Flug

Die Turbulenzen nehmen zu

Der Klimawandel soll für das zunehmende Auftreten von starken Turbulenzen im Flugverkehr verantwortlich sein.

Ende August geriet der United Airlines Flug 880 auf dem Weg von Houston nach London-Heathrow in starke Turbulenzen. Einige der über 200 Passagiere sowie die Crew wurden dabei an die Kabinendecke geschleudert. Das Ganze endete mit 23 Verletzten. Ein Passagier erzählte, wie das Flugzeug im einen Moment noch ruhig dahin glitt und dann im nächsten Moment plötzlich wie von einem Torpedo getroffen durch die Luft geschleudert wurde.

Die Boeing 767-300 musste auf dem irischen Shannon Airport notlanden. Und obwohl es keine Schwerverletzten gab, unterstreicht dieser Vorfall doch, wie gefährlich Turbulenzen sein können. Gewisse Experten sagen voraus, dass Turbulenzen zukünftig immer alltäglicher und schwerwiegender werden.

Dr. Paul Williams ist Mitglied der Royal Society, einer britische Gelehrtengesellschaft, und Professor am National Centre of Atmospheric Science an der University of Reading in Grossbritannien. Er ist der Meinung, dass die sogenannten Clear-Air Turbulenzen, das heisst Turbulenzen am wolkenfreien Himmel, stark zunehmen werden in den nächsten Jahren. Dies, weil der Klimawandel einen Einfluss auf die Stratosphäre habe.

Solche Turbulenzen tauchen normalerweise ohne jegliche Vorzeichen auf. Sie sind sehr schwer zu umfliegen, weil die Piloten sie nicht sehen können und weder Satelliten noch Bordradar sie erkennen. In den letzten Jahrzehnten war dieses Phänomen immer öfters zu beobachten.

Jetstream um 15 Prozent stärker

Die Turbulenzen führen weltweit jährlich zu Duzenden tödlichen Abstürzen kleiner Privatflugzeuge. Bei grösseren Passagierflugzeugen sind Turbulenzen Schuld an hunderten von Verletzungen. Und je mehr der CO2-Gehalt in der Atmosphäre steigt, umso mehr solche Zwischenfälle wird es geben.

Eine der Studien, die ein vermehrtes Vorkommen von Turbulenzen aufzeigt, wurde 2006 von der US-amerikanischen Bundesluftfahrtbehörde veröffentlicht. Sie zeigt, dass sich die Zahl der durch Turbulenzen verursachten schwerwiegenden Unfälle auf amerikanischen Flügen zwischen 1982 und 2003 verdoppelt hat. Ein beunruhigendes Ergebnis, vor allem, weil die Studie die wachsende Anzahl der Flüge in diesem Zeitraum mitberücksichtigt hat.

Das Australische Amt für Verkehrssicherheit wies 2014 in seinem Bericht über den Flugverkehr im australischen Luftraum ebenfalls auf einen starken Anstieg von Turbulenzen hin.

In seiner eigenen Forschungsarbeit weist Williams darauf hin, dass der Jetstream wegen des Klimawandels um 15 Prozent stärker werden könnte. Das würde einerseits bedeuten, dass manche Flüge in Zukunft länger dauern werden und andere kürzer. Andererseits könnten dadurch Flüge zu gewissen Zeiten wegen zu starken Turbulenzen gar nicht mehr möglich sein. Längere Flugzeiten können für die Airlines ausserdem zu erheblich höheren Betriebskosten führen: Es wird davon ausgegangen, dass ein Flugzeug pro zwei Extraminuten in der Luft im Schnitt etwa 378 Liter Treibstoff verbraucht, was rund 20 Millionen Dollar Extrakosten im Jahr verursachen würde.

Ultraviolettes Licht als Lösung?

Aber nicht alle sind der Meinung, dass die Turbulenzen insgesamt beträchtlich zunehmen oder dass der Klimawandel der Missetäter ist. Zahlen der britischen Luftfahrtbehörde Civil Aviation Authorithy sowie der Europäischen Agentur für Flugsicherheit zeigen keine signifikanten Veränderungen der Zwischenfälle durch Turbulenzen in den vergangenen Jahren. Allerdings sind Turbulenzen ein lokales Phänomen, beeinflusst durch die Jetstreams und andere Wetterbedingungen, die auf der Welt stark variieren können.

Es wird angenommen, dass die jährlich durch Turbulenzen verursachten Störungen in den USA bereits jetzt über 500 Millionen Dollar kosten. Nach Williams kann die Anzahl solcher Zwischenfälle reduziert werden, wenn einerseits natürlich die CO2-Emissionen gesenkt werden. Andererseits sollte die Vorhersage von Turbulenzen durch die Wissenschaft und durch genauere metrologische Prognosen verbessert werden.

Systeme, um Turbulenzen wirksam vorauszusagen, werden zurzeit entwickelt. Zum Beispiel gibt es eine Technik, mit der das Flugzeug ultraviolettes Licht entlang seiner Flugroute aussendet und durch die Reflektionen des Lichts drohende Turbulenzen erkennen kann. Und der Hersteller Rockwell Collins hat ein neues Wetterradar entwickelt, das mit zwei verschiedenen Graden der Turbulenzen-Erkennung ausgerüstet ist, „heftig“ und „ok zum fliegen“.

Flugzeuge umfassend mit solchen Systemen auszurüsten würde die Luftfahrbranche zurzeit mehr kosten als die Turbulenzen und deren Folgen. Es gibt also noch keine finanziellen Anreize für solche Investitionen. Aber vielleicht wird die Branche das alles nochmals überdenken, wenn die Turbulenzen zunehmen.

(BW)