Trips & Travellers
«Eine Offerte von Kontiki soll innerhalb von 48 Stunden beim Reisebüro sein»
Reto SuterDer Hitzesommer 2026 hat einem Reisetrend zusätzlichen Schub verliehen. Ferien im kühleren Norden sind gefragter denn je. Coolcation hat sich vom Schlagwort zum festen Bestandteil des Reisemarkts entwickelt.
Einer, der diese Entwicklung eng begleitet, ist Bruno Bisig. Seit 2010 führt er Kontiki Reisen, den renommiertesten Schweizer Spezialisten für Nordeuropa. Im Interview mit Travelnews spricht er über den Boom im Norden und die Auswüchse von Overtourism. Zudem erklärt er, weshalb Reisebüros teilweise lange auf Kontiki-Offerten warten, wie die Integration von Travelhouse läuft und warum es beim Klimaschutz ohne verbindlichere Regeln nicht gehen wird.
Den Anbietern von Ferien im Norden spielte der Hitzesommer 2026 in die Karten. Haben Sie selbst auch die Flucht ergriffen?
Bruno Bisig: (Schmunzelt) Eigentlich habe ich es auch gerne warm. Das widerspricht meiner Begeisterung für den Norden keineswegs, die Sauna hat schliesslich auch über 90 Grad. Trotzdem war ich diesen Sommer mit meiner Familie drei Wochen in Schweden. Zuerst waren wir in Värmland unterwegs und machten eine Kanu-Tour, danach ging es weiter nach Gotland. Dort hatte das Meer erfrischende 19,8 Grad, bei Tagestemperaturen von 28 Grad. Zum Abschluss besuchten wir noch Malmö und Kopenhagen.
Gibt es im Norden überhaupt noch Regionen, die Sie nicht kennen, oder waren Sie schon in fast jeder Ecke?
Ich war tatsächlich schon an sehr vielen Orten. Wenn ich dann unsere Familienferien plane, denke ich oft: Dorthin würde ich gerne nochmals fahren und dahin auch. Ich bin ohnehin nicht der Typ, der möglichst viele Kilometer zurücklegen muss, nur um möglichst viel gesehen zu haben. Lieber bleibe ich an zwei oder drei Orten etwas länger und nehme mir dort mehr Zeit.
Reisen Sie praktisch nur noch in den Norden, oder zieht es Sie auch in andere Weltregionen?
Als ich noch keine Familie hatte, galt für mich der Vorsatz: nie zweimal an denselben Ort. Damals konnte ich mein Entdecker-Gen voll ausleben. Ich reiste unter anderem nach Mexiko, Argentinien, Bolivien, Chile, Laos, in die Mongolei und nach Myanmar. Das sind alles fantastische Destinationen.
Woher kommt Ihre Begeisterung für den Norden?
Wie sagt man so schön: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Mein Vater war passionierter Langläufer und organisierte 1987 eine Reise nach Kuusamo in Finnisch-Lappland. Eigentlich hätte ich mir die Reise als Lehrling niemals leisten können. Dann sagte kurzfristig ein Teilnehmer ab, und ich bot ihm meinen gesamten Lehrlingsmonatslohn für seinen Platz. Mit Erfolg. So entdeckte ich als Jugendlicher erstmals Finnisch-Lappland.
«Ich möchte meinen Kindern die Orte im Norden so zeigen können, wie ich sie 1987 als Jugendlicher kennengelernt habe»
Und danach liess Sie der Norden nicht mehr los?
Genau. Später waren wir zwei Wochen mit Langlaufskiern auf dem Kungsleden unterwegs, einem der bekanntesten Fernwanderwege Schwedens, oder unternahmen Velotouren durch Värmland. Die Natur hat mich schon immer fasziniert. Draussen zelten, mit der Pfadi durch die Wälder streifen, das war schon als Kind mein Ding.
Sie haben Ihren Lehrlingslohn erwähnt. Haben Sie eine Ausbildung im Tourismus gemacht?
Nein – und ja, ich absolvierte eine technische Ausbildung zum Elektroniker und arbeitete später in der Luftraumüberwachung der Armee. Das war einer der wenigen Arbeitgeber, bei denen ich gleichzeitig meinen Drang in die Natur und speziell in die Berge ausleben konnte. Parallel dazu organisierte ich mit einem Kollegen Reisen für Studierende in der Schweiz. So fand ich schliesslich den Weg in den Tourismus. Mit 28 Jahren besuchte ich die Tourismusfachschule in Samedan, danach absolvierte ich ein Praktikum bei Cotravel. 2003 wechselte ich zu Kontiki, seit 2010 bin ich Geschäftsführer. Um meinen persönlichen theoretischen Rucksack zu füllen, absolvierte ich ein EMBA in General Management.
Was waren für Sie die bisherigen Höhepunkte als Geschäftsführer von Kontiki Reisen?
