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Erhabene Baumwipfelpfade: Dem Himmel ganz nah
Christian HaasSeit einigen Jahren schiessen sie wie Pilze aus mitteleuropäischen Waldböden: Baumwipfelpfade. Ganz vorne dabei ist Deutschland, das, Stand 2026, allein mehr als 20 davon beheimatet. In Österreich und der Schweiz ergänzen weitere spektakuläre Konstruktionen das Angebot, Tendenz steigend. Wobei sich das Grundsetting oft ähnelt: In Höhen von wenigen bis zu 25 Metern über dem Boden gewähren hölzerne Spazierpfade auf jeweils mehreren hundert Metern Länge ungewohnte Einblicke in die oberen Etagen von Eichen, Buchen, Tannen und Co. Begleitet werden die luftigen Wege von Infotafeln, Taststationen, Balancierelementen, Rutschen und exponierten Aussichtsplattformen, die das Thema Wald zum sinnlichen Erlebnis machen.
Und zu einem Erfolgsfaktor. So haben in Bad Wildbad seit 2014 rund 2,5 Millionen Menschen den «Baumwipfelpfad Schwarzwald» besucht. Bürgermeister Marco Gauger spricht daher von einem «zentralen Dreh- und Angelpunkt für den Tourismus in der Region». Auch andernorts sind die Zahlen bemerkenswert: Der «Baumwipfelpfad Saarschleife» etwa verzeichnet seit der Eröffnung 2016 mehr als 1,8 Millionen Gäste. Nicht nur die Tourismuszentrale des Saarlandes sieht die Sehenswürdigkeit als «touristisches Leuchtturmprojekt», das den Ort Mettnach als Natur- und Tourismusziel nachhaltig gestärkt habe.
Ein Grund für die anhaltende Beliebtheit dürfte die Massenkompatibilität sein. Im Gegensatz zu Klettersteigen und Hochseilgärten muss sich hier niemand anseilen. Ein- bis zweieinhalb Meter breite Stege und bauchhohe Geländer sorgen für Sicherheit am Bau(m), barrierearme und stufenlose Zugänge sind selbst für Rollstuhlfahrende, Familien mit Kinderwägen und geheingeschränkte Personen gut machbar. Kurz: Hier ist jeder und jede willkommen.
Der Trend begann in Deutschland 2003 mit dem 270 Meter langen «Baumwipfelpfad Fischbach» am Biosphärenhaus Pfälzerwald-Nordvogesen. Schade, dass die Anlage im Herbst 2023 geschlossen wurde. Längst haben jedoch andere Stelzenwege und Aussichtstürme die Pionierrolle übernommen, mehr noch: Sie sind in neue Sphären vorgedrungen, sowohl in puncto Höhe und Gestaltung, als auch bei der Länge. Auf stolze 1,3 Kilometer bringt es etwa der 2009 eröffnete Baumwipfelpfad im Nationalpark Bayerischer Wald. Sein barrierearmer Holzweg führt durch den Bergmischwald von Neuschönau bis auf 25 Meter Höhe. Wobei dann noch lange nicht Schluss ist.
Eine spiralförmige Rampe, die sich um eine imposante Baumgruppe windet, führt bis zum höchsten Punkt des 44 Meter hohen «Baum-Eis», grandiose Ausblicke über Mitteleuropas grösstes zusammenhängendes Waldgebiet inklusive. Mit dem Hans-Eisenmann-Haus, dem Infozentrum des Nationalparks, wartet am Wegende ein weiteres Highlight. Davon bietet auch der Eventkalender so einige, Stichwort «Yoga auf der Aussichtsplattform» und «Abendführung bei Vollmond».
Als Bauherr und Betreiber fungiert die Erlebnis Akademie AG, die mittlerweile noch mehrere Türme fertiggestellt hat, sowohl in Tschechien, Slowenien und anderen Ländern als auch in Deutschland. Dazu zählt der 2021 eröffnete Baumwipfelpfad in Heringsdorf auf der Insel Usedom. Mit 1,35 Kilometern hält er aktuell den deutschen Längenrekord. Und die Strecke hat es in sich, geht es doch durch die Kronen von Buchen und Kiefern bis auf 23 Meter Höhe, bevor der Aussichtsturm noch eins drauf setzt. Von dessen Spitze reicht der Blick über die drei Kaiserbäder und die Ostsee – stark.
Unterwegs vermitteln Lernstationen Wissenswertes über Naturpark, Flora und Fauna, während Balancier- und Erlebnisstationen für Abwechslung sorgen. Als echter USP fungiert ein riesiges begehbares Netz, auf dem Wagemutige über den hochhaushohe Abgrund wackeln und hüpfen können. Das trampolinartige Geflecht begeistert vor allem Kinder. Kein Wunder also, dass ein Gutteil der Besucher, die 2025 die Millionengrenze geknackt haben, Familien sind. Macht rund 250'000 Besucher pro Jahr!
Ganz so viele zieht der Baumkronenpfad im Nationalpark Hainich nicht an, aber etwa 150'000 sind immer noch beachtlich. Und das Jahr für Jahr seit 2005, was ihn im Übrigen zu einem der ältesten seiner Art macht. Zentrum und Höhepunkt des 540 Meter langen Weges stellt nach wie vor der 44 Meter hohe Baumturm dar, zu dessen oberster Etage überdies ein Aufzug führt. Egal, wie man hoch kommt: Der Blick auf den nahezu unberührten, uralten Buchenwald des Nationalparks, der nicht umsonst von der Unesco zum Welterbe ernannt wurde, ist zum Niederknien.
