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Einwurf Der lange Schatten des Jürg Schmid
Peter KuhnNein, mit einer internen Lösung für die Nachfolge von Jürg Schmid (55) bei Schweiz Tourismus (ST) konnte und wollte niemand rechnen. Der ST-Vorstand hat mit der Wahl von Martin Nydegger (46) überrascht, oder – wie auch ST-Mitarbeitende festhalten – «ziemlich erschüttert» und für den «Witz des Tages» gesorgt. Wohin man auch hörte, alle Insider waren unisono der Meinung, die ST-Geschäftsleitung sei (mit Ausnahme des 60-jährigen Vizedirektors Urs Eberhard) nicht derart aufgestellt, dass man sich daraus bedienen könnte.
Massgebend war dabei, dass sich Jürg Schmid vorwiegend mit Kopfnickern umgab und starke und deshalb störende Elemente auf subtile Weise entsorgte (Rafael Enzler, Daniela Bär und andere lassen grüssen). Gewiss, es gab auch Lob für den in weiten Kreisen «völlig unverständlichen Entscheid». Dass dieses vornehmlich aus Kreisen zu vernehmen war, die sich der Gunst des neuen Chefs sichern wollen, versteht sich von selber. Hinter vorgehaltener Hand tönt es anders.
Ein genauerer Blick hinter die Kulissen zeigt folgendes Bild: Der 13-köpfige Vorstand unter Präsident Jean-François Roth hat bereits vor sieben Jahren einen in weiten Tourismuskreisen unverständlichen Entscheid getroffen, als er den fahnenflüchtigen Jürg Schmid nach seinem SBB-Abstecher entgegen allen Empfehlungen aus HR-Kreisen wieder als ST-Direktor installierte und ihm so eine Art Blanko-Check ausstellte. Diesen hat der begnadete Selbstdarsteller denn auch genutzt und sich in der Öffentlichkeit ein nahezu makelloses Image geschaffen.
Dies war jüngst aber aus verschiedenen Gründen (Gehalt, Abgänge aus der Geschäftsleitung) etwas angeschlagen. So hat er denn den Weg in die Selbständigkeit gewählt. Und er ist dabei bereits fündig geworden: Seit gestern ist er als CEO von ST auch noch Präsident von Graubünden Tourismus. Und dies mit dem Segen des ST-Vorstands. Weitere Mandate aus dem Tourismus werden wohl folgen.
«Die Frage nach anderen Kandidaten stellt sich»
Der ST-Vorstand betont, dass er in Zusammenarbeit mit der Headhunter-Firma Spencer Stuart aus einer Vielzahl «ausgezeichneter Bewerbungen» den «bestgeeigneten Kandidaten» gewählt habe, der mit seinem Background, der internationalen Erfahrung und dem «weltoffenen Geist» im Hinblick auf eine – offenbar erwünschte — Kontinuität überzeugt habe. Die beiden letzten Kriterien waren entweder selbstverständlich oder nicht Teil der Ausschreibung, und die internationale Erfahrung konnte Nydegger während seiner GL-Tätigkeit wenig nutzen, da er für das vorwiegend nationale Business Development zuständig war.
Ohne dem ebenso smarten wie «coolen», loyalen, umgänglichen und von ST-Insidern «Mr. Teflon» genannten Nydegger zu nahe treten zu wollen, die Frage nach anderen Kandidaten stellt sich. Wenn es, wie die ST-Mitteilung suggeriert, keine gab, hätte der Vorstand geeignete Persönlichkeiten direkt angehen können, ja müssen, gab es sie doch. Er hat dies offenbar nicht getan. Damit hat er sich nach 18 Jahren Schmid für Kontinuität entschieden und einmal mehr seine beschränkte Kompetenz bewiesen.
Ist nur ein Schelm, wer hinter der ganzen Übung den Inhaber des 2010 ausgestellten Blanko-Checks vermutet, der – nicht zuletzt im Blick auf seine eigene Zukunft – dem Vorstand seinen bevorzugten Nachfolger beliebt gemacht hat? Damit hätte er dafür gesorgt, dass sein selbstgesetztes «Denkmal» in jedem Fall nicht gestürzt wird. Es stellt sich deshalb die Frage, ob der gegenwärtige ST-Präsident nicht baldmöglichst abgelöst werden sollte. An Martin Nydegger liegt es nun zu zeigen, dass all’ dies nur böswillige Vermutungen oder Unterstellungen sind. Viel Glück!