Cruise

Einwurf Cruiser, die neuen Pauschaltouristen?

Martin Reber

Unser Autor, Reisebüro-Inhaber Martin Reber, blickt zurück und macht sich Gedanken, wer seine künftigen Kunden sind.

Tja, gibts denn Pauschalarrangements überhaupt noch? Das fragen sich viele Reiseberaterinnen und Reiseberater seit längerem. Das waren noch Zeiten, als der Kunde reinkam, den zugestellten Prospekt unter dem Arm griffbereit und kaum am Schalter Platz genommen, zielstrebig Seite 35 aufschlug. Es folgte: Buchung für zwei Wochen (Abreisetagsoptionen: eine), Flugauswahl (eine Airline), Transfer mit dem Hotelplan-Bus (die Sozis), dem Imholz-Bus (die Schnäppchenjäger) oder mit dem Kuoni-Bus (die Snobs). Die Priorität war klar: Strandhotel, mindestens Dreisterne besser Fünfsterne (die Kuonianer). Am Ferienziel angekommen, wurde man selbstverständlich vom Schweizerdeutsch- oder Französischsprechenden Fräulein in entsprechender Uniform empfangen.

Die Hotelverträge wurden nach dem Motto: „Achtung, hier kommen anspruchsvolle Schweizer“ abgeschlossen, da passten Neckermänner oder gar Engländer nicht rein. Wenn schon, wollte man seine Ferien vorzugsweise mit Holländern, ein paar Österreichern oder gutsituierten Einheimischen verbringen. Der Verkauf der Reise in der Filiale war ebenso ungezwungen wie effizient. Die Buchung verlief innert Minuten, danach wurde bei einem Kaffee noch etwas philosophiert — natürlich alles im Rahmen der Kundenpflege — und fertig. Umsatz: 4000 Franken, Zeitaufwand: 20 Minuten! Der Kunde war glücklich, der TO happy und das Reisebüro auf dem besten Weg in die Championsleague der Komissionsbezüger aufzusteigen. Und für die Reiseberaterin stand eine tolle Studienreise an, die von Leistungsträgern grosszügig offeriert wurde.

Doch heute zeigt sich ein anderes Bild: Der Aufwand für die 4000 Franken Umsatz ist von 20 auf 200 Minuten angestiegen und natürlich handelt es sich dann nicht mehr um ein Pauschalarrangement, sondern um praktiziertes Micro-Touroperating. Unter diesen Voraussetzungen kann der Job nur noch von einer schlecht ausgebildeten Billigarbeitskraft ausgeführt werden. Das spiegelt sich dann halt entsprechend in der Qualität der Beratung. Aber wer will denn heute noch Beratung — jeder weiss längst, was er will. Dank Google, der massgeschneiderten Flugofferte von Easyjet oder Swiss und aufgrund des tollen, von schönen Fotos untermauerten Angebots des Hotels, das wie von selbst in der Email-Inbox gelandet ist.

Die Buchung ist innert Minuten abgewickelt, mit nur einem einzigen Leistungsträger.

Beim Besuch im Reisebüro geht es einzig und allein noch darum, herauszufinden, ob sie dasselbe Angebot allenfalls zum gleichen Preis offerieren können. Und ob sie allenfalls die Verantwortung übernehmen würden (wegen des Rückforderungskatalogs, der von Brüssel festgelegt ist). Also stellen wir uns auf Micro-Touroperating ein, buchen mal da und mal dort und nutzen auf eigenes Risiko (Pauschalreisegesetz...) das World-Wide-Web. Beim TO landen — mit viel Goodwill — noch ein paar einzelne Komponenten. Die Filialleitung grämt sich derweil über den Umsatzrückgang.

Nun denn, meine Lösung lautet: Bucht Kreuzfahrten, dann habt ihr das klassische Pauschalarrangement wieder! Kreuzfahrer (klingt irgendwie wie Kreuzritter, also dann nehmen wir doch lieber Cruiser) sind die einzigen verbliebenen Pauschalbucher. Hier herrscht Aufbruch und keiner gräbt am Kommissionsmodell. Täglich wird ein neues Schiff vom Stapel gelassen, die Industrie hat kontinuierlich Grossinvestitionen getätigt und glaubt in Anbetracht der Terrorbedrohung ans höchst flexible schwimmende Resort: notfalls wechselt man einfach — mit einschneidenden wirtschaftlichen Folgen — die angelaufenen Häfen. Manche sagen, es gebe zu viel Kapazität. Aber hallo — zwei Drittel der Erdoberfläche sind mit Wasser bedeckt. Das Terrorrisiko ist gleich Null, die Preise tief und seitens der Reisebüromitarbeiter spürt man Wohlwollen. Die Buchung ist innert Minuten abgewickelt, mit nur einem einzigen Leistungsträger und der Retailer bleibt, was er ist: Ein Wiederverkäufer, auch vor dem Pauschalreisegesetz.