Flug

Ausharren am Gate: Europas Flughäfen kämpfen auch in diesem Jahr mit vielen Verspätungen. Bild: Rémy Steiner Photography

Einwurf Der Freitagsflug, eine Geduldsprobe

Gregor Waser

«Schatz, ich fliege am Freitag zurück – vielleicht wird es etwas später». Der subjektive Eindruck, dass die Fliegerei in Europa am Freitagabend am anfälligsten auf Verspätungen ist, bestätigt der Blick auf die Statistik.

«Watch your step» – «watch your step». Ich sitze am Flughafen Schiphol und warte am Gate D41 auf Swiss-Flug LX735 nach Zürich. Es ist Freitagabend und der Flug hat 25 Minuten Verspätung. Die sich im Minutentakt wiederholende Durchsage, am Ende des Laufbandes die Füsse anzuheben, geht einem nach einem langen Arbeitstag auf die Nerven. «Watch your step».

«Schatz, ich fliege am Freitag zurück – vielleicht wird es etwas später» waren meine Worte am Mittwochmorgen vor dem Hinflug. Und es bestätigt sich einmal mehr: am Freitagabend wartet Ungemach an europäischen Flughäfen.

Ausgepumpte, vollbepackte Geschäftsreisende wollen nach Hause – das Gepäck einchecken möchten sie aber nicht, um nicht nach Ankunft noch fünf oder zehn Minuten am Gepäckband in Zürich warten zu müssen. Ebenso sind am Freitagabend viele ungeduldige Leisure-Reisende unterwegs, die das Wochenende für den Familienbesuch nutzen oder sich ins Event-Getümmel in einer anderen europäischen Stadt stürzen möchten. Am Freitag kommen sie alle zusammen, auch die, die in die Ferien jetten.

Das Boarding ist mittlerweile auf 19.45 Uhr verschoben. Doch schon um 19.20 Uhr gibt es vor Gate D41 eine endlose Warteschlange. Wieso bloss? Wir fliegen ja alle gemeinsam ab. Ist es die Angst bei der absehbaren Überbuchungssituation stehen zu bleiben?

Wohl eher: wer zu spät einsteigt, findet keinen Platz mehr fürs Handgepäck. So ist es dann auch: die 219 Passagiere sind mittlerweile zwar alle an Bord des ausgebuchten Airbus A321, doch die Flight Attendants versuchen verzweifelt, letzte Gepäckstücke zu verstauen – den Mitpassagieren, die unbedingt ihr sperriges Handgepäck in die Kabine nehmen müssen, sei dank. Das Gepäckchaos verursacht weitere 10 Minuten Verspätung. Die Pilotencrew, die den neu zugeteilten Slot erneut schwinden sieht, steht wohl kurz vor dem Wahnsinn.

Geduld, Geduld ist gefragt

Doch wann sollte man denn am besten fliegen, um das Risiko von Verspätungen zu minimieren? Der Flughafen Zürich nimmt dazu so Stellung: «Es ist schwierig vorauszusagen, an welchen Tagen es am wenigsten Verspätungen gibt. Da ist einerseits das Wetter – bei Biswind und Westwind sind wegen der kapazitätsmässig schwächeren Flugbetriebskonzepte immer viele Verspätungen zu verzeichnen – anderseits spielen auch die generelle Zunahme des Luftverkehrs und die Überlastung des europäischen Luftraums eine Rolle. Weiter haben Personalengpässe bei den europäischen Flugsicherungen, primär in Deutschland, negative Auswirkungen auf die Pünktlichkeit. In den letzten Jahren war zu beobachten, dass es vor allem an den Freitagen und den Sonntagen oft Tage mit über 100'000 Passagieren gab. Das wird vermutlich auch diesen Sommer gemäss den Prognosen so sein.»

Und was sagen die Statistiken von Airhelp, der Claim Agency, die sich für Passagierrechte einsetzt? Der Eindruck, dass Freitagsflüge oft betroffen sind, bestätigt sich. Gemäss Airhelp erfolgen die meisten unpünktlichen Flüge von und ab dem Flughafen Zürich am Freitag, gefolgt vom Sonntag, Donnerstag, Samstag, Montag und Mittwoch – das Risiko von Verspätungen am geringsten ist am Dienstag. Auch welche Routen am häufigsten von und nach Zürich am häufigsten von Verspätungen betroffen sind, weisen die Airhelp-Zahlen aus: Lissabon, Chicago, Boston, Delhi und Toronto.

Dass Flüge nach Zürich oft später ankommen, zeigt auch die Verspätungsstatistik von Eurocontrol, die Flüge mit einer Verspätung von 15 Minuten in der Statistik berücksichtigt. Waren 2018 in München 2 Prozent aller Flüge verspätet, in Wien 3,5 Prozent und in Frankfurt 3,7 Prozent, waren es in Zürich 14,5 Prozent. Zwar hat die Swiss für diesen Sommer mehr Reserve-Flugzeuge und -Crews in der Hinterhand, um die befürchteten Verspätungen abzufedern, doch auch in diesem Jahr dürfte die Fliegerei Nerven kosten, solange es den «Single European Sky» noch nicht gibt. Denn eine hilfreiche Gegenmassnahme wie etwa jene in den USA, wo die Frequenzen der Landeanflüge von 90 auf 60 Sekunden reduziert wurden, kommt beim Flickenteppich der vielen einzelnen Flugverkehrskontrollen in Europa kaum in Frage.

Geduld, Geduld ist also gefragt und das Ausharren am Gate im Gewirr der endlosen Flughafen-Durchsagen.

Übrigens, liebe Airline-Industrie, lieve Luchthafen Schiphol, dass ein einzelner Flug von Amsterdam nach London-Heathrow mit folgender Ansage wiederholt angekündigt wird – es werden alle acht Codeshare-Partner genannt – verdeutlicht, in welch bizarrer Flugwelt wir heute leben und was wartende Passagiere alles ertragen müssen: