Einwurf Die Lust auf den nächsten Trip wächst

Von Gregor Waser
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Ein Bild aus vergangenen Zeiten: unbekümmertes Zusammensein am Palolem-Strand im indischen Goa. Bild: GWA

Wie lange geht das noch? Wann wird es wieder Reisen geben? Wird das Reisen jemals wieder so unbeschwert sein? Über den Wunsch, bald schon wieder mit Freunden am Strand zu sitzen.

Geht dieser Lockdown noch lange? Schon die dritte Woche in Abschottung und kein Ende ist in Sicht. Die gesamte Firma – mittlerweile in Kurzarbeit – bestreitet die verbliebenen Arbeiten von zuhause aus. Ausser mir, ich hüte morgens noch das Büro, alleine in Isolation sozusagen. Unser Telefon, das sonst regelmässig klingelt, ist still geworden. Ein verirrter Anruf einer Mutter trifft ein, sie fragt nach dem Repatriierungsflug der Edelweiss aus Kolumbien – pardon, da sind Sie bei uns falsch, wir schreiben nur darüber.

Beim Videochat witzeln die Kollegen, «schaut Gregi an, wenn wir nach zweieinhalb Jahren die Bürotüre öffnen und seine Haare bis zum Boden reichen, inmitten von Spinnweben an seinem Bildschirm».

Langsam holen mich diese Witze ein im leeren, sonst so lebhaften Büro. Was, wenn die Welt immer so bleibt? Kennen Sie den Film «I Am Legend» mit Will Smith als einziger Überlebender im apokalyptischen Manhattan? Ich begebe mich in die Küche, würde gerne mit den Kollegen plaudern. Dann schreibe ich eine Meldung fertig, dass dieser oder jene Anbieter seine Reisen bis Ende Mai aussetzt.

Doch was dann? Kehrt im Juni die Normalität zurück? Werden die Grenzen wieder geöffnet? Hat sich die Epidemie bis dann verzogen? Ist die Luft wieder rein? Jüngste Meldungen aus den USA und Bilder von Menschenmengen in Indien lassen anderes befürchten.

Viele Reiseländer, gerade die aktuell so betroffenen Mittelmeerländer Spanien und Italien, werden aber alles daran setzen, den für sie so wichtigen Tourismus wieder in Gang zu bringen. Das bekannte Gerangel an den Stränden von Rimini und der Costa Brava ist aber nur schwer vorstellbar. Wenn es in diesem Jahr noch Ferien weg von zuhause geben wird, dann werden wohl eher Individualtrips angesagt sein in ein Hinterland, in abgelegene Gebiete – Ostfriesland, Ardennen, Klöntalersee statt Ayia Napa oder Playa de Palma.

Diese Reisewelt scheint ganz weit weg

«Social Distancing» wird ins Vokabular und die Handhabe von Hoteliers einziehen. Schauen Sie, dort hinten in der Ecke haben Sie einen Tisch ganz für sich! Airlines halten die Mittelsitze frei, Check-In-Schalter und Taxis werden mit Plexiglaswänden ausgerüstet, der Zutritt zum Swimmingpool wird vielleicht limitiert wie wir es mittlerweile von Lebensmittelläden kennen – eine Person pro zehn Quadratmeter.

Mit diesem «Physical Distancing», was es ja eigentlich ist, damit kann man sich wohl auch zur eigenen Beruhigung ganz gut arrangieren. Aber «Social Distancing»? Kein Handshake, keine Gangsterfaust, kein Hug, keine drei Küsschen? Beängstigend. Ok, vielleicht war das Zusammenführen von Schweisshänden schon immer überbewertet, drei Begrüssungsküsschen überkandidelt und gehören abgeschafft. Doch eine verstärkt aufkommende soziale Distanz wäre schlimm. Jetzt schon sind die gegenseitigen Blicke an der Migros-Kasse von Argwohn geprägt. Eine Vorahnung befällt mich, was das künftige Reisen betrifft, wenn Fremde auf Fremde treffen.

Denn abgesehen von traumhaften Aussichten und Eindrücken sind schliesslich die herzlichen Begegnungen und spontanen Gespräche und Erlebnisse mit Menschen mitunter das Schönste am Reisen. «Selamat pagi» höre ich in meinen Ohren, ein herzlicher Morgengruss mit bezauberndem Lächeln in Indonesien. Ein paar junge Ticos bitten zum Fussballspiel auf den Dorfplatz, «pura vida». Ich vermisse das «Howzit goan mate?!» an der Theke im Aussie-Pub und die Momente mit Freunden am Strand. Genauso wie die Anfahrt ins Nebel verhangene Sansiro-Stadion in Mailand oder das Betreten eines Pubs zum Live-Konzert in einer Nebenstrasse Dublins. Wo lässt sich mehr über Leute eines Landes erfahren und wie dieses tickt, als bei Festivals, Sportevents und dem Aufeinandertreffen vieler Leute. Doch diese Reisewelt scheint ganz weit weg, wenn man die «Geschlossen bis auf weiteres»-Schilder bei uns landesweit sieht und der Lockdown womöglich noch länger andauert.

Derzeit wächst die Sehnsucht nach unbeschwerten Reisen und überraschenden Begegnungen wohl bei vielen in der Isolation. Und die Frage: werden die Begegnungen auf Reisen jemals wieder so unbeschwert sein? Wie wichtig und unersetzlich das Reisen ist, dürfte vielen in diesen Tagen bewusst werden. Das ist nach Jahren des Overtourism, der Vielreiserei und der damit womöglich einhergehenden Abstumpfung und einer gewissen Austauschbarkeit von Reisezielen gut so. Die Vorfreude auf den nächsten Trip ist gross.