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Cimitirul Vesel, der heitere Friedhof in Rumänien. Bild: Chainwit

Kuriose Ruhestätten: Staunen statt Andacht

Christian Haas

In Miami Beach können Besucher eines Unterwasser-Mausoleums den Grabbesuch an Allerheiligen mit einem Tauchgang verbinden, Rumänien beheimatet einen «fröhlichen Friedhof» und nicht nur auf Schalke sorgt ein Grabfeld für Fussballfans für Kopfschütteln oder Begeisterung. Friedhofsbesuche sind mitunter alles andere als novembergrau.

Was Gary Kilbridge fünf Kilometer vor der Küste von Miami Beach schuf, ist eine Hommage an seinen Vater Bert, seines Zeichens leidenschaftlicher Taucher und Schatzsucher. In 15 Meter Tiefe errichtete sein Sohn 2007 auf dem sandigen Grund des Atlantiks einen Unterwasserfriedhof samt Altar für die väterliche Aschenurne. Zu der kann er aber nicht nur an Allerheiligen, sondern rund ums Jahr hinuntertauchen. Und nicht nur er und seine Angehörigen. Denn das rund 2000 Quadratmeter grosse «Neptun Memorial Reef» ist kein Privatvergnügen, sondern lässt sich von jedem besuchen, auch anderen Trauernden.

Derzeit ruht auf dem Meeresboden vor Key Biscayne die Asche von rund 1500 Menschen, geplant sind bis zu 100'000 Urnen. Schon jetzt beeindruckt die Umgebung, die Interessierte auch ohne Verstorbenenbezug kostenlos betauchen. Der Friedhof liegt samt seiner Bauten – Tore, Terrassen, Statuen – in einem Meeresschutzgebiet, in dem weder Fischfallen noch Harpunen verwendet werden dürfen. Dutzende Fischarten sind hier bereits heimisch geworden, auch dank künstlich angesiedelter Korallen.

Abtauchen zu Christus

Zwar gibt es in ligurischen Gewässern keinen Unterwasserfriedhof, aber immerhin eine versunkene Christusstatue. Der Vorteil für Europäer, die an Allerheiligen ganz besondere spirituelle Plätze aufsuchen wollen: Zum einen ist es ins italienische Portofino deutlich näher als nach Flordia, und zum anderen liegen hier auch die Wassertemperaturen am 1. November höher – Hartgesottene steigen bei durchschnittlich 19 Grad ohne Neoprenkleidung ins kristallklare Wasser der kleinen abgelegenen Bucht des Klosters Fruttuoso.

Für den Abstecher zur gewaltigen Steinstatue «Cristi degli Abissi», dem «Christus der Meerestiefe», benötigen sie dann aber doch Taucheranzug und Sauerstoffflasche. Schliesslich befindet sich das eindrucksvolle Monument in rund 15 Meter Tiefe. So richtig rund wird der christliche Allerheiligenbesuch dann im Anschluss beim Besuch des bilderbuchartigen, ganz nah am Wasser gebauten Klosters, bei dem Liebhaber sakraler Baukunst voll zum Zug kommen.

Gruselstimmung in den Pariser Katakomben

In Paris kommt jemand anders auf seine (mit 31 Euro recht stattlichen) Kosten: Gruselfans. Denn nirgends herrscht so eine schaurig-traurige und im wahrsten Sinne atemberaubende Stimmung wie in den Katakomben der französischen Hauptstadt.

Hier, etwa 20 Meter unter der Oberfläche, liegen in den Kammern und Gängen in den ehemaligen Steinbrüchen aus römischer Zeit die Überreste von sechs Millionen Menschen. Von wegen Abschreckung! Totenköpfe, Moder und der Gruselfaktor lassen Touristen Schlange stehen, rund 600'000 Menschen sind es pro Jahr. Und dank der im Frühjahr 2026 abgeschlossenen «Modernisierung», zu der eine neue Beleuchtung, Szenografie und automatische Audioguides zählen, werden es künftig vermutlich noch mehr.

