On The Move
Zwischen Wind, Wellen und weissen Segeln: Warum die Star Clipper begeistert
Sabine DenzelWer jahrelang nur auf den grossen Kreuzfahrtschiffen unterwegs war, verbindet Kreuzfahrten meist mit gigantischen Atrien, endlosen Restaurantdecks, Broadwayshows und Tausenden von Passagieren. Doch was passiert, wenn man plötzlich auf einem traditionellen Segelschiff unterwegs ist? Wenn statt 20 Decks nur vier warten, statt Wasserrutschen weisse Segel in den Himmel ragen – und statt Menschenmassen plötzlich Ruhe herrscht?
Genau dieses Experiment haben wir an Bord der Star Clipper gewagt. Und um es vorwegzunehmen: Danach wirken viele Megaliner plötzlich erstaunlich unpersönlich.
Ein Schiff mit Charakter
Schon bei der Ankunft im Hafen wird klar, dass diese Reise anders wird. Die elegant weiss gestrichene Star Clipper liegt ruhig am Kai, fast majestätisch mit ihren hohen Masten und den zusammengerollten Segeln. Kein schwimmendes Hochhaus, sondern ein Schiff mit Charakter. Statt langer Check-in-Schlangen begrüssen Kadetten und an Bord der Kapitän die Gäste persönlich. Wenige Minuten später hält man bereits den Kabinenschlüssel in der Hand – ja, hier gibt es tatsächlich noch echte Schlüssel – und wird direkt zur Kabine begleitet.
Und dann ist da diese Nähe. Nicht nur zum Meer, sondern auch zu den Menschen an Bord. Die Atmosphäre an Bord erinnert eher an eine private Yacht als an ein Kreuzfahrtschiff. Viel Holz, Messing, Bullaugen und kurze Wege schaffen sofort ein Gefühl von Geborgenheit. Verlaufen? Unmöglich. Vom Sonnendeck bis zur Kabine sind es nur wenige Schritte. Selbst der schnelle Gang zwischendurch aufs eigene Zimmer wird plötzlich zum Luxus, den man auf grossen Schiffen oft vermisst.
Gespräche und Bekanntschaften
Beim Abendessen sitzt man nicht anonym an kleinen Zweiertischen, sondern kommt automatisch mit anderen Reisenden ins Gespräch. Was anfangs vielleicht ungewohnt wirkt, wird schnell zum grossen Pluspunkt der Reise. Innerhalb kürzester Zeit entstehen Gespräche, Bekanntschaften und manchmal sogar Freundschaften. Die Crew kennt bereits nach wenigen Tagen die Getränkewünsche der Gäste, der Kapitän ist jederzeit ansprechbar und steht oft selbst mitten unter den Passagieren.
Besonders beeindruckend: die Herzlichkeit der Crew. Kapitän Vadim, gerade einmal 38 Jahre alt, erzählt mit sichtbarer Leidenschaft von seinem Beruf und seiner Familie, die seit Generationen mit der Seefahrt verbunden ist. Überhaupt wirkt hier nichts aufgesetzt oder künstlich inszeniert. Genau das macht den Charme dieses Schiffes aus.
Auch kulinarisch überzeugt die Reise. Statt unzähliger Spezialitätenrestaurants gibt es ein einziges Restaurant – und genau das funktioniert erstaunlich gut.
Morgens und mittags lockt ein reichhaltiges Buffet, abends wird serviert. Kein Gedränge, keine Reservierungs-App, keine Warteschlangen. Einfach hinsetzen, Kaffee oder Wein geniessen und aufs Meer blicken.
Der eigentliche Mittelpunkt des Schiffes ist jedoch die Tropical Bar in der Mitte des Schiffes. Hier trifft man sich morgens zum ersten Kaffee, mittags nach dem Landgang und abends zum Cocktail unter freiem Himmel. Vorträge, kleine Shows, Gespräche und spontane Begegnungen – alles spielt sich hier ab.
Wer allerdings grosse Broadwayproduktionen oder Daueranimation erwartet, ist auf der Star Clipper falsch. Stattdessen erlebt man Unterhaltung mit Persönlichkeit. Gäste können bei der Modenschau mitlaufen, mutige Passagiere klettern unter Anleitung den Mast hinauf oder wagen sich hinaus in die Netze am Bugspriet – mit nichts als Meer unter sich.
Die Brücke steht offen, der Maschinenraum kann besichtigt werden und Wassersport wie Stand-up-Paddling, Kajak oder Wasserski ist bereits inklusive.
Gänsehautmoment inklusive
Gerade diese Nähe zum Schiff macht die Reise so besonders. Man spürt Wind, Wellen und das Meer deutlich intensiver als auf grossen Kreuzfahrtschiffen. Wenn die Segel gesetzt werden und die Musik von «1492 – Conquest of Paradise» über das Deck klingt, entsteht ein Gänsehautmoment, den man so schnell nicht vergisst.
Auch die Routen profitieren von der Grösse des Schiffes. Kleine Häfen, versteckte Buchten und Ziele abseits der üblichen Kreuzfahrtrouten werden plötzlich erreichbar. Selbst Tenderfahrten verlaufen entspannt und ohne lange Wartezeiten.
Überraschend angenehm bleiben zudem die Nebenkosten. Zwar gibt es keine All-inclusive-Pakete, doch die Preise an Bord sind fair. Wasser, Kaffee und Tee stehen rund um die Uhr kostenlos bereit, Getränke und Weine bewegen sich auf moderatem Niveau.
Bleibt am Ende die Frage: Für wen eignet sich eine Reise mit der Star Clipper?
Sicher nicht für Gäste, die riesige Shows, Shoppingmalls oder Dauerbespassung suchen. Aber für alle, die Kreuzfahrten wieder intensiver erleben möchten. Persönlicher. Ruhiger. Authentischer.
Oder wie man nach einigen Tagen an Bord unweigerlich feststellt: Diese Reise verdirbt einen tatsächlich ein wenig für die ganz grossen Schiffe.