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Einige Airlines dünnen ihre Flugpläne aus vor dem Hintergrund des anhaltenden Nahost-Konflikts und der Kerosin-Verteuerung. Bild: Christo Anestev

Fünf Antworten zum fragilen Reisejahr

Gregor Waser

Der Krieg am Persischen Golf ist noch nicht ausgestanden und die Buchungszurückhaltung in Schweizer Reisebüros hält vorerst an. Welche Reiseziele leiden, welche legen zu? Was passiert in den nächsten Wochen? Fünf Fragen – fünf Antworten.

Die Lage an der Strasse von Hormus bleibt instabil. Friedensverhandlungen werden angekündigt und wieder abgesagt. Der Krieg am Persischen Golf schwelt weiter und somit bleibt die Ausgangslage für die Tourismusindustrie fragil.

In drei Monaten beginnen die Sommerferien, doch die unsichere Lage hemmt das Buchungsaufkommen. Zurückhaltung ist in Schweizer Reisebüros und auf Online-Buchungsportalen in diesen Wochen angesagt.

Wie geht es weiter? Travelnews beantwortet fünf Fragen zur aktuellen Lage, sagt, wie Touristiker das Reisejahr einschätzen und wie sich einzelne Ziele derzeit entwickeln.

Welche Reiseziele verzeichnen die grössten Einbussen?

Buchungsausfälle betreffen seit einigen Wochen – verständlicherweise – die Länder am Persischen Golf am stärksten: in die Vereinigten Arabischen Emirate, nach Katar, Oman oder Jordanien reisen nur noch vereinzelte Touristen. Aber auch viele weitere Länder müssen Minus-Zahlen registrieren.

Der deutsche Reisebüro-Dienstleister Ziel liefert mit seinem Tool Synccess einen Indikator für den Markt. Umsatzveränderungen im März gegenüber dem Vorjahresmonat:

  • VAE, - 93,4%
  • USA, - 45,8%
  • Türkei, - 44,2%
  • Ägypten, - 43,1%
  • Indischer Ozean, - 14,8%
  • Asien, - 9,4%
  • Europa (ohne DACH), - 3,5%
  • Karibik, + 0,7%
  • Afrika, + 3%
  • DACH, + 49%

Entsprechen diese Veränderungen in Deutschland auch der Entwicklung im Schweizer Reisemarkt? Die Tendenzen sind identisch, die Prozentpunkte weichen da und dort ab. Travelnews hat bei Deniz Ugur nachgefragt. Der CEO des Türkei- und Mittelmeer-Spezialisten beziffert das Türkei-Minus für Buchungseingänge im März auf 25 Prozent.

Zypern gehört aktuell ebenso zu den Verlierern. «Die Buchungseingänge für Zypern liegen nahe bei Null», sagt Andi Restle, Geschäftsführer des Badeferien-Spezialisten ITS Coop Travel. «Auch für die Türkei und Ägypten verzeichnen wir nur sehr wenige Buchungen».

Asien hat im März ebenso gelitten, Tourasia-Chef Stephan Roemer beziffert das Minus auf 17 Prozent. Und auf das Minus Richtung USA hat nun Edelweiss reagiert. Die Verbindungen nach Denver und Seattle stellt der Feriencarrier per sofort ein, zum Bedauern der US-Spezialisten.

Welche Destinationen legen zu?

In den Schweizer Reisebüros ist aktuell kein Stillstand auszumachen, aber die Buchungsdynamik ging in den letzten sieben Wochen deutlich zurück. Abwarten scheint bei der Kundschaft angesagt. Wer bucht, zieht das Festland von Spanien sowie die Balearen und Kanaren und ebenso Portugal mit Madeira und den Azoren in Betracht. Auch die Nachfrage in den Norden Europas ist gut. Wer Spanien-, Portugal- oder Skandinavien-Ferien im Hochsommer buchen will, muss sich sputen.

«Neben Europa ist die Nachfrage auch für Südamerika und Afrika gestiegen», hält Globetrotter Group CEO André Lüthi fest. «Für kommende, geplante Reisen – ausser in die von der Iran-Krise betroffenen Länder – gibt es, solange man sich an die Reisehinweise des EDA hält, keinen Grund nicht zu reisen».

Zehn Prozent mehr Buchungen als im Vorjahr verzeichnet Rolf Meier Reisen mit den Zielen Grossbritannien, Irland, Kanalinseln und Malta. Auch der Bahnspezialist Railtour verzeichnet ein Buchungsplus. Neben Dauerbrennern wie Paris, Hamburg und Rom stehen auch kleinere Städte wie Lyon, Bologna oder Wismar hoch im Kurs.

Wird das Reisen jetzt generell teurer?

Diese Frage lässt sich so einfach nicht beantworten, wie dies vor einigen Tagen «Bild» getitelt hat: «56 Prozent rauf! So teuer wird der Sommerurlaub». Klar lassen sich punktuell einzelne Preisbeispiele finden, wie die Zeitung im Beispiel Frankreich herausgefunden haben will.