Gilt auch für erhabene Anlagen im Allgäu, Harz, Bergischen Land und Steigerwald. Dass es sich bei dem dort befindlichen Baumwipfelpfad bei Ebrach nicht nur um eine Touristenattraktion mit 42 Meter hohem Aussichtsturm handelt, beweisen indessen überdurchschnittlich viele Dauerkartenbesitzer. «Diese Personen aus der Region», so die Leiterin Sandra Fischer, «schätzen die zahlreichen Events wie Weihnachtsmarkt, Waldkino, Falknereivorführung. Es ist eben immer etwas los.» Dabei stehen die Flugshows von Spechten, die mehrere «Zimmer» in einem gut einsichtigen Totholzstamm bewohnen, noch nicht einmal im Programm. Umso mehr freut man sich da, wenn man Zeuge des regen Vogelverkehrs wird. Die Kleinen dürften sich aber noch mehr über die XXL-Murmelbahn am Wegesrand freuen. Kugel rollt, Junior läuft – so macht man Kindern spielend Beine!
Dass bei der Streckengestaltung der Fantasie keine Grenzen gesetzt sind, beweist nicht zuletzt der auf dem Sommerberg gelegene 1250 Meter lange «Baumwipfelpfad Schwarzwald». Neben der spektakulären Architektur samt Aussichtsturm sorgt die 55 Meter lange Tunnelrutsche für Ahs und Ohs. Stark auch, dass sich die Anlage im Winter regelmässig in eine aufwendig illuminierte Erlebniswelt verwandelt. Mehr Informationen.
Auch in Österreich...
Andere Vertreter bieten ebenfalls immer öfter (wenngleich eingeschränkte) Winteröffnungszeiten, darunter der Baumkronenweg in der 2026 deutlich erweiterten «WaldEntdeckerWelt» im oberösterreichischen Innkreis. Selbst in der kalten Jahreszeit lässt sich der über ein Kilometer lange Weg erleben, der durch die Baumkronen, vorbei an Spiel- und Erlebnisstationen und hinauf auf einen hohen Turm führt. Besonderer Clou sind hier die inzwischen 21 Baumhäuser, in denen sich gar eine Nacht im Wald verbringen lässt. Und was ist sonst los in Österreich? Neben dem «Glemmtaler Baumzipfelweg», der unter anderem über die 42 Meter hohe «Golden-Gate-Brücke der Alpen» führt, ist vor allem der 1,4 Kilometer lange «Baumwipfelpfad Salzkammergut» zu nennen.
Traumhaft am Grünberg bei Gmunden gelegen, windet er sich durch den Wald bis zum 39 Meter hohen XXL-Turm. Dieser bietet schliesslich einen weiten Blick über Traunsee, Traunstein und das Salzkammergut und die 75 Meter lange Tunnelrutsche einen schnellen und lustigen Abgang.
...und in der Schweiz
In der Schweiz wiederum hat sich die Szene in den vergangenen Jahren besonders dynamisch entwickelt. Dem landesweit ersten Baumkronenweg, dem 2018 in Mogelsberg im Kanton St. Gallen eröffneten, 500 Meter langen «Baumwipfelpfad Neckertal», folgten rasch weitere. Darunter der bei der Mittelstation Holenstein der Gondelbahn Grindelwald-Männlichen. Vier Plattformen, eine Rutschbahn und der Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau machen den vergleichsweise kleinen Pfad vor allem für Familien interessant. Auch deshalb, weil der Eintritt (abgesehen von der Bergbahnfahrt) nichts kostet, sonst eher unüblich.
Ebenfalls kostenlos, aber keineswegs umsonst ist der «Wipfelpfad auf der Fräkmüntegg» am Pilatus oberhalb des Vierwaldstättersees. Über zwölf Plattformen und breite Laufseile geht es durch den Wald, gesichert von hohen Netzen. Informationstafeln erzählen von Rothirschen, Flechten und anderen Bewohnern des Waldes. Zwar ist der kurze Parcours nach rund zehn Minuten bewältigt, doch rundherum warten Seilpark, Bergbahn und weitere Attraktionen.
Ähnlich gestaltet sich das Konzept im Freilichtmuseum Ballenberg im Berner Oberland. Natur, Handwerk und Schweizer Alltagsgeschichte werden hier auf spielerische Weise miteinander verbunden. Neu seit 2025 schlängelt sich nun auch ein Wipfelpfad auf rund 25 Metern Höhe durch die Baumkronen am Waldspielplatz. Eine acht Meter lange Rutschbahn bringt Mutige wieder auf den Boden, Feldstecher laden zur Vogelbeobachtung ein. Der Baumkronenweg fungiert hier eher als Teilaspekt des Gesamtangebots, ganz im Gegensatz zur «Senda dil Dragun» in Laax im Kanton Graubünden.
Der 2021 eröffnete Steg, der die Ortsteile Murschetg und Laax Dorf verbindet, ist für manche gar eine eigene Reise wert. Etwa für Rekordaffine, gilt er mit 1,56 Kilometer Länge doch als längster Baumwipfelpfad der Welt. Bis zu 28 Meter über dem Boden spazieren Besucher durch den Wald, mit vier Plattformen und fünf Erlebnisorten. Eine 73 Meter lange Rutschbahn, Kugelbahnen und inzwischen auch ein 30 Meter hoher «Vertical Drop» machen bei Bedarf aus dem Spaziergang ein ziemliches, wenn auch gut gesichertes Abenteuer.