Flug

14. Oktober, 21.30 Uhr: Syrien wird umflogen, der Nordwesten des Irans noch nicht. Bild: Flightradar24

Das Umfliegen der Krisengebiete geht den Airlines ans Geld

Olivia Raths

Pulverfässer auf den Flugrouten zwischen Europa und Asien: Was es die Airlines kostet, wenn sie um immer mehr kritische Lufträume einen Bogen machen müssen. Travelnews.ch hat Aviatikexperte Clemens Bollinger befragt.

Seit einigen Tagen feuert Russland Raketen vom Kaspischen Meer auf Syrien ab. Die Angst, dass auf der vielgenutzten Flugroute zwischen Europa und Asien ein Flugzeug abgeschossen werden könnte, ist real seit dem Abschuss von Flug MH17 über der Ostukraine am 17. Juli 2014. Air France hat inzwischen spezielle Vorkehrungen für den Überflug des Iran und des Kaspischen Meeres getroffen. Einzelheiten nannte die Airline aus Sicherheitsgründen jedoch nicht. Bekannt ist, dass sie den Überflug über Syrien, den Jemen, den Irak, Libyen und die Ostukraine meidet. Auch andere europäische Airlines, darunter die Swiss, fliegen nicht mehr über Syrien.

Die Swiss verzichtet seit geraumer Zeit auf den Überflug von Syrien, dem Irak, dem Jemen, Libyen, der Krim, der Ostukraine, dem Nordsinai und dem Südsudan, wie Sprecherin Meike Fuhlrott auf Anfrage sagt. Dass die Swiss auch den Luftraum des Iran umfliegen wird, durch dessen Nordwesten die russischen Raketen fliegen, dafür sieht die Airlines «momentan keine Veranlassung». Die EASA habe keine spezifischen Empfehlungen bezüglich der Nutzung des Luftraums über dem Iran abgegeben, so Fuhlrott. «Wir beobachten die aktuelle Situation allerdings sehr genau und stehen in engem Kontakt mit den zuständigen nationalen und internationalen Behörden. Die Sicherheit unserer Passagiere und Crews hat für uns oberste Priorität.

Günstiger Ölpreis hilft wenig

Immer mehr Gebiete auf dem Weg von Europa ins südliche Asien sind nicht mehr sicher für den Überflug. Die Airlines müssen sich neue und längere Wege ans Ziel suchen. «Ein Flugzeug fliegt auf einer Alternativroute schnell einmal eine halbe oder ganze Stunde länger, und das geht ins Geld», sagt der deutsche Aviatikexperte Clemens Bollinger, der selber mit Flugzeugtreibstoff handelt, zu travelnews.ch.

Bei vierstrahligen Flugzeugen von der Grössenordnung Airbus A340 oder Boeing 747 werden laut Bollinger in 30 Flugminuten ungefähr 5000 Liter Kerosin verbraucht, bei zweistrahligen Maschinen grob die Hälfte. Bei einem Literpreis von aktuell gut 38 Rappen kostet der Umweg also rein treibstoffbezogen rund 1900 Franken respektive 950 Franken. Der grössere Posten seien Personal, Wartung und Abnützung der Maschine, je nach Flugzeugtyp etwa 8200 Franken pro halbe Stunde, erklärt Bollinger. Insgesamt schlägt eine halbe Stunde Umweg also mit 9000 bis 10'000 Franken zu Buche.

Obwohl die Kerosinpreise in den letzten anderthalb Jahren drastisch gesunken sind, würden die Treibstoff-Mehrausgaben die Airlines mit ihren dünnen Gewinnmargen von 3 bis 4 Prozent empfindlich schmerzen, wie Bollinger erklärt. Er schliesst nicht aus, dass umwegbedingte Mehrkosten auf die Passagiere abgewälzt würden. «Zudem wäre es für die Dispatch-Abteilungen der Airlines sehr aufwendig, wenn sie die Flug- und Einsatzpläne ändern und auf alle Beteiligten abstimmen müssten», so der Experte weiter.

Besonders betroffen von den immer schwierigeren Überflügen im Nahen und Mittleren Osten wären die Fluggesellschaften aus der Golfregion, die den europäischen Airlines in den letzten Jahren viel Wasser abgegraben haben. «Die Routenfrage würde sich den Golfcarriern, die viele Strecken zwischen Europa und der Golfregion unterhalten, besonders virulent stellen», sagt Bollinger.