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«Wir sehen in der Schweiz noch sehr viel Potenzial für Südafrika»
Jean-Claude RaemyKürzlich erklärte der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa, dass Südafrikas Tourismusindustrie alles unternehmen soll, um bis 2030 die internationalen Besucherzahlen von aktuell 10,5 Millionen auf 21 Millionen zu verdoppeln. Das ist ein ambitiöses Ziel, gerade auch, weil von den 10,5 Millionen Besuchern aktuell 2,6 Millionen aus Übersee kommen und das Ziel dort lautet, vier Millionen Besucher zu erzielen (das restliche Wachstum erfolgt innerhalb des afrikanischen Kontinents).
Wie vorgehen? Um dieser Frage nachzugehen, befindet sich eine hochrangige Delegation aktuell auf Tournee durch Europa: Sthembiso Dlamini (Acting Chief Executive Officer South African Tourism), Tshifhiwa Tshivhengwa (CEO Tourism Business Council of South Africa) und David Frost (CEO Southern Africa Tourism Services Association) haben Kernmärkte definiert und sprechen dort einerseits mit Reiseveranstaltern, andererseits auch mit der Presse. Den Auftakt machten sie in der Schweiz, in Zürich, bevor es weiter nach Wien, Frankfurt und London geht und dann in die USA, nach China, Indien, Australien und Nigeria.
Travelnews hat nachgefragt, was die brennenden Themen sind.
Die Schweiz ist ein Kernmarkt für Südafrikas Tourismus. Können Sie das etwas näher definieren?
Sthembiso Dlamini: Die Schweiz ist für uns sehr wichtig. Wir haben ein ambitiöses Wachstumsziel und mussten definieren, wo wir dieses Wachstum herholen können. Die Schweiz gehört zu Zentraleuropa, oder zum D/A/CH-Markt, der für uns ein «Bread & Butter Market» ist, unter den Übersee-Quellmärkten klar die Nummer 1. Damit wir weiter wachsen können - und die Zahlen waren zuletzt leider etwas rückläufig - wollen wir uns persönlich über den Stand der Dinge, die Probleme und Möglichkeiten, mit den Spezialisten unterhalten.
Tshifhiwa Tshivhengwa: Die Schweiz mag ein kleiner Markt sein, aber der «Impact», den Schweizer Touristen auf unser Land haben, ist enorm. Selbst wenn wir die Nachfrage aus der Schweiz bis 2030 um nur 50 Prozent steigern können, wäre das ein riesiger Schritt für unser Land.
Welches sind denn dringliche Probleme im südafrikanischen Tourismus?
Sthembiso Dlamini: Zum einen müssen wir unsere Kommunikation verbessern. Wir müssen klar erzählen, wofür Südafrika steht und was es hier zu tun gibt. Zum anderen müssen Sorgen potenzieller Kunden angesprochen werden, etwa in Bezug auf die Sicherheitslage in Südafrika. Wir müssen bekannt machen, dass wir uns ernsthaft um die Sicherheit von Touristen kümmern.
Können Sie dazu Beispiele geben?
Tshifhiwa Tshivhengwa: In den vergangenen Jahren wurde Kriminalität immer wieder als eine der grössten Sorgen von Reisenden angebracht, und hat möglicherweise viele Touristen von einer Reise nach Südafrika abgehalten. Wir werden nun an verschiedenen Orten Technologie einsetzen, um für mehr Sicherheit zu sorgen - obwohl wir im Vergleich zu anderen Ländern gar nicht schlecht dastehen in punkto Kriminalitätsstatistik. Aber wir nehmen die Sorgen ernst. Zum Beispiel werden wir deshalb nun auf Drohnen setzen. Wir werden auch ein «Tourism Monitors»-Programm aufziehen; dies sind Helfer, welche an touristischen Orten Hilfe anbieten, Ratschläge geben und mit ihrer Präsenz für Sicherheit sorgen, aber nicht eine eigentlich Polizeikraft darstellen. Auf dem Tafelberg in Kapstadt beispielsweise sind bereits zahlreiche einheimische «Tourism Monitors» im Einsatz.
Darüber hinaus soll die Information untereinander verbessert werden. Wenn irgendwo etwas passiert - darin sind auch infrastrukturelle Behinderungen oder Proteste oder dergleichen enthalten - wird dies sofort weitergegeben. Wir erstellen eine «Safety App», welche Reiseveranstalter nutzen können, um im Notfall an wesentliche Adressen zu gelangen oder Informationen über mögliche Behinderungen zu erhalten, welche sie wiederum an ihre Kunden weitergeben können.
David Frost: Es handelt sich also um eine B2B-App - DMCs stellen den Reiseveranstaltern die notwendigen Informationen zur Verfügung. Wir wollen so, indirekt, den Touristen mittels Real-Time-Information helfen, sich nicht in potenziell problematische Situationen zu begeben.
Es ist wichtig festzuhalten, dass die jetzigen Initiativen nicht einfach Lippenbekenntnisse sind. Tourismus wurde als wesentliche Wachstumsindustrie von nationalem Interesse definiert. Nebst den genannten Initiativen zur Sicherheit sind sehr viele infrastrukturelle Initiativen in Gang - neue Strassenverbindungen oder auch Verbesserungen bestehender Infrastruktur. Sichtbar ist dies beispielsweise bereits in der Provinz Mpumalanga, wo aktuell viele Projekte umgesetzt werden. Allgemein sind die Strassen in Südafrika aber eigentlich schon recht gut.
«Es entsteht derzeit eine Art neuer Great Ocean Road.»
Wir haben bislang über Initiativen innerhalb Südafrikas gesprochen. Was passiert international? Sind Kampagnen geplant?
Sthembiso Dlamini: Grundsätzlich ja. Wobei es heute ja darum ging, von den Spezialisten zu hören, was diese umtreibt. Wir haben dabei interessante Sachen gehört. Es wird viel gefragt, was der «Wert» des Tourismus für Südafrika ist und was Reisende tun können, um auch etwas «zurückgeben» zu können. Reisende wollen heute das Gefühl haben, mittels ihrer Reisen zur Entwicklung und Nachhaltigkeit beigetragen zu haben. Wir müssen deshalb unser ganzes touristisches Angebot neu denken und neu verpacken. Natürlich wollen Reisende in Südafrika relaxen und erleben - aber nicht mehr nur das, es müssen neue Komponenten hinzukommen.
Wir werden mit den Reiseveranstaltern mit diesem Ziel vor Augen gemeinsame Marketingkampagnen durchführen, das ist wichtig. Wir müssen glaubwürdige Inhalte vermitteln und die relevanten Informationen dort anbringen, wo der Konsument sucht - auch und verstärkt in sozialen Medien.
Tshifhiwa Tshivhengwa: Es wird immer davon gesprochen, welche «Value», also welchen Wert, Ferien in Südafrika haben, also was man für sein Geld erhält. Das liess sich früher einfacher beantworten. Heute wird auch danach gefragt, welche «Value» ein Reisender in einen Markt hineinbringen kann. An dieser Stelle darf man festhalten, dass jeder 12. Tourist einen Job in Südafrika generiert.
David Frost: Wir haben heute neue Perspektiven erkannt. Wir haben uns bislang stark mit Themen wie eben Kriminalität oder Infrastruktur befasst, doch diese sind nicht in jedem Fall die grösste Sorge von Anbietern bzw. Reisenden. Wir wollen also zwar mitteilen, dass wir uns mit den erstgenannten Problemen befassen und nicht die Augen davor verschliessen, aber auch positive Meldungen verbreiten, dass Südafrika in der Regel viel mehr bietet, als allgemein erwartet wird. Wir haben zwar jetzt schon eine Repeater-Rate von 40 Prozent bei Schweizer Reisenden, hoffen aber diese noch weiter zu erhöhen, während wir auch grössere First-Timer-Anteile erreichen. Das Teilen persönlicher Eindrücke auf sozialen Medien spielt dabei eine gewichtige Rolle.
Südafrika ist in den Augen vieler primär mal Kapstadt, Krüger und vielleicht die Garden Route. Wird auch aktiv an einer Diversifizierung des Angebots gearbeitet?
David Frost: Wir müssen die Touristen geografisch besser verteilen. Wir sprechen in Südafrika zwar noch nicht von Overtourism, aber es gibt, gerade in Kapstadt, schon zwischenzeitlich ein grenzwertig hohes Aufkommen.
