On The Move

Alessandra und Severin Schnyder auf gemeinsamer Reise mit einer Gruppe durch Kuba. Bild: zVg

Eine Reise zwischen Umbruch und Ursprünglichkeit

Alessandra Schnyder

Kuba ist im Wandel – zwischen Mangel und Aufbruch, Improvisation und Inspiration. Eine aktuelle Reise zeigt, warum gerade jetzt der richtige Moment sein könnte, das Land neu zu entdecken.

Es ist nicht meine erste Reise nach Kuba – aber vielleicht die eindrücklichste. Anlass ist das 25-jährige Jubiläum von Caribbean Tours, der Firma meines Vaters, die sich seit einem Vierteljahrhundert mit viel Engagement auf Reisen in die Karibik spezialisiert hat.

Was ich mit unserer kleinen Reisegruppe auf dieser Jubiläumsreise erlebe, ist ein Kuba im Wandel: ein Land zwischen Improvisation und Hoffnung, zwischen improvisierten Tankstellen und neuen Design-Boutiquen, zwischen Stromausfällen und erstklassigen Mojitos. Es ist, trotz aller Widersprüche, eine Reise, die uns tief berührt.

Die Revolution, so scheint es, ist verblasst. Zwar prangen auf vielen Häuserfassaden noch die Parolen der einstigen Helden – doch sie wirken wie Relikte aus einer vergangenen Zeit. «Die jungen Kubaner wollen nach vorne schauen, selbstständig sein und sich entwickeln», sagt eine Mitreisende nachdenklich. Dass ihnen das zunehmend gelingt, zeigt sich vielerorts: In kleinen Cafés, in privat betriebenen Restaurants, auf Rastplätzen mitten im Nirgendwo, die überraschend professionell geführt sind.

Auch Myriam, selbst Touristikerin, beobachtet diesen Wandel mit wachem Blick. In Havanna besucht sie zwei Mode-Boutiquen, geführt von jungen Designerinnen, die den typisch kubanischen Stil neu interpretieren. «Es ist ermutigend zu sehen, wie viel Eigeninitiative heute möglich ist. Die Jugend hat eine Vision – und sie beginnt, sie umzusetzen», so ihre Erkenntnis.

Zwischen kolonialem Charme, farbenfrohen Fassaden und sanftem Wandel erwacht das neue Kuba. Bild: Latin America Tours

Auch auf dem Land zeigen sich diese Veränderungen: Verkäufer am Strassenrand, kleine private Läden, kreative Geschäftsideen. Möglich wurde das durch Lockerungen bei der Gründung von Kleinstunternehmen, die neue Perspektiven schaffen.

Jonathan, der zum ersten Mal in Kuba ist, nimmt besonders den Unterschied zwischen Stadt und Land wahr: «In der Altstadt von Havanna ist die Armut sichtbarer, viele Kinder betteln, viele Erwachsene wollen einem etwas verkaufen. Aber auf dem Land ist das Leben noch einmal viel einfacher – und trotzdem erstaunlich friedlich» findet er.

Zwischen Mangel und Qualität

Trotz aller Aufbruchsstimmung bleibt das tägliche Leben für viele Kubaner schwierig. Besonders in ländlichen Regionen wie Trinidad wird der Spagat zwischen Tradition und Tourismus sichtbar.

Während Reisende im Hotel alles finden, fehlt es der Bevölkerung oft am nötigsten. «Ich bin noch nie von so vielen alten Menschen angebettelt worden wie dieses Mal», erzählt Kathy. Und Koni bringt es auf den Punkt: «Im Restaurant gibt es für uns alles – im Laden bekommst du nichts.»

Und doch ist vieles überraschend gut. Enrique, der bereits 2023 in Kuba war, empfindet die Stimmung dieses Mal sogar positiver: «Die Menschen wirkten offener, freundlicher – und weniger aufdringlich als beim letzten Mal», sagt er.

Die Mansión Alameda ist ein charmantes Boutique-Hotel in Trinidad. Bild: Mansión Alameda

Auch Severin ist begeistert: «Trotz allem: Alle, denen wir begegnen, sind freundlich und hilfsbereit.» Besonders berührt ihn eine Szene am Strand der Playa Jutia: «Als unser Auto wegen leerer Batterie stehen blieb, kamen sofort mehrere Männer zu Hilfe – ohne dass wir fragen mussten», erzählt er.

