On The Move

Mark Hiller, CEO von Sitzhersteller Recaro, erklärt in einem Interview, weshalb weniger Sitzabstand nicht automatisch weniger Komfort bedeutet. Bild: Recaro Aircraft Seating

«Der Trend geht eindeutig Richtung Premium»

Flugzeugsitze stehen bei Passagieren regelmässig in der Kritik: zu eng, zu hart, zu wenig Platz. Mark Hiller, CEO von Sitzhersteller Recaro, sagt, weshalb dieser Eindruck täuschen kann und welche neuen Sitzkonzepte die Airlines planen.

Weniger Platz, dünnere Polster und immer mehr Sitze in der Kabine: Viele Passagiere haben den Eindruck, dass Flugzeugsitze zunehmend unbequemer werden. Mark Hiller, CEO von Recaro Aircraft Seating, widerspricht. «Da würde ich pauschal Nein sagen», erklärt er in einem Interview mit dem «Stern».

Airlines stünden unter erheblichem Kostendruck und versuchten deshalb, ihre Flugzeuge effizienter zu nutzen. Das kann auch bedeuten, mehr Sitze unterzubringen. Weniger Abstand zwischen den Sitzreihen heisse aber nicht automatisch weniger Beinfreiheit.

Früher seien Rückenlehnen relativ breit gewesen und hätten viel Schaumstoff benötigt. Heute würden dünnere Konstruktionen verwendet. «Mittlerweile gibt es nur noch eine dünne Bespannung an einem Rahmen, der komfortabel ist und nachgibt», erklärt Hiller. Dadurch könne der Sitzabstand kleiner werden, ohne dass der Komfort im gleichen Mass abnehme.

Sitze werden leichter – Passagiere breiter

Auch das Gewicht spielt eine wichtige Rolle. «Wir schaffen es, unsere Sitze alle sechs bis acht Jahre um 10 bis zu 20 Prozent leichter zu machen – trotz zusätzlicher Features», sagt Hiller. Weniger Gewicht hilft den Airlines, Treibstoff zu sparen.

Gleichzeitig müssen sich die Entwickler auf veränderte Körpermasse einstellen. Die Menschen werden laut Prognosen zwar kaum noch grösser, aber breiter. Deshalb werden etwa Armlehnen schmaler und lassen sich bei manchen Modellen komplett hochklappen.

Breitere Sitze sind laut Hiller allerdings nicht automatisch die beste Lösung. Premium-Airlines könnten sich dafür entscheiden, müssten dann aber schmalere Gänge und möglicherweise längere Ein- und Aussteigezeiten akzeptieren.

Einen Standardsitz für alle gibt es ohnehin nicht. «Jeder Airline-Auftrag ist ein eigenes Projekt», sagt der Recaro-Chef. Die Fluggesellschaften bestimmen unter anderem Farbe, Form und Material.

Selbst kleine Änderungen können neue Sicherheitsprüfungen nötig machen. Wird beispielsweise ein Monitor verändert, muss Recaro mit Crashtests nachweisen, dass mögliche Kopfverletzungen innerhalb der zulässigen Werte bleiben.

Trend geht Richtung Premium

Gleichzeitig differenzieren die Airlines ihre Kabinen immer stärker. Zwischen Economy und Business entstehen Premium Economy oder Sitze mit zusätzlicher Beinfreiheit.

«Der Trend geht eindeutig Richtung Premium – sowohl in der Economy als auch in der Business Class», sagt Hiller. Die Passagiere seien bereit, für höherwertige Sitzkategorien mehr zu bezahlen. Auch die Economy dürfte deshalb zusätzliche Funktionen erhalten, von besseren Kopfstützen und Beinauflagen bis zum Inflight-Entertainment.

Noch futuristischer ist eine andere Idee von Recaro. Das Unternehmen beschäftigt sich mit Kabinen, in denen sich Sitzreihen verstauen lassen, wenn ein Flugzeug nicht voll ausgelastet ist. So könnten die verbleibenden Passagiere mehr Platz erhalten. Hiller dämpft allerdings die Erwartungen: Solche Konzepte lägen noch weit in der Zukunft.

(RSU)