Mein grosser Fokus lag immer auf der Destinationsentwicklung und der Nachhaltigkeit. Ich möchte meinen Kindern die Orte im Norden möglichst so zeigen können, wie ich sie 1987 als Jugendlicher kennengelernt habe. Das ist meine Motivation. Und letztlich mache ich das nicht nur für meine Kinder, sondern auch für unsere Kundinnen und Kunden. Wenn es uns gelingt, die Ursprünglichkeit vieler Orte im Norden zu bewahren, bedeutet mir das sehr viel. Ein persönlicher Höhepunkt war deshalb die Auszeichnung durch Finnland: 2023 wurde meine Arbeit für einen nachhaltigen Tourismus mit dem Orden des Löwen von Finnland, Erster Klasse, gewürdigt.
«Ich setze mich für Gesetze und Regulierungen gegen Overtourism ein»
Viele Destinationen im Norden verzeichnen inzwischen Rekordzahlen. Hat der Norden ein Overtourism-Problem, oder wird das Thema überzeichnet?
Overtourism ist im Norden sehr punktuell. Ein gutes Beispiel ist Island. Vor etwas mehr als zehn Jahren war Kontiki der einzige Schweizer Reiseveranstalter mit Direktflügen nach Reykjavik. Unmittelbar vor Corona gab es dann 26 wöchentliche Flüge nach Island. Viele Gäste kamen für kurze Aufenthalte und besuchten dieselben bekannten Sehenswürdigkeiten. Der Andrang wurde immer grösser.
Welche Folgen hatte das?
Am extremsten zeigte sich das beim sogenannten Golden Circle mit dem Þingvellir-Nationalpark, dem Geysir Strokkur und dem Wasserfall Gullfoss. Diese Orte wurden regelrecht überrannt. Gleichzeitig stiegen die Preise, was unsere Rundreisegäste zunehmend abschreckte. Der Boom rund um Reykjavik führte deshalb dazu, dass die Gästezahlen im Norden und Nordosten Islands zurückgingen. Overtourism kann also an einzelnen Orten auftreten, während andere Regionen gleichzeitig Gäste verlieren.
Was können Kontiki und Sie persönlich gegen solche Entwicklungen unternehmen?
Ich setze mich für Gesetze und Regulierungen ein, denn anders wird es nicht funktionieren. Auf den Spitzbergen gelten beispielsweise seit diesem Sommer sehr strenge Vorschriften für Tierbeobachtungen: Wo darf angelandet werden, welches Schiff darf wohin? Natürlich schränkt das ein, und gewisse Erlebnisse fühlen sich dadurch vielleicht weniger authentisch an als früher. Aber solche Regeln sind zwingend notwendig, wenn wir unsere Naturschätze erhalten wollen.
Kann auch ein Reiseveranstalter die Besucherströme gezielt lenken?
Absolut. Wir versuchen das über unsere Angebote, beispielsweise mit Winterflügen nach Akureyri. Damit möchten wir das Ganzjahresgeschäft fördern und die Nachfrage besser verteilen. Allerdings müssten sich auch die Regionen selbst stärker engagieren, um von der extremen Saisonalität wegzukommen. Da spüre ich manchenorts noch zu wenig Initiative.
«Rovaniemi erinnert mich heute eher an einen Freizeitpark als an das ursprüngliche Lappland»
Welches Reiseziel im Norden wird unterschätzt?
Für mich ganz klar Mittelschweden, insbesondere die Höga Kusten. Die Region mit ihrer steilen Küstenlandschaft, den vielen Inseln und tollen Wanderwegen gehört zum Unesco-Weltnaturerbe. Trotzdem haben sie viele Reisende noch kaum auf dem Radar. Dabei gibt es dort enorm viel zu entdecken.
Und umgekehrt: Welches Reiseziel wird aus Ihrer Sicht überschätzt?
Rovaniemi. Die offizielle Heimatstadt des Weihnachtsmanns ist inzwischen so stark besucht, dass sie für mich einiges von ihrem ursprünglichen Reiz verloren hat. Mit den vielen internationalen Restaurants, den grossen Besucherströmen und der starken Kommerzialisierung erinnert mich Rovaniemi heute stellenweise eher an einen Freizeitpark als an das ursprüngliche Lappland. Deshalb zieht es mich persönlich nicht mehr dorthin.
Was ist das Erfolgsrezept von Kontiki Reisen?
Unser wichtigstes Credo lautet: Wir müssen unseren Kundinnen und Kunden einen Mehrwert bieten. Wenn wir das nicht können, müssen wir eine Leistung auslagern oder ganz darauf verzichten. An diesem Grundsatz haben wir immer festgehalten, und das unterscheidet uns wohl auch von manchen Mitbewerbern. Aus diesem Gedanken heraus ist beispielsweise unsere MyKontiki-App entstanden. Dort stellen wir unseren Gästen inzwischen mehr als 2000 persönliche Tipps zur Verfügung.
