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Auf Singletrails vom Montafon an den Comersee

Caroline Doka

Ein Alpencross gehört ins Palmarès jedes Bikers. Das finden auch die Ettiswiler Mittwochbiker. Und so hat sich die Gruppe Hobbyfahrer eine Alpenquerung mit vielen Trails und hohem Genussfaktor ausgesucht.

Was für ein imposanter Haufen, die Ettiswiler Mittwochbiker. Zwanzig sportliche Männer, die einmal pro Woche zusammen biken und jetzt am Start ihrer ersten Alpenquerung stehen. Bei weitem keine Warmduscher, das sieht man gleich. Viele haben Waden wie Wilhelm Tell und erstklassige Bikes. Erwartungsvoll, freudig und etwas übermütig starten sie zu dieser Alpenquerung vom Montafon zum Comersee. Lockere Sprüche fliegen hin und her, und doch ist eine gehörige Portion Respekt zu spüren. Zu Recht. Denn mit diesem Alpencross warten auf den sechs Tage- setappen nicht nur erlesene Singletrails auf die gut trainierte Hobbybiker, sondern auch happige 335 Kilometer und 6925 Höhenmeter in der Fun-Version bzw. 345 km und satte 9500 Höhenmeter in der sportiven.

Alpenquerungen gibt es viele. Die Ettiswiler haben sich eine anforderungsreiche Tour mit Genussfaktor ausgesucht: Die Transalp Alta Rezia von ALPStours bietet happige Trails, tolles Panorama, charmante Hotels und kulinarische Highlights. Die Tour führt auf zwei unterschiedlichen Routen, einer einfacheren und einer schwierigeren, von einem Etappenort zum nächsten. Das Konzept ist beliebt bei Paaren, die nicht gleich stark biken, aber zusammen dieselbe Tour geniessen wollen. Und es funktioniert auch für die Herren aus dem luzernischen Ettiswil: Jeder entscheidet täglich, ob er im Level fun oder sportiv fahren will.

Polenta in der schwarzen Küche

Die erste Etappe führt durch das Montafon nach Ischgl. Hochalpines Panorama und fantastische Downhills belohnen bei der Überquerung von Viderjoch und Fimberpass. Im oberen Inntal wird die Grenze zur Schweiz passiert. Am dritten Tag geht’s von Scuol aus das wildromantische Val S-Charl hinauf, wo vor über hundert Jahren der vermeintlich letzte Bär geschossen wurde; vorbei am mystischen God da Tamangur, dem höchsten Arvenwald Europas, und hinauf bis zur abgelegenen Alp Astras, fast bis zu den Sternen.

Nach rasanter Abfahrt ins Val Müstair bezieht die Gruppe im altehrwürdigen Hotel Chasa Chalavaina in Müstair Quartier, wo einst Bündner Hauptleute Kriegsrat hielten. Man verstaut die Bikes im Gewölbe, wo früher Pferde oder Fässer mit Wein standen, und trifft sich auf der gedeckten Veranda zum Bier. Hier, nur einen Steinwurf vom Kloster St. Johann entfernt, das von Karl dem Grossen gegründet wurde, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Jon Fasser, der charmante, über 70-jährige Wirt der Chasa Chalavaina, serviert in seiner schönen Arvenstube und der russschwarzen Küche Cuschina Naira dampfende Polenta und Hauswein. Drei Tage sind die Mittwochbiker nun schon unterwegs, doch erst bei Jon Fasser, in der Geborgenheit seiner Küche, kommen sie wirklich auf der Transalp an.

Die nächste Etappe führt durchs Val Mora nach Livigno. Der Aufstieg zieht sich im Nebel dahin. Kaum zu erkennen, welche Biker der eigenen und welche einer andern Transalp-Gruppe angehören. Man trifft jeden Tag die gleichen Gruppen. Mal fährt die eine vorn, mal die andere. Alle haben dasselbe Ziel: den Comersee. In der Vorfreude auf Italien rufen die Überholenden, als wär’s ein Losungswort: «Spagheeeetti!». Und die Überholten antworten lauthals: «Raviooooli!». Grosses Gelächter.

Gefühl grenzenloser Freiheit

Das Nieseln lässt nach, der Nebel beginnt sich aufzulösen, gespenstisch ragen Bergspitzen aus dem grauen Nichts. Val Mora, dem Himmel so nah. Jemand stimmt Rainhard Meys Evergreen «Über den Wolken» an, andere fallen ein, und mit dem Gefühl grenzenloser Freiheit rollt es sich beflügelt durch das einsame Hochtal, begleitet von den Pfiffen der Murmeltiere. Birnbrot, Alpkäse und eine unvergleichliche Nusstorte machen auf der bewirteten Alp Mora das Glück der Ettiswiler Genussbiker perfekt.

