Ferienland Schweiz

Die Theateraufführung «Ds Wilt Mandji» kommt aus dem Walliser Dorf Baltschieder und findet nur alle zehn Jahre statt. Bild: Christian Pfammatter

Wenn der wilde Mann Baltschieder heimsucht

Alle zehn Jahre erwacht in Baltschieder eine jahrhundertealte Tradition zum Leben. Ab dem 27. August kehrt «Ds Wilt Mandji» auf die Freilichtbühne zurück und verspricht auch diesmal eine zeitgemässe Neuinterpretation des historischen Theaterstücks.

Ah, Baltschieder! Am rechten Rhoneufer sind die sonnenverwöhnten Halden des Lötschbergs noch in Ordnung. Nichts stört die Idylle dieser Gemeinde am Eingang des wildromantischen Baltschiedertals, vom Talgrund bis zum Gipfel des Bietschhorns herrschen Ruhe und Frieden. Zudem steht die von fremden Einflüssen bewahrte Landschaft seit Langem unter Schutz.

Man könnte also meinen, dass nichts und niemand dieses harmonische Bild trüben könnte. Doch der wilde Mann kann. Alle zehn Jahre sucht die unheimliche Gestalt im Theater die Ortschaft heim, und nur mit einer ebenso wilden Jagd wird dem Treiben ein Ende gesetzt. Also alles wieder in Ordnung? Ganz so einfach ist die Sache nicht.

1485 erstmals aufgeführt

Um die Geschichte und Funktion des «Wilt Mandji» zu verstehen, muss man zurückblicken – und zwar richtig weit. Als Jagd- oder Fruchtbarkeitsspiel wird seinem Auftritt schliesslich eine jahrtausendalte Tradition in der Region attestiert. Erstmalig schriftlich erwähnt wird das Stück dann 1485 bei einer Aufführung in Raron, wobei es gemäss den Urkunden recht gesellig zugegangen sein muss.

Im 19. Jahrhundert schliessen sich Bühnen-Varianten in den verschiedensten Oberwalliser Gemeinden an, und seit rund 94 Jahren ist der wilde Mann im Freilichttheater von Baltschieder heimisch. Im Kern bleibt die überlieferte Handlung bei «Ds Wilt Mandji» dabei zwar immer gleich, doch der Stoff wird ständig neu interpretiert. Das wird auch bei den fünf Aufführungen von Ende August und Anfang September nicht anders sein.

Sündenbock gesucht

Im Stück begeht der mit Tierfellen und Moos bekleidete Protagonist ein Verbrechen und das Dorf reagiert. Jäger verfolgen den wilden Mann, erwischen ihn schliesslich und bringen ihn vor Gericht. Nach dem Urteil wird er hingerichtet. Auf den ersten Blick scheint dies ein klassischer Plot zu sein, in dem der «primitive Heide» das Böse verkörpert, das die gute christliche Gemeinschaft bedroht. Aber eben: Die Realität ist komplexer.

Die Inszenierung des Stücks wandelt sich bei jeder Ausgabe. Bild: Christian Pfammatter

Gerade in den jüngeren Aufführungen hält «Ds Wilt Mandji» dem Dorf auch immer einen Spiegel vor. Denn dort sind auch nicht immer alle unschuldig. Dazu kommt, dass seit der letzten Ausgabe von 2017 viel Wasser die Rhone hinuntergeflossen ist. «Das Publikum darf also gespannt sein, welche zusätzlichen Themen das Theater diesmal aufnimmt. So oder so bleibt der wilde Mann, was er seit Jahrhunderten ist – aktuell», sagt Co-OK-Präsident Ivan Pfammatter.

Mehr Informationen unter loetschberg-region.ch

(BHA)