Ferienland Schweiz
Klassiker auf Schmalspur: Die Montreux Berner Oberland Bahn wird 125
Christoph AmmannVor kurzem wurde in Les Avants hoch über dem Genfersee eine Gedenktafel enthüllt: Sie würdigt das 125-Jahre-Jubiläum der Montreux Berner Oberland Bahn (MOB). Am 17 Dezember 1901 kurfte der erste Zug auf dem Streckenabschnitt vom Bahnhof Montreux hoch nach Les Avants auf 1000 Meter über Meer. Vier Jahre später war die 62 Kilometer lange Strecke zwischen Montreux und Zweisimmen fertig gebaut. Es war die erste voll elektrifizierte Bahnlinie auf Schweizer Boden.
«Wir sind sehr stolz auf die Pionierleistungen und das Erbe der MOB», sagt Yves Marclay. Wenn er aus seinem Bürofenster am Bahnhof von Montreux blickt, kann er die abfahrenden und eintreffenden MOB-Kompositionen beobachten. Gerade nimmt eine internationale Schar Passagiere die Waggons des Golden Pass Express in Beschlag.
Der Zug startet seine Reise vom Genfersee durch die Waadtländer und Fribourger Alpen über die Sprachgrenze ins Saanenland und weiter durchs Simmental zum Thunersee und nach Interlaken. Am 1. Juni 2025 trat Yves Marclay die Stelle als Generaldirektor der MOB an. Der 49-jährige Unterwalliser ist Bähnler durch und durch, bringt als ETH-Maschinenbauingenieur aber auch viel Knowhow und Verständnis mit für die anforderungsreiche Infrastruktur und Technik der MOB.
Umspuranlage: eine Sensation
Seit Dezember 2022 fährt der Golden Pass Express mit seinen Panoramawagen von Montreux in drei Stunden und 15 Minuten bis Interlaken-Ost durch. «Dank einer technischen Sensation», sagt Marclay. Der Zug wechselt nämlich auf der Umspuranlage in Zweisimmen von der Schmalspur der MOB auf die Normalspur der BLS.
Derweil die Komposition aus Montreux mit 15 Stundenkilometern auf die Umspuranlage rollt, richten sich Klappen auf und stützen die Wagen. Darunter verbreitern sich die variablen Drehgestelle mit den Rädern von einem Meter auf 1435 Meter Spurweite. Der technisch eindrückliche Umspurprozess dauert gerade mal acht Minuten und gilt in der Szene der Panoramazüge als revolutionär.
Im Laufe ihrer 125-jährigen Geschichte wurde die Schmalspurbahn, die trotz beachtlicher Steigungen ohne Zahnrad-Support auskommt, zu einem enorm wichtigen Player und Klassiker im Schweizer Tourismus. Und sie trug massgeblich zur wirtschaftlichen und touristischen Entwicklung in den Waadtländer und Fribourger Alpen bei, vor allem aber auch im Saanenland. Nicht ganz zufällig findet ein Hauptevent im Jubiläumsjahr 2026 in Gstaad statt – ein symbolischer Ort, der die enge Verbindung zwischen der MOB, der Region und dem Schweizer Tourismus widerspiegelt.
Am 21. August werden MOB-Züge aus beiden Richtungen am Bahnhof des Nobelortes eintreffen und Bundesrat und Verkehrsminister Albert Rösti wird die Geschichte und Verdienste der MOB würdigen. «Wir begehen das Jubiläum an weiteren Bahnhöfen entlang der Linie», erläutert Yves Marclay. «Die MOB ist fest verankert bei unseren 480 Mitarbeitenden und der Bevölkerung. Deshalb haben wir uns für eine dezentrale Ausrichtung der Feier entschieden.»
Die ersten Schmalspur-Panoramawagen
Die Umspuranlage in Zweisimmen war ein Meilenstein in der MOB-Timeline. Doch auch andere aufsehenerregende Innovationen prägten die Geschichte: 1975 nahm die MOB als erste Schmalspurbahn Panoramawagen in Betrieb. Seit Mitte der 2000er-Jahre setzt die MOB mit der Belle-Epoque-Komposition ein starkes Zeichen für Tradition und Handwerkskunst.
Die historischen Wagen waren in der firmeneigenen Werkstätte restauriert und auf den neusten technischen Stand gebracht worden. Heute verkehrt der Golden Pass Belle Epoque zweimal täglich von Montreux nach Zweisimmen und in umgekehrter Richtung.
Zwischenzeitlich nahm die MOB gar strategische Bedeutung ein. Als im Zweiten Weltkrieg der Tourismus einbrach, wurde die Betreibergesellschaft von der Eidgenossenschaft finanziell unterstützt; die Bahnstrecke galt als Lebensnerv in Richtung Réduit.
MOB-Generaldirektor Marclay wird es nach dem Jubiläum kaum langweilig: «Die nächsten Jahre bringen grosse Herausforderungen. Alles muss bei der MOB perfekt zusammenspielen, damit wir unsere einspurige Bahnstrecke, die fast zu 40 Prozent aus Kunstbauten wie Tunnels oder Brücken besteht, modernisieren können.» Und der Generaldirektor gibt zu bedenken: «Alles ist eng getaktet. Und wir dürfen nicht vergessen: Die Strecke führt durch eine Bergregion, auch die Natur spielt mit.»