiner natürlichen Lebensbedingungen wieder stärker in den
Mittelpunkt zu rücken: Faire Arbeitsbedingungen, Kinderschutz, Gleichbehandlung, Landrechtrechtsfragen, aber auch Ernährungssicherheit, Zugang zu Wasser und Energie oder Armusbekämpfung - Aspekte, die in den 17 «Global Goals for Sustainability» festgehalten wurden. Während in der westlichen Welt die «Fridays for Future»-Bewegung fragt «Warum lernen ohne Zukunft?», heisst es in vielen Teilen der Welt immer noch «Keine Zukunft ohne Bildung». Die unterschiedlichen Prioritätssetzungen müssen auch in die Reisegestaltung eingebunden werden.

Deshalb hilft Studiosus, in Madagaskar Familien mit Solarkochern auszurüsten (damit sie nicht auf Holz zurückgreifen müssen). Es werden Mahlzeiten an Schulen verteilt, um einen Incentive für Bildung zu schaffen. Alle Reiseleiter sollen adäquat bezahlt werden. Studiosus ist da an vorderster Front dabei. Nicht umsonst gehört das Unternehmen zu den Gründern der Multi-Stakeholder-Initiative «Roundtable Human Rights in Tourism».

Highlight Japan

Gegen Ende der Expertenrunde gibt es dann noch eine Präsentation von Japan durch Reiseleiterin Annette Lauterbach, mitsamt Food-Tasting und Anekdoten zum vielseitigen Land - welches aktuell wieder sehr stark nachgefragt ist.

Ebenso gibt es einen kurzen Überblick über neue Rundreisen, etwa im Libanon, auf den Färöer-Inseln, in Kappadokien, Äthiopien, Malaysia sowie am Nassersee in Ägypten, sowie über Neuerungen bei den Flugtabellen: Ab 2020 gibt es in den verschiedenen Studiosus-Katalogen drei verschiedene Arten von Tabellen, welche weitere Flugmöglichkeiten (allenfalls mit Zuschlag) ausserhalb des im Grundreisepreis inkludierten Fluges aufzeigen. Neu sind auch spezielle Reisen von «Marco Polo Young Line Travel» (für Reisende zwischen 20 und 35), welche erstmals per Crowdsourcing über Facebook erstellt wurden, für maximal 21 Personen konzipiert sind und am 8. November unter www.youngline35.com live gehen.

Abgerundet wird die interessante Runde durch eine Danksagung - eine Danksagung dafür, dass die gemessene Kundenzufriedenheit bei Studiosus bei 97 Prozent liegt, woran auch die Vertriebspartner ihren Anteil haben. Diese wiederum wissen, was sie am Münchner Veranstalter haben: Einen gesunden, rücksichtsvollen und innovativen Veranstalter, der begriffen hat, dass eine weltoffene Gesellschaft nicht ohne Reisende, aber auch nicht ohne Rücksichtnahme in den Zielgebieten entstehen kann.