On The Move
Das Ende des Hedging-Schutzes
Ein Bündel aus Belastungsfaktoren vergrössert derzeit den Abstand zwischen finanzstarken und schwächeren Marktteilnehmern in der Airline-Industrie. Neben geopolitischen Spannungen wie dem Konflikt im Nahen Osten – der über höhere Treibstoffpreise und notwendige Flugumwege auf die Bilanzen drückt – belasten strukturelle Probleme die Fluggesellschaften, geht aus einem Artikel von «airliners.de» mit Bezug auf die Ratingagentur Morningstar DBRS hervor.
Die Personal- und Wartungskosten sind allein im Jahr 2025 um rund vier Prozent gestiegen. Verzögerungen bei Auslieferungen treiben in Kombination mit höheren Zinsen die Leasingkosten für Maschinen deutlich nach oben.
Während Morningstar DBRS den aktuellen Treibstoffpreisschock als ein vorübergehendes, zyklisches Phänomen einstuft, bleiben die Engpässe in den Lieferketten und die steigenden Wartungskosten langfristige Herausforderungen. Die Kluft zwischen starken und schwachen Airlines dürfte sich auch 2027 weiter vergrössern.
Schwindender Schutz durch Absicherungsgeschäfte
Europäische Airlines verzeichneten gegenüber nordamerikanischen Wettbewerbern bislang einen Wettbewerbsvorteil, da sie sich traditionell umfassender gegen Preisschwankungen beim Kerosin absichern (Hedging). Doch dieser Schutzschirm läuft schrittweise aus.
Während sich die Absicherungsquote bei der Lufthansa Gruppe im zweiten Halbjahr 2026 auf 70 Prozent beläuft, sinkt diese im nächsten Jahr auf 40 Prozent. Bei IAG (British, Iberia) liegen die Quoten aktuell bei 70, im nächsten Jahr bei 40 Prozent; bei Air France-KLM bei 67 und 40 Prozent. United Airlines und American Airlines verfügen nach Angaben der Agentur über keine formale Absicherungspolitik und sind Preisschwankungen damit direkter ausgesetzt.
Besonders kritisch ist die Lage für kleinere Fluggesellschaften mit schwacher Bilanz und geringerem Netzvolumen. Während Branchengrössen über umfangreiche Liquiditätspuffer verfügen, führt der Kostendruck bei kleineren Anbietern vermehrt zu existenziellen Notlagen. Die Welle an Restrukturierungen und Insolvenzverfahren der letzten Monate unterstreicht diesen Trend.
Der US-Billigflieger Spirit Airlines ging im Mai 2026 Pleite. Air Baltic beantragte Mitte September Gläubigerschutz (Chapter 11) unter Verweis auf Kerosinkosten und Bilanzschwächen. Die spanische Airline Volotea begab sich Ende September unter vorläufigen Gläubigerschutz.
Härtetest im Winter
Der bevorstehende Winter könnte zum Belastungstest für die gesamte Branche werden. Sollten die Kerosinpreise hoch bleiben, droht insbesondere bei schwacher Nachfrage ein deutlicher Druck auf die Ebitda-Margen, lautet die Einschätung der Rating-Agentur.
Während der Premium- und Geschäftsreiseverkehr auf der Langstrecke als vergleichsweise preisstabil gilt, könnte sich das Freizeitreisesegment stärker in Richtung günstigerer Angebote und Sekundärflughäfen verlagern – wovon gut aufgestellte Low-Cost-Carrier profitieren dürften, während schwächere Konkurrenten weiter unter Zugzwang geraten.