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Sorgte mit seiner erfrischend-dynamischen Keynote für wertvolle Denkanstösse und rege Diskussionen: Strategieberater Thomas P. Illes an der Shippax Fachkonferenz an Bord von GNVs Rhapsody. Bild: Jonas Persson / Shippax

Optimiert – aber zu welchem Preis? Wenn Design das Erlebnis der Seereise ruiniert

An der international führenden Shippax Ferry Conference stellte Industrie- und Strategieberater Thomas P. Illes in einer vielbeachteten Keynote die Frage, ob steigende Effizienzanforderungen das positive Reisegefühl auf See zunehmend in den Hintergrund drängen.

Die diesjährige Shippax Ferry Conference fand vom 5. bis 7. Mai an Bord der Kreuzfahrtfähre Rhapsody der italienischen Reederei GNV zwischen Genua, Olbia und zurück statt. Über drei Tage hinweg diskutierten rund 500 Branchenvertreter und prominente Speaker – darunter der ehemalige schwedische Aussenminister, Parlaments-Vizepräsident und heutige Sicherheitsberater Tobias Billström – aktuelle Entwicklungen in der Fährbranche sowie geopolitische Fragestellungen.

Im Zentrum von Illes’ Keynote stand eine grundlegende Standortbestimmung: Wo steht das moderne Fährdesign heute – und handelt es sich bei aktuellen Entwicklungen um echten Fortschritt oder um den schleichenden Verlust der strategischen Identität? Seine Analysen basieren auf intensiven Untersuchungen sowie umfangreichen Gäste- und Vertriebsfeedbacks.

Das Bild ist klar: Gestaltung beeinflusst nicht nur die Ästhetik, sondern in hohem Masse auch das Verhalten. Hochwertige Umgebungen erzeugen eine Resonanz, die dazu führt, dass sich Passagiere willkommen und eingebunden fühlen, länger verweilen, Angebote intensiver nutzen und letztlich eine höhere Zahlungsbereitschaft entwickeln.

Funktional dominierte, sterile Räume hingegen reduzieren nicht nur die Interaktion, sondern erzeugen, wie Illes pointiert-treffend formulierte, eine Form von «psychologischer Obdachlosigkeit auf dem Meer». Passagiere, die sich in einer seelenlosen Umgebung nicht mehr verorten können, entwerten das Produkt Seereise unbewusst zur reinen, austauschbaren Transportleistung.

Best Practices zeigen: Es geht auch anders

Dass sich betriebliche Anforderungen und hohe Aufenthaltsqualität nicht ausschliessen müssen, zeigen die von Illes vorgestellten Beispiele. Moderne Schiffskonzepte wie die Finnsirius (Finnlines), die Saint-Malo (Brittany Ferries) oder die neue Generation von TT-Line kombinieren Effizienz mit einer Qualität, die den Passagier als Gast ernst nimmt und spürbar willkommen heisst. Es ist kein Zufall, dass diese Konzepte allesamt mit dem Shippax Award ausgezeichnet wurden. Sie beweisen, dass Atmosphäre eine harte Währung ist.

Kritisch beleuchtete Illes die Entwicklungen im Mittelmeerraum. Hier entstehen zunehmend stark reduzierte, kostengetriebene Konzepte – eine Art «architektonische Eiszeit», die in ihrer Nüchternheit mehr an ein Krankenhausambiente als an ein Passagierschiff erinnern.

Obwohl schon 30 Jahre alt, immer noch ein eindrückliches und komfortables Schiff: GNVs Rhapsody als Austragungsort der diesjährigen Shippax Fachkonferenz. Bild: Thomas P. Illes / thilles consulting GmbH

Einen zentralen Punkt stellen fehlende Aussenbereiche dar: Obwohl freie Decksflächen mit Aussichtspunkten grundsätzlich vorhanden wären, bleibt den Passagieren deren Zugang entweder oft verwehrt oder sie werden so einschränkend gestaltet, dass der direkte Bezug zum Meer verloren geht.

Ähnliche Tendenzen lassen sich laut Illes auch in Teilen der Kreuzfahrt beobachten: Klassische Relings werden zunehmend durch überhohe Verglasungen ersetzt. Diese bieten zwar Schutz, schränken jedoch die unmittelbare Wahrnehmung deutlich ein. Und nicht selten versuchen Passagiere, sich durch erhöhte Positionen – etwa auf Bänken, Liegestühlen oder an anderen nicht vorgesehenen Stellen – wieder Sichtkontakt zu verschaffen, was auch sicherheitsrelevante Fragen aufwirft.

Etwas zugespitzt formulierte es Illes so: «Würde es einen Preis für das Wegrationalisieren von Aussendecks und das konsequente Einmauern von Sichtachsen geben – nicht wenige Schiffe hätten beste Chancen auf den Sieg.»

Praxisbeleg und historische Perspektive

Wie stark Gestaltung wirkt, zeigt sich auch im von Illes in Zusammenarbeit mit dem BZLU Bildungszentrum Luzern sowie Branchenpartnern wie Finnlines oder der Tallink Silja Gruppe konzipierten erfolgreichen Seminarformat «StudyTrip@Sea». Tourismus- und Wirtschafsstudierende erleben dabei mit Begeisterung Seereisen aus erster Hand mit viel Praxisbezug und wertvollen Blicken hinter die Kulissen.

Gerade auf luxuriösen Kreuzfahrtfähren wie der Silja Symphony und Silja Serenade mit ihren umfangreichen Bordangeboten, zahlreichen tollen Aussichtspunkten auf einer Vielzahl freier Aussendecks und bereits vor über 30 Jahren eingeführten revolutionären zentralen Promenaden wird deutlich, warum diese Konzepte bis heute als Referenz gelten und später von Kreuzfahrtreedereien wie Royal Caribbean oder MSC übernommen und weiterentwickelt wurden.