Shtembiso Dlamini: Die Reiseveranstalter haben ganz klar gesagt, dass sie neue Produkte wollen. Wir müssen in anderen Regionen des Landes Produkte definieren bzw. finden, welche für den - in diesem Falle Schweizer - Markt geeignet sind.
David Frost: Viele Produkte sind eigentlich schon vorhanden. Aber sie wurden bislang falsch vermarktet. Sie haben die Garden Route erwähnt: Zahlreiche Orte entlang der Garden Route haben sich bislang einzeln vermarktet und gesagt, man solle sie doch besuchen. Aber das funktioniert nicht. Wir haben all diese Orte dazu gebracht, sich als Region zu sehen, als touristische Einheit, die auch einheitlich vermarktet wird. Wir koordinieren aktiv zwischen DMCs und einzelnen Anbietern, um die passenden Produkte zu entwickeln, natürlich auch in Rücksprache mit Reiseveranstaltern in den Quellmärkten. Es entstehen derzeit ganz interessante neue Produkte. Ein Beispiel ist die Region Overberg, östlich von Kapstadt, die gemeinsam mit der Weinregion von Elgin, dem Kap Agulhas, dem südlichsten Punkt Afrikas, sowie der Stadt Gansbaai sich nun gemeinsam zu vermarkten versucht. Das bringt auch die Regierung auf den Plan: Bislang kommt man von Gansbaai nicht direkt zum Kap Agulhas - nun wird über eine neue Strasse zwischen den beiden Punkten debattiert. Das könnte eine neue Panoramastrasse geben, eine neue «Great Ocean Road».
Nicht zuletzt wollen wir natürlich Themen-Cluster schaffen. Gastronomie- und Wein-Regionen schaffen, wo diverse Orte gemeinsame Produkte entwickeln. Man könnte so die Touristenflüsse umkehren: Gehe in die Region, und unternehme von dort Tagestrips nach Kapstadt oder sonstwo, statt umgekehrt.
Ach ja, und Johannesburg ist eine tolle, lebhafte Stadt, die sehr viel zu bieten hat. Das wissen noch viel zu wenige Leute und es ist unser Ziel, dass Reisende mehrere Tage dort verbringen, um alles erleben zu können. Soweto wurde bisher besser vermarktet als Johannesburg!
Tshifhiwa Tshivhengwa: Ich möchte hier auch noch den Nordwesten des Landes erwähnen. Man kann dort tolle Safaris erleben, und es gibt schon viel Tourismus-Infrastruktur. Bislang besuchen die meisten Reisenden lediglich drei unserer neun Provinzen. Wir haben noch viel Arbeit vor uns, um unser Angebot besser zu diversifizieren und neue Erlebnisse nicht nur zu schaffen, sondern auch zu vermarkten. Ich sehe auch noch viel Potenzial im Bereich Golf, oder auch im Bereich der Kultur. Fragt man Europäer danach, was sie kulturell von Südafrika sehen möchten, hört man immer, dass sie gerne die Zulu-Kultur erleben möchten. Was ist mit den Xhosa, den Pedi und sonstigen Kulturen? Wir sind ein riesiger Schmelztiegel, der so viel mehr zu bieten hat als allgemein angenommen wird!
Kurz: Die Produkte müssen nicht unbedingt vermehrt, sondern verfeinert und besser vermarktet werden.
«Südafrika wird die Erwartungen der Reisenden immer übertreffen.»
Aus Schweizer Sicht konkurriert Südafrika innerhalb Afrikas mit Kenia, global wohl mit Australien. Welche USPs hat Südafrika in diesem Konkurrenzkampf in die Schale zu werfen?
Sthembiso Dlamini: Ich würde sagen, es sind die Südafrikaner selber. Sie sind herzlich, willkommend, sie sind das Herz unseres Tourismus.
David Frost: Wir haben einfach alles, wir decken so viele Bedürfnisse ab. Natur, Tiere, Küste, Gastronomie, Nacht-Safaris, man kann sogar Mode erwähnen, gutes Wetter, ein super Preis-/Leistungsverhältnis. Und wir sind günstiger als Australien.
Tshifhiwa Tshivhengwa: Für den Schweizer Franken kriegen Sie ganz schön viel in Südafrika. Und: Südafrika wird die Erwartungen der Reisenden immer übertreffen.