Flug

Wieder einmal sind Passagiere gestrandet oder sitzen auf wertlosen Tickets: Die Airline-Pleitewelle reisst nicht ab. Bild: Fotolia

Kommentar Geld und Vertrauen verbrannt

Jean-Claude Raemy

In der europäischen Luftfahrt kam es in diesem Jahr zu mehreren gewichtigen Pleiten. Arbeitnehmer wie Passagiere sind wie immer die primären Opfer – obwohl von Muttergesellschaften und sogar Staaten stets Geld in die Luftfahrt eingeschossen wird. Wann wird die Politik mal in Sachen «Kundengeldabsicherung für Airlines» tätig?

Die Hiobsbotschaften im europäischen Airline-Sektor reissen nicht ab. Nun ist also auch die österreichische Niki pleite. Kurz davor war schon Darwin Airline gescheitert, früher im Jahr auch Air Berlin oder Alitalia.

Allesamt Airlines, die noch vor wenigen Jahren die Speerspitze der Europa-Expansion von Etihad Airways mittels Beteiligungen bilden sollten. Es sind aber auch Airlines, die schon zu jenem Zeitpunkt marode waren und letztlich trotz der Millionenzuschüsse aus Abu Dhabi auf keinen grünen Zweig kamen. Nachdem diese ihr Finanzinvestment revidierte und sich Schritt für Schritt zurückzog, kam es zum negativen Domino-Effekt.

Inzwischen ist medial das grosse Spiel der Schuldzuweisungen losgegangen. Etihad die Schuld am Untergang der Airlines zu geben, wäre vermessen – durch sie haben die genannten Airlines es noch einige Jahre länger am Himmel durchgehalten, als es vielleicht ohne Zuschüsse der Fall gewesen wäre. Man erinnert sich daran, dass Etihad die Entwicklung bei Air Berlin, an welcher sie 30 Prozent hielt, als «extrem enttäuschend» betitelte – indirekt also dem Management von Air Berlin die Fähigkeit absprach, einen Turnaround trotz Millionenzuschüssen zu erreichen.

Die EU-Kommission steht auch am Pranger: Die deutsche Bundesregierung «hätte sich eine einvernehmliche Lösung zwischen der EU-Kommission und der Lufthansa gewünscht», teilte Regierungssprecher Steffen Seibert heute Morgen mit. Dies, weil keine alternative Käufer für die Niki bereitstanden und das Grounding nun eine Folge davon ist, dass Lufthansa die Niki nicht übernehmen durfte. Die EU-Kommission hätte aber bei ihrer Grundaufgabe, den Erhalt eines fairen Wettbewerbs im europäischen Luftverkehr zu gewährleisten, beide Augen zudrücken müssen – und dies in extrem kurzer Zeit.

Es gibt fast nur Verlierer

Ein weiterer Verlierer sind übrigens die deutschen Steuerzahler. Die Bundesregierung hat nämlich auch informiert, dass «durch den unerwarteten Ausfall der Erlöse aus dem Niki-Verkauf der vom Bund verbürgte Kredit der KfW an Air Berlin möglicherweise nur zum Teil zurückgezahlt werden kann».  Der Bund werde alles tun, um den Schaden für den Steuerzahler zu begrenzen. Im Klartext: Die 150 Millionen Euro Kredit sind mindestens teilweise futsch. Ob die Einnahmen aus den Teilverkäufen an Easyjet und Lufthansa vollumfänglich für die Rückzahlung dieses Kredits aufgewendet werden können, ist zumindest fraglich. Hätte sich der Staat aus der Wirtschaft heraushalten sollen?

Es ist, wie nicht anders zu erwarten im grossen Poker um die Oberhand im sich konsolidierenden europäischen Flugmarkt, ein Tauziehen zahlloser Interessen. Bei Niki stehen jetzt rund 1000 Arbeitsplätze auf dem Spiel, wovon sicherlich nur ein Teil durch Anstellung bei Lufthansa/Eurowings oder anderen Airlines absorbiert werden kann. In der Schweiz sind rund 300 Arbeitsplätze bei Darwin betroffen. In einer Zeit, wo gewisse Airlines händeringend nach Personal suchen, ist dies aber nur vermeintlich gut: Grundsätzlich verspielen die Airlines viel Vertrauen. Wagt man noch die Bewerbung bei Unternehmen, welche nicht zu 100 Prozent solide sind?

Und dann wären ja noch die Kunden… Rund 60‘000 Passagiere sind jetzt dem Vernehmen nach nur schon vom Niki-Ende betroffen – sowohl Passagiere, die jetzt irgendwo gestrandet sind, als auch solche, die bald mit Niki fliegen wollten. Denn die Tickets sind jetzt wertlos. Rund 800‘000 Tickets sollen von gestern auf heute verfallen sein. Rückzahlung? Unwahrscheinlich. Schliesslich ist ja eine Kundengeldabsicherung bei Airlines weiterhin kein Thema.

Reisebüros, macht auf Eure Vorteile aufmerksam!

Vielleicht wäre es aus Sicht der Reisebüroverbände mal wieder an der Zeit, eine Werbekampagne zu schalten, in welcher die Vorteile einer Buchung über eine Agentur hingewiesen wird: Dank der Kundengeldabsicherung gibt es bei Buchung einer Pauschalreise für deren Kunden trotz der Insolvenz von Reisevertragspartnern keine bösen Überraschungen. Die Lobbyarbeit bei Airlines und der EU zugunsten einer Airline-Kundengeldabsicherung ist zwar löblich, aber dürfte letztlich wenig Erfolgschancen haben. Die fliegenden Kunden darauf einzuschwören, in Zeiten vieler (und grosser) Airline-Pleiten ihr Geld auch beim Kauf von Ferien vorsichtig einzusetzen, könnte grössere Wirkung haben.

Denn der alte Witz macht bereits wieder die Runde: «Wie wird man schnell Millionär? Indem man als Milliardär in eine Airline investiert.» Staatliche Zuschüsse, Zuschüsse anderer Airlines, Kooperationsvereinbarungen und mehr schützen im rauen Luftfahrt-Umfeld trotz allem nicht davor, schnell Kapital zu verbrennen und letztlich zu grounden. Wünschenswert wäre es, wenn es zugunsten der primär Geschädigten – die «kleinen» Arbeitnehmer und die Passagiere – endlich bessere Schutzmechanismen gäbe.