Wie Illes betonte, gingen wesentliche Impulse für die Kreuzfahrt ursprünglich von der Fährbranche aus – zu einer Zeit, als die moderne Kreuzfahrt, wie wir sie heute kennen, noch in den Kinderschuhen steckte und manche Fähren einen höheren Komfortstandard aufwiesen als etliche Kreuzfahrtschiffe.

Angeblich nicht gefragt – trotzdem vermisst

Ein häufiges Argument der Reedereien lautet, bestimmte qualitative Angebote würden vom Gast nicht aktiv nachgefragt, und deshalb lohne es sich nicht, diese anzubieten. Laut Illes ein fataler Trugschluss: «Man kann nichts nachfragen, was man nicht kennt. Gerade bei der Seereise entscheiden implizite Erwartungen über die Gesamtzufriedenheit. Werden zentrale Elemente reduziert, kann dies die Wahrnehmung deutlich und negativ beeinflussen – auch ohne direkte Rückmeldung.»

Dabei stellte Illes bewusst Parallelen zu anderen Bereichen her. In der Architektur, im Hospitality-Design oder in der Planung von Flughäfen und öffentlichen Räumen ist seit Langem belegt, dass Gestaltung und Design kein philosophischer Luxus sind, sondern ein wirkungsvolles Instrument zur Margensicherung sein können. Hochwertige Umgebungen führen dazu, dass sich die Menschen aufgewertet und wohler fühlen, sich stärker mit einem Ort identifizieren und Angebote intensiver nutzen.

Die Keynote von Strategieberater Thomas P. Illes löste grosse Resonanz aus. Bild: Jonas Persson / Shippax

Übertragen auf Fähren und Kreuzfahrten bedeutet das: Passagiere sollen sich nicht nur befördert fühlen, sondern sich mit der Reise und den angelaufenen Destinationen verbinden können. Dadurch lassen sich auch messbar höhere Bordumsätze realisieren.

Dabei geht es nicht nur um grosse bauliche Eingriffe. Auch gezielte Massnahmen können Wirkung entfalten: kuratierte Kunst – idealerweise mit Bezug zu den bereisten Regionen –, durchdachte Lichtkonzepte, passendes Musik- und Sounddesign, Informationsangebote zu Destinationen oder Kooperationen mit lokalen Partnern und Tourismusorganisationen.

Solche Elemente schaffen Identität, erhöhen die Aufenthaltsqualität und eröffnen zusätzliche kommerzielle Möglichkeiten. Viele dieser Massnahmen bewegen sich im Verhältnis zu den Gesamtbaukosten in einem überschaubaren Rahmen.

Mehr als Transport: Eine strategische Frage

Laut Thomas P. Illes, der als Inhaber und CEO der Beratungsfirma Thilles Consulting GmbH auch etliche Unternehmen und Führungskräfte ausserhalb der maritimen Industrie in Bereichen wie Strategie, Prozessoptimierung, Design, Kommunikation und Branding berät, steht die Branche an einem Scheideweg: Werden Fähren zu rein funktionalen Logistik-Einheiten oder können – beziehungsweise sollen – sie auch Orte der Inspiration sein? Die Antwort darauf entscheide nicht nur über das Design der nächsten Schiffsgeneration, sondern darüber, «ob die Seele der Seereise kurzfristigen Excel-Optimierungen geopfert wird.»

Diese Fragestellung ist, wie Illes in seiner Keynote weiter ausführte, insofern von Relevanz, als sich die Fährbetreiber bewusst sein sollten, mit ihren Entscheidungen nicht nur einzelne Produkte, sondern die Wahrnehmung der Seereise insgesamt zu gestalten. Zumal, wie in einem tags zuvor geführten Diskussionspanel mit wichtigen Fähren-CEO’s festgestellt wurde, die Branche zunehmend nicht nur untereinander, sondern auch mit Fluggesellschaften, Bahn, Auto und alternativen Ferienformen konkurriert. Die zentrale Frage, die Illes in den Raum warf, lautet daher: Wie lässt sich das Reisen auf See wieder stärker als Erlebnis positionieren?

Auf vielen modernen Schiffen aufgrund fehlender freier Aussendecks ohne Sichtbehinderung nicht mehr möglich: Organisatoren und Delegierte der Shippax Ferry Conference 2026 geniessen an Bord von GNVs Kreuzfahrtfähre Rhapsody den Sonnenuntergang auf dem Weg von Genua nach Olbia. Bild: Thomas P. Illes / thilles consulting GmbH

Die Stille im Saal während der Präsentation, die anschliessenden intensiven Diskussionen sowie die zahlreichen positiven Feedbacks an Bord der Rhapsody unterstrichen: Thomas P. Illes hat einen Nerv getroffen.

Wer durch «angebliche Optimierung» einen Teil dessen aufgibt, was den USP einer Seereise ursprünglich ausgemacht hat, und das Meer, das Fühlen der Elemente sowie die uneingeschränkte Sicht auf vorbeiziehende Küstenlinien und spektakuläre Naturphänomene als Erlebnis konsequent wegkürzt, gefährdet die emotionale Bindung zum Kunden und unterhöhlt damit letztlich einen zentralen Kern seines Geschäftsmodells.

Entsprechend prägnant war Illes’ Schlussbemerkung: «Gutes Design erfordert Investitionen – doch auf Design zu verzichten, ist teuer.»

(TN)