Hotellerie

Seit drei Jahren leitet der 38-jährige Franzose Luc Califano das Grand Hôtel du Lac in Vevey. Bild: HO

«Positive Lehren aus der Frankenstärke»

Wie gut schlägt sich die Schweizer Hotellerie? Luc Califano, General Manager vom Fünfsterne-Haus Grand Hôtel Du Lac in Vevey nimmt Stellung.

Herr Califano, wie ist das Geschäftsjahr 2016 für das Grand Hotel du Lac in Vevey gelaufen?

Luc Califano: Das Jahr war sehr zufriedenstellend, besser als das vorangegangene Jahr. Zwar schwächen sich die Effekte der Frankenstärke langsam ab; diese ist aber oft noch ein Hindernis beim Abschluss gewisser Geschäfte. Wir stellen immerhin eine Gewöhnung der Reisenden aus dem Euroraum an diese Frankenstärke fest. Die Gäste aus Nordamerika und Asien haben generell wenig auf die Währungsunterschiede reagiert. So sind wir weiterhin gut im Geschäft und zuversichtlich für die Zukunft. Zudem kann man aus dieser Frankenstärke auch positive Lehren ziehen: Sie hat nämlich zur verstärkten Hinterfragung der eigenen Konzepte und Verkaufsstrategien geführt. Die Schweizer Hotellerie wurde und wird gezwungen, sich durch mehr Innovation im extrem wettbewerbsintensiven globalen Umfeld abzuheben.

Welche Erwartungen haben Sie für 2017 denn konkret?

Grundsätzlich sind wir sehr optimistisch, allerdings im Wissen, dass die geopolitische Situation jederzeit Auswirkungen auf unser Geschäft haben kann. Was in Nahost passiert, die Machtwechsel in den USA, Grossbritannien oder Frankreich, die infolgedessen schwankenden Konjunkturen – all diese beeinflussen die Geschäftsreisepolitik von Unternehmen sowie das Vertrauen in gewisse Reiseziele von Privatpersonen. Auf der Plus-Seite stehen die enormen Entwicklungen im Kulturbereich, welche unsere Region und Vevey im Speziellen aktuell durchmachen. Die Eröffnung neuer Tourismusattraktionen im Raum Vevey, etwa die Chaplin’s World, das Alimentarium oder das Nestlé-Erlebniszentrum «Nest», dürften sicher mehr Besucher in die Region bringen. Sie bieten einen klaren Mehrwert für die Region, von welchem wir und auch andere Hotels profitieren dürften.

Wie ist das Verhältnis zwischen Leisure- und Geschäftskunden bei Ihnen?

Über das ganze Jahr betrachtet dominieren bei uns die Leisure-Kunden, sie machen etwa 60 Prozent der Kundschaft aus, gegenüber 40 Prozent Geschäftsreise-Kunden. Man muss dabei jedoch berücksichtigen, dass die grosse Mehrheit der Leisure-Kunden in den drei Sommermonaten bei uns haust. In diesen Monaten ist nämlich auch das Aufkommen der Besucher aus Nordamerika und Asien am höchsten, was für die Schweiz generell gilt. Der Geschäftsreisemarkt verteilt sich hingegen über das ganze Jahr, mit Ausnahme der Sommermonate. Zwischen Juni und September herrscht bei uns also ganz klar Hochsaison.

«Wer sich für ein Fünfsternhotel entscheidet, will ein Erlebnis haben»

Ist es schwierig, sowohl Freizeit- als auch Geschäftsreisende unter einem Dach unterzubringen?

Unser Vorteil ist, dass sich diese beiden Kundengruppen kaum je kreuzen. Wie bereits erwähnt haben wir im Sommer vor allem Freizeitkunden, während Geschäftsreisende – ob individuell oder in Gruppen – vor allem zwischen Oktober und April bei uns wohnen. So können wir unsere Angebote sauber auf die zu erwartende Kundschaft ausrichten.

Die Schweizer Hotellerie leidet, wie bereits angetönt, unter der hohen Währung und den hohen Lohnkosten. Was lässt sich konkret dagegen unternehmen?