Die Casas Particulares – also die privaten Unterkünfte – werden von allen gelobt. Sie seien mit viel Liebe gepflegt, oft sehr gut ausgestattet und herzlich geführt. «Das ist ein echtes Highlight», so Jonathan. «Die Gastgeber sind unglaublich nett, und das Essen ist durchwegs hervorragend.» Auch Enrique hebt hervor, dass diese Unterkünfte oft mit Klimaanlage, WLAN und sogar kleinen Restaurants ausgestattet seien – trotz Stromausfällen und schwieriger Logistik.

Das typische Kuba – noch immer da

Was uns alle berührt, ist diese eigenwillige Mischung aus Vertrautem und Neuem. Die alten Chevrolets, der Malecón, die Musik in den Strassen, Zigarren und Pferdekutschen – Kuba bleibt Kuba. Und doch verändert sich etwas.

«Das Denken der neuen Generation ist anders», sagt Kathy. «Sie träumen nicht mehr von der Revolution, sondern von einem selbstbestimmten Leben.» Auch Enrique meint: „Man sieht jetzt sogar hin und wieder Elektroautos in Havanna – das hätte ich nicht erwartet.»

Im Viñales-Tal scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Bild: Latin America Tours

Für Myriam ist ein Besuch bei einer kubanischen Bauernfamilie besonders bewegend: «Wie einfach sie leben – und wie fröhlich sie trotzdem sind», so ihr Eindruck. Momente wie diese erinnern daran, warum Kuba so einzigartig ist.

Jonathan zeigt sich beeindruckt von der Bedeutung der Musik im Alltag: «Man spürt überall, wie wichtig Musik ist – das gibt dem Land eine ganz besondere Atmosphäre», sagt er. Gleichzeitig fragt er sich, wie viel dieser Musik heute noch spontan passiert – und wie viel davon bereits für Touristen inszeniert wird.

Man kann nach Kuba reisen – mit den richtigen Erwartungen

Natürlich ist das Reisen in Kuba kein All-Inclusive-Erlebnis mit 24-Stunden-Zimmerservice. Man muss vorbereitet sein – auf Stromausfälle, Benzinknappheit, begrenzte Auswahl in Supermärkten.

Aber wer sich darauf einlässt, wird belohnt. «Kuba ist ein Land in der Ruhe vor dem Sturm», sagt Koni. «Wer das ursprüngliche Kuba noch erleben will, sollte jetzt reisen – bevor es final zusammenbricht oder amerikanisiert wird.»

Das Essen in Kuba bekommt von der Reisegruppe Bestnoten. Bild: zVg

Auch ohne Direktflüge aus Zürich bleibt Kuba erreichbar – mit einem Zwischenstopp. Und laut Myriam ist das für viele kein Hindernis: «Die Bequemlichkeit eines Direktflugs ist schön. Aber wer sich für Kuba entscheidet, nimmt auch einen Umstieg in Kauf», sagt sie.

Severin ergänzt: Ich würde Kuba zu 110 Prozent weiterempfehlen – mit dem Hinweis, die Reise über Spezialisten zu buchen.» Jonathan rät: «Unbedingt gut informieren – zu Unterkünften, Ausflügen und lokalen Gegebenheiten. Und: Wer Spanisch spricht, hat es deutlich leichter.»

Ein persönliches Fazit

Für mich ist diese Reise mehr als nur ein Wiedersehen mit Kuba – sie ist eine Erinnerung daran, wie viel dieses Land zu geben hat, wenn man bereit ist, hinter die Fassade zu schauen.

Dass ich Teil dieser besonderen Jubiläumsreise sein durfte, war für mich persönlich besonders bewegend – als Tochter, als Reisende und als jemand, der Lateinamerika seit Jahren beruflich begleitet.

Kuba bleibt ein Land, das berührt. Wer offen reist und sich auf das Echte einlässt, wird viel entdecken. Vielleicht gerade jetzt.