On The Move
Darum werden die Sitze in der Premium Economy knapp
Reto SuterDie Swiss bietet sie in ihren grössten Flugzeugen an, die Edelweiss baut sie in den kommenden Monaten in ihre A350-Maschinen ein, und auch für zahlreiche weitere Airlines gehört sie inzwischen zum Standard-Angebot; die Premium Economy, als Zwischenklasse zwischen Economy und Business.
Die Sitze sind breiter, die Beinfreiheit ist grösser, der persönliche Platz üppiger als in der Economy. An den Komfort und Service der Business Class kommt sie zwar nicht heran. Dafür liegt auch der Preis einiges tiefer.
Und die Premium Economy trifft offenbar einen Nerv. Die aktuelle Reisestudie von Allianz Partners, die vergangene Woche an der Medienkonferenz des Schweizer Reise-Verbands (SRV) vorgestellt wurde, zeigt: Bei Schweizer Reisenden boomt die neuste Reiseklasse im Flugzeug.
Rund 20 Prozent der Befragten nennen die Premium Economy als ihre bevorzugte Reiseklasse. Gleichzeitig macht sie derzeit nur rund zehn Prozent der verfügbaren Airline-Kapazitäten aus. Die Nachfrage scheint dem Angebot also massiv voraus zu sein.
Woher kommt der Boom? Haben die Airlines den Trend unterschätzt und zu spät zusätzliche Sitze geschaffen? Und ist Premium Economy erst am Anfang ihres Höhenflugs? Travelnews hat bei profilierten Schweizer Airline-Experten nachgefragt.
Wunsch und Wirklichkeit liegen nicht weit auseinander
20 Prozent bevorzugen Premium Economy – aber buchen tatsächlich auch so viele Reisende die Zwischenklasse? Die Rückmeldungen der Schweizer Flugexperten zeigen: Die Nachfrage ist tatsächlich hoch. Ganz deckungsgleich mit den Umfragewerten ist sie allerdings nicht überall.
«Wir sehen eine starke Nachfrage nach Premium Economy auch in den tatsächlichen Buchungen», sagt Christian Kiser, Director Flight Management bei Dertour Suisse, auf Anfrage. Das grosse Interesse aus der Allianz-Studie spiegle sich deshalb grundsätzlich auch in der Buchungsrealität wider.
Ähnliches beobachtet Nick Gerber, Flug-Experte bei Globetrotter. «Wir buchen diese Klasse recht oft.» Dies werde Globetrotter auch von den Airlines bestätigt und zeige sich in den Reportings, die ihm zur Verfügung stünden.
Marc Zinniker, Schweiz-Chef von Aerticket, sieht das etwas differenzierter. Auch bei ihm ist zwar ein wachsendes Interesse an Premium Economy feststellbar. «Aber nicht im Ausmass von 20 Prozent. Ich denke, da gibt es einen Gap.» Einen Grund sieht er ausgerechnet in der hohen Auslastung: Premium Economy sei häufig nicht günstig oder teilweise gar nicht mehr verfügbar.
Der Komfort ist der entscheidende Faktor
Den Boom erklären alle drei Experten mit dem Verhältnis zwischen Komfort und Preis. «Mehr Beinfreiheit, breitere Sitze und zusätzliche Services machen das Angebot attraktiv», so Christian Kiser.
Auch Nick Gerber sieht darin den entscheidenden Punkt. Reisende wünschten sich vor allem auf Langstrecken mehr Komfort – allerdings zu einem bezahlbaren Preis. «Vielfach ist die Business Class für eine Ferienreise nicht im Budget der Passagiere.» Premium Economy werde dann zur interessanten Alternative.
Entscheidend ist laut Gerber allerdings, dass die Airline auch tatsächlich ein eigenständiges Produkt bietet. Er nennt als Beispiele einen deutlich anderen Sitz, mehr Platz sowie zusätzliche Leistungen wie separates Check-in, mehr Freigepäck oder ein besseres Catering.
Marc Zinniker verweist neben der grösseren Beinfreiheit auch auf zusätzliche Leistungen wie eine teilweise grössere Auswahl bei den Mahlzeiten. Gleichzeitig habe sich die Business Class immer weiter von der Economy entfernt. «In der Business kriegt man inzwischen schon Suiten mit viel Privatsphäre.» Damit gebe es heute noch mehr Raum für eine Zwischenklasse als zu den Anfängen der Premium Economy.
Der Umbau braucht Zeit
Die hohe Nachfrage und das teilweise knappe Angebot könnten den Eindruck erwecken, dass die Fluggesellschaften vom riesigen Erfolg der Premium Economy überrascht wurden. Globetrotter-Flugchef Nick Gerber glaubt allerdings nicht, dass die Airlines den Trend grundsätzlich unterschätzt haben.
«Sehr viele Fluggesellschaften bieten das Produkt nun an», sagt er. Vielmehr sei die Umsetzung ein Zeitfaktor. Eine neue Reiseklasse lasse sich nicht von heute auf morgen in eine bestehende Kabine integrieren. Auch eine Vergrösserung der Premium-Economy-Kabine brauche Zeit.
Hinzu kommt laut Gerber die enorme Dynamik bei den Flugpreisen. Vor der Pandemie seien teilweise sehr günstige Business-Class-Tickets erhältlich gewesen. «Wenn die Passagiere für unter 3000 Franken nach Asien in Business fliegen können, dann wählen sie wohl fast eher dieses Produkt.» Die Nachfrage nach den einzelnen Klassen sei deshalb langfristig schwierig zu planen.
Marc Zinniker von Aerticket schliesst hingegen nicht aus, dass die Branche Premium Economy zu Beginn tatsächlich etwas unterschätzt hat. Heute sei die Ausgangslage aber eine andere. Die Business Class habe sich qualitativ immer weiter von der Economy entfernt. «In der Business kriegt man inzwischen schon Suiten mit viel Privatsphäre.» Das rechtfertige eine Zwischenklasse heute noch stärker als zu den Anfängen der Premium Economy.
Premium Economy dürfte weiter zulegen
Christian Kiser von Dertour Suisse geht davon aus, dass die Premium Economy weiter zulegen wird – vor allem auf Kosten der Economy. Viele Reisende seien bereit, einen überschaubaren Aufpreis für mehr Komfort zu bezahlen. Die Business Class bleibe dagegen für jene attraktiv, die maximale Flexibilität, Privatsphäre und umfassenden Service wünschen.
Auch Marc Zinniker, Schweiz-Chef von Aerticket, sieht noch Potenzial. Einige Airlines dürften Premium Economy neu einführen, andere mehr Sitze anbieten. Damit können sie Economy-Passagiere für ein Upgrade gewinnen. Gleichzeitig könnte Premium Economy aber auch Passagiere aus der Business Class abziehen, wenn deren Preise zu stark steigen.
Die Umfrage zeigt: Mehr Platz, mehr Komfort, aber kein Business-Class-Preis: Premium Economy trifft ziemlich genau das, was viele Reisende suchen. Die Buchungen bestätigen den Trend. Wie stark die Zwischenklasse noch wächst, hängt nun vor allem davon ab, wie viele Sitze die Airlines anbieten – und zu welchem Preis.