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Was die Reisebranche über den TUI-Coup mit Nicole Pfammatter denkt
Reto SuterKein anderes Thema sorgt derzeit für mehr Gesprächsstoff in der Schweizer Reisebranche als der überraschende Coup von TUI Suisse mit Nicole Pfammatter. Die frühere Hotelplan-Suisse-Chefin übernimmt per Anfang Juni 2026 das Steuer des Reiseveranstalters und beerbt damit Managing Director Philipp von Czapiewski, der nach sechs Jahren bei TUI Suisse zur Dertour Group weiterzieht.
Für viele Brancheninsider kam diese Personalie aus heiterem Himmel. Denn: Dass von Czapiewski überhaupt offen für eine neue Herausforderung war, wusste kaum jemand. Umso grösser jetzt die Überraschung – und die Aufmerksamkeit. Der Zuspruch für Nicole Pfammatter ist gross. Sie wird mit Vorschusslorbeeren überhäuft. Auf Social Media überschlagen sich Reiseprofis gerade mit Lob und Glückwünschen.
Was aber sagen die prominenten Stimmen aus der Reisebranche zur neuen starken Frau bei TUI Suisse? Und welche Auswirkungen könnte dieser Wechsel auf den Schweizer Reisemarkt haben? Travelnews hat bei profilierten Branchenkennern und langjährigen Wegbegleitern nachgefragt.
Nähe zum Schweizer Markt als Vorteil
Martin Wittwer, Präsident des Schweizer Reise-Verbands (SRV) und vor über 25 Jahren Gründer der Marke TUI Suisse, hält Nicole Pfammatter für «eine sehr gute Wahl» als neue Chefin des Reiseveranstalters. «Ich trage TUI nach wie vor im Herzen und bin froh, wenn das Unternehmen in guten Händen ist – und das ist es mit Nicole Pfammatter zweifellos», sagt er gegenüber Travelnews. Pfammatter kenne den Schweizer Markt wie kaum eine andere und werde sicher auch verstärkt Schweiz-spezifische Themen angehen. Eine gute Portion Swissness sei wichtig, um die Kundinnen und Kunden erfolgreich anzusprechen, so Wittwer.
Gleichzeitig findet der SRV-Präsident auch lobende Worte für den scheidenden Managing Director Philipp von Czapiewski. «Er hat seit seinem Amtsantritt im Jahr 2020 einen sehr guten Job gemacht und das Unternehmen kontinuierlich weiterentwickelt. Gerade auch die Herausforderung der Corona-Pandemie hat er hervorragend gemeistert», sagt Wittwer. Er könne deshalb gut verstehen, dass von Czapiewski nach sechs Jahren nun eine neue Herausforderung suche.
Kurt Eberhard, Co-Präsident der Travel Professionals Switzerland (TPS) und früherer CEO von Hotelplan Suisse, sagt: «Mit dem Verschwinden von Hotelplan als eigenständiger Firma ging bei den Generalisten jegliche Swissness verloren.» Da könne man noch so lange hinter der jeweiligen Marke «Suisse» anhängen. «Es schleckt keine Geiss weg, dass die Befehle früher oder später aus Deutschland kommen», so Eberhard.
Die Wahl von Nicole Pfammatter sei in diesem Kontext ein kluger Schachzug von TUI. «Nicht, dass ich den beiden aktuellen CEOs von TUI Suisse und Dertour Suisse mangelnde Sensibilität für unsere lokalen Marktgegebenheiten unterstelle, aber Nicole ist einfach näher an unseren Schweizer Gepflogenheiten und unserer Kauzigkeit, als das Expats je sein werden.»
Pfammatters Gestaltungsmöglichkeiten seien wohl beschränkt, da es sich bei TUI Suisse in erster Linie um eine Vertriebsgesellschaft handle. «Ich traue ihr aber zu, dass sie Brücken zum unabhängigen Handel bauen kann. Ich könnte mir auch vorstellen, dass das brachliegende Potential in der Romandie vermehrt ausgeschöpft wird.» Dort sei TUI Suisse eher schwach aufgestellt.
Branchenkenner sehen grosses Potenzial
Sebastian Kickmaier, CEO von Knecht Reisen und langjähriger Weggefährte von Nicole Pfammatter bei Hotelplan Suisse, lobt den Schritt seiner früheren Chefin. «Der Wechsel ist für mich konsequent. Nicole Pfammatter hat mehrfach gezeigt, dass sie Chancen erkennt und nutzt», erklärt er auf Anfrage. Sie kombiniere strategischen Weitblick mit operativer Umsetzungskraft und geniesse in der Branche grosse Glaubwürdigkeit. «Das sind genau die Qualitäten, die in Ihrer neuen Rolle den Unterschied machen», so Kickmaier.
Auch Max E. Katz, ehemaliger Präsident des Schweizer Reise-Verbands und profilierter Branchenkenner, zeigt sich wenig überrascht über Pfammatters Rückkehr in eine Spitzenposition der Touristik. «Ich war mir sicher, dass Nicole Pfammater mit ihrer grossen Erfahrung bald wieder einen Topjob in der Reisebranche finden wird», sagt er. «Dass es TUI Suisse werden würde kam eher überraschend, aber im Zusammenhang mit der neuen Aufgabe von Philippe von Czapiewski macht das sehr viel Sinn.»
Pfammatter kenne den Schweizer Markt mit ihren Erfahrungen bei Kuoni und Hotelplan aus dem Effeff. «Und sie hat als CEO von Hotelplan Suisse bewiesen, ein Unternehmen auch durch schwierige Zeiten führen zu können.» Und Katz sieht durchaus Potenzial für Pfammatter, Grosses zu bewegen. «Dank Nicoles sehr starker Verankerung im Schweizer Markt kann TUI Suisse möglicherweise Marktanteile gewinnen, die Dertour Suisse durch die Konsolidierung der Marken verlieren könnte», mutmasst Katz.
Die Reaktionen aus der Branche zeigen eindrücklich: Nicole Pfammatter geniesst in der Schweizer Reiseindustrie grosses Vertrauen und hohe Glaubwürdigkeit. Viele Beobachter sehen in ihrer Verpflichtung nicht nur ein starkes personelles Signal, sondern auch eine bewusste Rückbesinnung auf mehr Nähe zum Schweizer Markt.