On The Move
Mit Thurgau Travel auf der Seine von Paris ans Meer
Ingrid SchindlerDie Schiffsreise auf der Seine zur Küste der Normandie zielt ins Herz des französischen Impressionismus. Von Van Goghs Weizenfeldern und Monets Seerosen über die Kathedrale von Rouen, Felsen von Étretat und den Hafen von le Havre: alles Lieblingsmotive der Maler, von Monet, Boudin, Pissarro, Renoir u. a. auf die Leinwand gebannt.
Die MS Swiss Pearl führt uns von einem Künstlernest zum nächsten. Dorthin, wo die Impressionisten das Leben feierten und die Nächte durchzechten, als gäbe es kein Morgen. Genauso hat Auguste Renoir das fröhliche Treiben in weltberühmten Bildern wie «La Grenouillère» (1869) und «Le Déjeuner des canotiers» (1880/81) festgehalten, noch bis 5. Juli 2026 in der grossen Renoir-Ausstellung im Musée d’Orsay in Paris zu sehen.
Lob der Langsamkeit
Auf andere Art entspannt und losgelöst gleiten wir auf der Swiss Pearl eine Woche die Seine ab- und wieder aufwärts ohne Stress: Die von Auwäldern gesäumten Ufergürtel wechseln sich mit Weiden, Wiesen, Bilderbuchdörfern, Kalkstein- und Kreidefelsen ab. Die Landschaften am Fluss ähneln den gemalten, nur der Wein ist besser als zur Zeit der Maler. Vom französischen Wort «guinguet» für billigen Wein leitet sich der Begriff «Guinguettes» ab, wie man die Flussbeizen bezeichnet.
Die Reise ist von Beginn weg komfortabel. Keine Hektik in Paris, keine Billetautomaten, die einem beweisen, dass man ein digitaler Neandertaler sei, keine Staus, Piloten - oder Lokführerstreiks. Ein Reisebegleiter bringt die Gäste von Thurgau Travel per Car vom TGV aufs Schiff. Alles perfekt, nur die niedrigen Brücken in Paris nerven: Da das Oberdeck geschlossen bleiben muss, machen sie einem das Fotografieren schwer.
Während wir eine halbe Woche von Paris nach Le Havre/ Honfleur unterwegs sind, würde man mit dem Auto oder Zug weniger als drei Stunden brauchen. Aber dafür bleibt genug Zeit, die Rosinen am Fluss zu picken. Für Cruise Director Daniela Oitzinger ist die im Vergleich zu Rhein oder Donau kurze Seine-Fahrt «die schönste und abwechslungsreichste Schiffsreise in Europa». Als Relais zwischen Kapitän und Hotelmanager kümmert sie sich um das Ausflugs- und Bord-Programm, den Thurgau-Travel-Standard und das Wohl der Gäste. Die Kärntnerin ist «seit 17 Jahren im Geschäft», seit vier Jahren fährt sie auf der Seine.
«Blitzableiter für meine Krankheit»: Auf Van Goghs Spuren
«Die neuen Züge von Paris aufs Land und die Erfindung der Ölfarben in der Tube ermöglichten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Malern im Freien zu malen und aufs Land zu ziehen. Das taten viele», erläutert Oitzinger vor dem ersten Ausflug, der uns zu Vincent van Gogh nach Auvers-sur-Oise führt. Der Holländer verbrachte in dem Künstlerort seine letzten 70 Tage, bevor er sich in einem Weizenfeld erschoss und auf dem Friedhof von Auvers beigesetzt wurde.
So traurig van Goghs Lebensgeschichte ist, so voller Ahs und Ohs gestaltet sich der geführte Rundgang durch den Ort und die Umgebung. Hier erkennt man das Haus von Dr. Gachet, das Rathaus, die Kirche, dort lila Schwertlilien, verschlungene Baumwurzeln und gelbe Felder vor bedrohlichem Himmel, alles Bildmotive von van Gogh gemalt.
Wie ein Besessener schuf dieser 74 Meisterwerke in Auvers, als «Blitzableiter für meine Krankheit», wie er schrieb. Während er zu Lebzeiten nur ein einziges Gemälde verkaufte, wechselte 100 Jahre später das «Porträt des Dr. Gachet» (1890) für 82,5 Millionen U$ den Besitzer.
Kathedrale in 30 Variationen
In Rouen tauchen wir in die Maltechnik Claude Monets ein. Dessen Faible für Lichtstimmungen drückt sich in Motivreihen aus, die ein und dasselbe Sujet zu verschiedenen Tages-, Jahreszeiten und Wetterlagen zeigen. Berühmte Beispiele sind die Seerosenbilder, Heustock-Variationen («Meules» wurde 2019 für 111 Mio. U$ versteigert) oder die 30 Versionen der Fassade der Kathedrale Notre Dame de Rouen. Zu diesem Zweck mietete sich der «Vater des französischen Impressionismus» einen Raum gegenüber der Kathedrale.
Die spannende Führung durch die dank Textilindustrie und Hafen reich gewordene Hauptstadt der Normandie macht Lust aufs Stöbern in originellen Boutiquen, Kuriositäten- und Antiquitätenläden in der Altstadt, aber das Schiff ruft. Wegen eines Schleusenwärterstreiks können wir die Fahrt jedoch nicht wie geplant fortsetzen und doch noch auf Trouvaillenjagd gehen.