Wir haben leider keine Einflussmöglichkeit auf den Frankenkurs oder auf das Schweizer Lohnniveau. Beide sind wesentliche Betriebsfaktoren für jedes Hotel. Um damit klarzukommen, muss man Innovationsgeist beweisen und sicherstellen, dass das Kundenerlebnis optimal ist. Im Verkauf wie in der Kommunikation ist « Swissness » eminent wichtig. Diese steht ja immer noch für Qualität, Nähe, Zuverlässigkeit und Sicherheit. Allerdings müssen wir in der Kommunikation noch lernen, gewisse mit Swissness verbundene Vorurteile abzubauen. Man hört ja immer, dass die Schweiz teuer ist. Gewiss ist sie das, aber gemessen woran? In Paris oder London sind die Preise gleich hoch, auch wenn es die Lohnkosten nicht sind. Des Weiteren muss man die legendäre Schweizer Diskretion wieder in den Vordergrund rücken. Das Vertrauen der Kunden in unser Land ist ein sehr wichtiges Gut.

Wie kann denn aus Ihrer Sicht die Schweizer Hotellerie künftig erfolgreich sein?

Das ist schwierig zu beantworten, zumal die Schweizer Hotellerie nicht alle Karten in der eigenen Hand hat. Die Politik hat hierzulande ein gewichtiges Wort mitzureden. Die Schweizer Hotel-Tradition muss aufrecht erhalten bleiben – was nicht heisst, dass man immer alles gleich wie früher machen muss, ganz im Gegenteil. Wir müssen uns an die Veränderungen in unserem Sektor anpassen, etwa an den Online-Vertrieb. Die meisten Hotelkunden wählen heute das Hotel aufgrund von Empfehlungen von Freunden aus, oder auch aufgrund der Qualität und dem Bilderreichtum auf einer Website. Dazu kommen noch die Hotelbewertungsportale. Auf all dies muss man sich einstellen können. Alles verändert sich sehr schnell und wir müssen stets wissen, was gerade neu oder angesagt ist, um darauf reagieren zu können.

Sie haben den Innovationsgeist angesprochen – was bieten Sie denn Spezielles im Hotel ?

Wir versuchen, den Aufenthalt für unsere Gäste unvergesslich zu gestalten. Wichtig ist hierbei der direkte Kontakt zu den Kunden. Der Service muss aufmerksam und freundlich, aber niemals aufdringlich sein. Das kann man als « klassisch » abtun, es ist für mich immer noch das A und O des Berufs, speziell in der Fünfsternhotellerie. Eine riesige Weinkarte, welche auf einem Ipad präsentiert wird, kann niemals die persönliche Empfehlung des Sommeliers ersetzen. Wir müssen zuhören, empfehlen, Erfahrungen teilen und Hilfe bieten – das garantiert einzigartige Aufenthalte. Die Technologie allein kann solches bislang zum Glück nicht vermitteln. Natürlich muss man aber den technologischen Fortschritt genau verfolgen. Wir arbeiten zurzeit an der kompletten Ersetzung unseres Entertainment-Systems in den Gästezimmern. Wir wollen nicht mehr das klassische Angebot aus Kabelfernsehen und Kinofilm-Auswahl anbieten. Der TV-Apparat in den Gästezimmern soll vielmehr als Verlängerung der persönlichen elektronischen Geräte unserer Kunden, also von deren Smartphones, Laptops oder Ipads, funktionieren. Ich glaube, dass alle Kunden, welche sich für ein gewisses Fünfsternhotel entscheiden, in erster Linie ein Erlebnis haben wollen. Das kann Unterschiedliches bedeuten, je nach Kunde. Vorauszusehen, was der Kunde will, und dies mit perfektem Service zu liefern, ist fundamental in unserem Job. Solch ein Serviceniveau kann man nur mit gut ausgebildetem und motiviertem Personal halten. Ich bin überzeugt, dass die Schweizer Hotellerie noch viele gute Zeiten vor sich hat.

(GWA)