Seit einigen Monaten läuft die Integration von Travelhouse in Kontiki. Wie weit sind Sie?
Zunächst haben wir uns angeschaut, wie wir uns künftig gemeinsam aufstellen und organisieren wollen. Inzwischen sind neun Travelhouse-Mitarbeitende in unser Team integriert. Momentan laufen interne Schulungen und ein intensiver Know-how-Transfer, damit wir für die Hauptbuchungszeit im Spätherbst optimal aufgestellt sind. Organisatorisch sind wir also schon weit. Nun geht es darum, die Teams auch im Arbeitsalltag weiter zusammenzuführen und die jeweiligen Stärken und Erfahrungen bestmöglich zu verbinden. Dieser Prozess braucht naturgemäss etwas Zeit.
Aus Reisebüros ist zu hören, dass Offerten von Kontiki teilweise länger auf sich warten lassen. Wo liegt das Problem?
Dazu muss man wissen, wie wir arbeiten. Andere Reiseveranstalter greifen auf klassische Bettenbanken zurück, wir hingegen haben mit unseren Leistungsträgern direkte Verträge. Dadurch weiss beispielsweise auch jedes Hotel, wer ein Kontiki-Gast ist. Gerade kleinere und mittlere Unterkünfte sind aber häufig nicht an zentrale Systeme angebunden, sondern arbeiten mit eigenen Lösungen. Wir möchten diese Partner natürlich möglichst vollständig in unser technisches System integrieren, doch das geht nicht von heute auf morgen.
«Das war einer dieser Momente, die unter die Haut gehen»
Die hohe Nachfrage nach dem Norden dürfte das Ganze noch schwieriger machen.
Ja. Gerade im Norden ist dynamisches Pricing sehr verbreitet, und bei hoher Nachfrage können die Preise schnell steigen. Wir haben aber den Anspruch, dass der Preis, den wir in einer Offerte nennen, auch tatsächlich gilt. Das macht die Erstellung teilweise aufwendiger.
Für Reisebüros ist aber zunächst entscheidend, rasch eine Offerte zu erhalten. Ist Ihr hoher Qualitätsanspruch nicht auch Teil des Problems?
Das mag ein Stück weit so sein. Sobald unsere Offerte aber steht, geht es bis zur definitiven Buchung sehr schnell. Zudem hat das Reisebüro die Sicherheit, dass der offerierte Preis tatsächlich gilt.
Nun kommt mit Travelhouse zusätzliches Volumen dazu. Besteht nicht die Gefahr, dass sich die Wartezeiten zunächst sogar noch verschärfen?
Wir gehen hier pragmatisch vor und übernehmen auch Dinge von Travelhouse, die sich bewährt haben. Unser Ziel ist klar: Eine Offerte soll innerhalb von 48 Stunden beim Reisebüro sein. Bei rund 80 Prozent unserer Offerten schaffen wir das bereits.
Das heisst umgekehrt aber auch: Jede fünfte Offerte braucht länger als 48 Stunden. Ist das für einen Spezialisten nicht zu viel?
Natürlich sprechen wir hauptsächlich über diese restlichen 20 Prozent. Die bleiben bei den Reisebüros stärker in Erinnerung als jene Offerten, die schnell eintreffen. Genau dort müssen wir besser werden. Unser Ziel ist, den Anteil der Offerten innerhalb von 48 Stunden weiter zu erhöhen.
Sie sind neu Mitglied des Stiftungsrats von Myclimate. Welche Rolle übernehmen Sie dort?
Einerseits bringe ich die Perspektive und Erfahrungen aus der Reisebranche ein, andererseits erhalte ich bei Myclimate Informationen und Impulse, die ich wiederum bei Kontiki und Dertour nutzen kann. Ein zentrales Thema sind dabei die Flugemissionen. Heute sind entsprechende Beiträge für Passagiere noch freiwillig, aber ich kann mir gut vorstellen, dass sich das künftig verändern wird. Anders werden wir unsere CO2 Ziele mittelfristig kaum erreichen. Wir kommen nicht darum herum, die CO₂-Emissionen vielfältig zu reduzieren, und in diese Diskussion möchte ich meine Erfahrungen einbringen.
Bei all den strategischen Fragen zum Tourismus: Am Ende geht es beim Reisen auch um ganz persönliche Momente. Welcher hat Sie zuletzt sprachlos gemacht?
Das war diesen Sommer mit meiner Familie auf der Kanu-Tour in Värmland. Wir paddelten über einen spiegelglatten See, die Sonne schien, es waren 25 Grad – rundherum einfach nur Natur und Ruhe. In Resonanz mit der Natur zu sein mit meiner Familie: Das war einer dieser Momente, die unter die Haut gehen.