Während die einen noch mehr Impressionismus im Musée des Beaux-Arts entdecken, werden andere in Boutiquen fündig, wieder andere schwärmen von den Cocktails in der Petit Bar in der Rue Damiette oder joggen am Quai. Abends werden wir mit Coquis Saint-Jacques, Moules frites, Crêpes, Käse und Wein verwöhnt, während Daniela Oitzinger den nächsten Tag so umorganisiert, dass das Programm trotz des Streiks durchgeführt werden kann.
Schöne Himmel im Land des Lichts
Mit Bus statt Schiff erreichen wir Honfleur und Le Havre an der 17 km breiten Trichtermündung der Seine ins Meer, beide Urzellen des Impressionismus. Der Gegensatz zwischen den gegenüber liegenden Hafenstädten könnte nicht grösser sein. Hier das romantische Honfleur mit den uralten, bunten Fachwerkhäusern am Vieux Bassin, wo sich Touristenmassen durch die Gassen drängen, dort die Modellstadt der Moderne mit dem zweitgrössten Hafen Frankreichs.
Im pittoresken Honfleur lernte Monet durch Pleinair-Maler Eugène Boudin, dem «Meister der schönen Himmel», mit Staffelei und Tubenfarben das berühmte helle Licht der Normandie im Freien einzufangen. Aufgewachsen in Le Havre schuf Monet 1872 das Werk, das dem Impressionismus den Namen gab: «Impression, soleil levant», heute im Pariser Musée Marmottan, wo sich die meisten seiner Werke befinden.
Die Reaktionen auf das Gemälde fielen 1874 bei der ersten Gruppenausstellung der Impressionisten wenig schmeichelhaft aus: «Eine Tapete im Urzustand ist ausgearbeiteter als dieses Seestück», urteilte der Kunstkritiker Louis Leroy. Nichtsdestotrotz setzte sich der von der Académie abgelehnte neue, zu helle, zu bunte, zu vulgäre, die Konturen auflösende Stil der modernen Maler durch.
Beton, schöner als Stein, und Romantik pur
Le Havre allein ist ein starker Grund wiederzukommen. Das moderne, ansprechende Gesicht verdankt die im Zweiten Weltkrieg völlig zerstörte Stadt dem Architekten und Stadtplaner Auguste Perret, der sie aus Glas, Beton, Stahl und dem zermahlenen Schutt der Häuser als radikale Modellstadt der Moderne wiederaufbaute. Derart attraktiv, stilvoll, lichtdurchflutet, elegant, grosszügig und lebenswert, dass Le Havre nicht nur zum begehrten Wohnort wurde, sondern als einziges städtebauliches Ensemble Europas 2005 zum Unesco-Welterbe erhoben wurde.
Da wir noch die Alabasterküste mit den imposanten Felsen von Étretat, einem weiteren Lieblingsmotiv der Maler, besuchen, bleibt nur Zeit für eine einzige Besichtigung: die der Kirche Saint-Joseph, einem Meisterwerk der Betonbaukunst, das zum Symbol der Wiederauferstehung von Le Havre wurde.
Der darauffolgende Tag führt uns die Schönheit von Ruinen auf der «Strasse der Klöster» vor. Romantik pur! Niemand mag Dichter Victor Hugo widersprechen, der die Ruinen der Abtei Jumièges zu den schönsten in Frankreich erklärte. In der Abtei St. Wandrille dagegen leben noch 28 fleissige Mönche, die den überraschend gut sortierten Klosterladen zu einem echten Einkaufserlebnis machen. Wo findet man sonst göttliches Möbelwachs und Schuhwichse, Firniss, Naturkosmetik, Puddingpulver, selbstgebraute Biere der Brüder und andere altbewährte Haus- und Lebensmittel aus der Normandie?
Geschichten aus dem Leben im Jardin du Luxembourg
Mit Mitbringseln versorgt und französischen Chansons im Ohr steuern wir zuletzt Monets berühmte Gärten von Giverny an, wo der Künstler 43 Jahre bis zum Tod 1926 sein Glück im Garten fand. Wir finden es dort weniger, da der Ort, so zauberhaft er ist, einen starken Eindruck von Overtourismus macht. Dafür entschädigt das Finale am letzten Tag in Paris. Unerwartet spannend präsentiert sich die Stadtrundfahrt mit Sabine Thibault-Plettenberg.
Sie vermittelt uns Einblicke in Leben, Wohnen und Arbeiten in Paris beim Flanieren durch den Jardin du Luxembourg. Wer die Vorzüge von Bezahlspielplätzen, die Geschichte des Weissen Elefanten im Carrousel du Jardin de Luxembourg oder der aus Frankreich stammenden Freiheitsstatue von New York und andere Wissenswerte erfahren möchte, entscheide sich für diese Tour. Mit einem freien Nachmittag, einer alternativen Tour auf Montmartre und frivolen Show im Paradis Latin schliesst die Reise ab.
Weitere Informationen
8 Tage Slow Travel Deluxe: Geführte Flussreise zu den Schauplätzen des Impressionismus von Paris ans Meer
Veranstalter: Thurgau Travel, der Schweizer Spezialist für Flussschiffreisen
An- und Abreise: geführt im TGV ab Zürich/ Basel nach Paris, Gare de Lyon, Transfer zum Anleger in Paris/ Issy-les-Moulineaux bzw. Courbevoie
Schiff: 5-Sterne-Boutiqueschiff MS Swiss Pearl, Baujahr 2013, renoviert 2024, 110 m lang, 4 Decks inkl. Sonnendeck, max. 133 Passagiere, 54 komfortable Zweibett-, 7 Einzelkabinen, 9 Suiten, Restaurant, Bistro, Panoramasalon, Bar, Fitnessraum, Livemusik
Preise und Termine: siehe thurgautravel.ch