Aber generelle Preisunterschiede zum Vorjahr festzuhalten, ist heute, in Zeiten von dynamischem Pricing, nur noch bedingt möglich. Früher konnten die Vorjahres-Kataloge zu Hilfe gezogen werden, um klare Preisvergleiche zu erstellen. Diese fixen Preislisten gibt es nur noch vereinzelt. Flug- und Hotelpreise werden wie an der Börse täglich angepasst.

Trotz hoher Nachfrage sei Mallorca preislich unverändert attraktiv, hält Silvia Schembri fest. Die Chefin von Universal Mallorca Travel sagt: «Für die Hauptreisezeit sind unsere Pauschalarrangements jetzt sogar kostengünstiger als im Vorjahr». Die Flugkapazitäten ab Zürich, Bern, Basel und Genf habe sich Universal frühzeitig gesichert, was kombiniert mit den 17 firmeneigenen Universal Beach Hotels sowie Partnerhotels für die Kunden vorteilhafte Ferienpakete ergebe. Somit seien Verfügbarkeiten auch für den Sommer noch zu attraktiven Konditionen vorhanden.

Teureres Kerosin wird sich in den nächsten Wochen auf die Flugpreise auswirken. Air France-KLM etwa verteuert die Langstrecken um rund 50 Euro. Amerikanische Fluggesellschaften kündigten an, die Gebühr für Gepäckstücke zu erhöhen.

Gleichzeitig dürften sich im östlichen Mittelmeer, sollte es in den nächsten Wochen zu einer Beruhigung des Konflikts am Persischen Golf kommen, noch zahlreiche attraktive Last-Minute-Angebote auftauchen.

Droht ein Kerosin-Engpass für Flugreisende?

Bis Ende Mai geht Europa das Kerosin aus, warnt Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur (IEA). Die Lage ist zweifellos angespannt. Doch so dramatisch, wie sie die IEA zeichnet, ist sie wohl nicht. Die Swiss sagt, die Versorgung sei vorerst gesichert. Schliesslich stammt nur ein Teil des benötigten Kerosins aus dem Nahen Osten.

Zudem verfügen die meisten europäischen Länder über Reserven. Die Schweiz besitzt Pflichtreserven, welche die Versorgung für rund drei Monate sicherstellen könnten. Indes hat der Bund hierzu das letzte Wort, ob und wann die Reserven angezapft würden.

Gleichwohl reagieren viele Airlines auf die angespannte Kerosin-Situation. Air New Zealand stellt im Mai und Juni Flüge ein und erhöht Preise. Die Lufthansa stellt ihre Tochter Cityline ein und lässt 27 ältere Regionaljets ab sofort am Boden, wenn auch nicht nur aus Kerosingründen.

Delikater sieht die Situation in Asien aus, wo die Abhängigkeit von Öl aus dem Nahen Osten grösser ist und es wohl schneller zu Engpässen und Flugstreichungen von Airlines kommen könnte. Air Asia X hat bereits 10 Prozent der Flüge gestrichen und erhebt Zuschläge.

Welche Last-Minute-Ziele zeichnen sich ab?

Wie lange der Krieg am Persischen Golf noch dauert, weiss niemand. Täglich ändern sich die Vorzeichen, Ankündigungen und gegenseitigen Drohungen. Und in diesen Stunden endet der zweiwöchige Waffenstillstand – mit offenem Ausgang

Solange der Konflikt andauert, hält die Zurückhaltung bei Ferienreisenden vorerst an, gleichzeitig wächst der Buchungsstau. Sollte der Irankrieg in den nächsten Wochen doch noch enden, dürfte es im Juni zu einer Last-Minute-Welle für das östliche Mittelmeer kommen. Hoteliers in der Türkei, auf Zypern, aber auch in Ägypten sitzen noch auf vielen Verfügbarkeiten und werden diese kurzfristig zu reduzierten Preisen freigeben – die Frage bleibt, ob bis dahin alle Airlines ihre geplanten Flüge aufrechterhalten. Das Edelweiss-Beispiel mit Seattle und Denver hat gezeigt: steigen die Kosten für eine Flugstrecke aus Kerosingründen deutlich an, bei gleichzeitig dünner Nachfrage, ist der Schritt zur Flugstreichung ein kurzer.

Aktuell freuen sich viele Nahziele in den Nachbarländern und der Schweiz über eine hohe Nachfrage. Ein Umschwenken sind sich Reisende aus der Corona-Zeit gewohnt. Damals, im Jahr 2021, explodierten die Übernachtungszahlen auf Campingplätzen und in Schweizer Hotels.

Interessant in diesem Jahr: viele arabische Gäste bleiben aus. An den beliebten Schweizer Ferienzielen, ob in Grindelwald, Interlaken, Engelberg, Zermatt oder St. Moritz, stehen im Sommer noch Hotelzimmer leer. Gleichzeitig versucht Schweiz Tourismus in der Hochsaison auch unbekannte Zweitziele anzupreisen.

Die Devise für den Sommer 2026 lautet: Flexibilität. Wer kurzfristig bucht und auf Reisehinweise achtet, findet trotz der angespannten Lage attraktive Alternativen – ob in Europa oder der Schweiz.