Ein einsames Flusstal mit schotterigen Trails, ein breiter Uferweg am blauen San Giacomo-See und ein weiterer Pass mit kräfteraubendem Aufstieg und genussvoller Abfahrt, dann erreicht die Bikegruppe den italienischen Zollfreiort Livigno. Einige wollen direkt aufs Bier, andere sind so sehr im Trailfieber, dass sie einen Abstecher in den Mottolino Bikepark anhängen für ein paar rauschende Abfahrten auf präparierten Trails.

Am nächsten Morgen lässt sich die Gruppe in den Mottolino-Gondeln zur Bergstation hinauf bringen. Hier oben in der alpinen Einsamkeit, auf einem Höhentrail mit atemberaubendem Panorama bis zum Piz Palü, versteht man, warum Livigno sich «Tibet der Alpen» nennt. Im zauberhaften Val delle Mine mit seinen Alpenrosen und Murmeltieren führt ein verspielter Flowtrail am Bergbach entlang zu Tal. Bikerglück pur. Etwas später verlangt der Aufstieg zur Forcola di Livigno den Mittwochbikern alles ab. Die einen schieben, die anderen treten hart in die Pedale; wer oben ankommt, feuert johlend jene an, die noch am Berg kämpfen.

Im Passrestaurant geben Pasta und Polenta Boden für den Aufstieg zum Berninapass. Am grünweiss schimmernden Lago Bianco beginnt die lange Abfahrt ins Engadin. Der Weg führt über weite Wiesen, entlang glitzernder Bäche, taucht bald in den lichten Wald ein und legt den Bikern unvermittelt knifflige Passagen vor die Stollen- pneus. Verschwitzt und glücklich rollt die Gruppe in Pontresina ein, direkt bis zum eleganten Sporthotel. Die einen geniessen auf der Sonnenterrasse ein Bier, die anderen — nach Sauna und Sprudelbad — im Liegestuhl auf der Dachterrasse die Sicht ins Val Roseg und auf die schneebedeckten Berggipfel. Ein ausgezeichnetes Abendessen vom Buffet, ein Schlummertrunk an der Lifestyle Bar — man lässt es sich gut gehen.

Die letzte Etappe: Grande Finale. Es regnet. Der Stazer See liegt schwarz und kühl im Wald. Zügig ziehen die Ettiswiler Biker vorbei an St. Mo- ritzer, Silvaplaner- und Silersee, im Kopf nur den einen, den Lago di Como, das Ziel. Es reisst auf, und über dem Tal liegt das unvergleichliche Licht des Engadins, das der Maler Giovanni Segantini in seinen Bildern so eindrücklich eingefangen hat. Kuh mit Kälbchen auf der Weide, Schafidyll, Frau am Brunnen – Bilder wie von Segantini gemalt, aus dem Augenwinkel in rasanter Fahrt vom Ve- losattel aus erspäht. Hundert Kilometer sind heu- te zu fahren. Die Gruppe rauscht in einem Tem- po durchs Oberengadin, als habe sie gestohlen. «Spagheeeetti!», rufen triumphierend die Heran- brausenden, «Raviooooli!», kontern ausser Atem die Überholten.

Sprung in den See

In Maloja ein letzter Blick zurück aufs Engadin. Doch dann gibt’s für die Ettiswiler Mittwochbiker kein Halten mehr. Sie stürzen sich auf ihren Bikes geradezu hinab ins Bergell, kurven auf schmalen Trails durch Dörfer mit engen Gässchen und Kopfsteinpflaster, rauschen über steinerne Bogenbrücken und über die Grenze nach Italien. Die Sonne strahlt, das Tal wird weit. Es gibt nur noch eins, den See. Man wechselt die Führung, nimmt andere in den Windschatten, schnell wie ein Zug. Dann, bei Kilometer 73, das Seeufer. Hurrarufe. Leider ist es erst der Lago di Mezzola. Doch wenig später ist der Comersee erreicht. Vom Bike gesprungen und in den Radklamotten hinein in die Fluten, wie auf einer Transalp üblich? Von wegen! Statt einem Bad im See wollen die Herren duschen. Fein herausgeputzt, ausgelassen und stolz, es geschafft zu haben, trifft man sich später am Ufer zum Bier, stösst auf das Überwältigendste an, das man mit dem Bike bisher erlebt habe. Zwei Verwegene springen doch noch in die Fluten, frenetisch gefeiert vom Rest der Truppe.

Weitere Infos: Alpstours

Die nächsten Daten: 17.07.-24.07.2016 und 20.08.-27.08.2016