Alles so gross hier

Ob es so viele Besucher wie auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf werden, der jährlich mehr als eine Million verzeichnet? Andererseits ist das Gelände mit 389 Hektar ja auch riesig, gilt gar als «grösster Parkfriedhof der Welt». Tatsächlich kommt dort mitunter das Gefühl auf, eher in einem hübschen Park spazieren zu gehen als auf einem Friedhof. Da plätschert das Wasser in prächtigen Brunnen (wenngleich diese spätestens Anfang November abgedeckt erden) und der historische Wasserturm steht wie ein Wächter auf dem Gelände.

Dennoch: Über 200'000 Grabstellen machen klar, dass es sich bei aller Freizeit- und Naturfläche immer noch um ein Grabfeld handelt. Und manche Begräbnisstätten sind ja auch echte Hingucker. So ruht auf dem Totenbett von Zoodirektor Carl Hagenbeck ein stattlicher Löwe, auf dem Grab des Bildhauers Richard Kuöhl befindet sich eine von ihm selbst geschaffene Säule. Weitere seiner Werke zieren andere Gräber in der «Nachbarschaft».

Es lebe der Zentralfriedhof

Was die Grösse anbelangt, reicht der Wiener Zentralfriedhof nicht an Ohlsdorf heran, dafür liegen hier im Bezirk Simmering mehr Tote. Rund drei Millionen wurden dort in etwa 330'000 Grabstellen beerdigt – so viel, wie auf keinem anderen europäischen Friedhof. 240 Hektar sind ja auch nicht zu verachten. Gross genug jedenfalls, um einen eigenen (elektrischen) Friedhofsbus einzusetzen, der 19 Stationen ansteuert und Fahrgäste etwa zu den Ehrengräbern von Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Hans Moser, Curd Jürgens und Poplegende Falco chauffiert.

Doch das Besondere am Zentralfriedhof sind weniger die Ruhestätten der Prominenten, sondern die vielen Konfessionen der hier Begrabenen. Wolfgang Ambros bringt es in der makaber-beschwingten Kulthymne «Es lebe der Zentralfriedhof» auf den Punkt: «Die Pfarrer tanzen mit den Huren und die Juden mit Araber». Die Buddhisten konnte der Liedmacher indessen noch nicht unterbringen, die buddhistische Sektion, erste ihrer Art in Europa, wurde erst nach Erscheinen des Songs eröffnet.

Heiterkeit als Friedhofsmotto

Normal herrscht auf Friedhöfen ja eher gedrückte Stimmung, nicht jedoch auf dem im siebenbürgischen Sápânta. Sein rumänischer Name: Cimitirul Vesel, zu Deutsch «der Fröhliche Friedhof». Stan Ioan Pătraș hat in die vielen Holzkreuze holprige Knittelverse geschnitzt, dazu malte er jedem Verstorbenen ein prächtiges Bild. Den Künstler begeisterte einfach die Idee eines heiteren Friedhofs, wo jedem Toten etwas nachgesagt werden darf.

Mal erzählt eine Zeichnung das Wesentliche aus dem Leben des Toten, mal eine Grabschrift, mal Symbole und Farben – moralisierend, augenzwinkernd oder auch einfach sentimental. Stark: Diese einmalige Tradition wurde nach Pătraș‘ Tod von Nachfolgern übernommen, so dass sich heutzutage auf engem Raum mehr als 800 kunterbunte Grabstellen befinden. Kein Wunder, dass längst auch externe Besucher das orthodoxe Dorf besuchen …

So macht der Friedhofbesuch Laune

So richtig Laune macht übrigens der Totenkult in Mexiko, auch Besuchern aus Übersee. Dort wird jedes Jahr Anfang November der «Tag der Toten» gefeiert, genauer gesagt sind es mehrere. Und das nicht mit Trauermine und schwarzem Anzug, sondern farbenfroh und laut. In der Stadt Oaxaca treiben es die «Trauernden» besonders bunt. So marschieren mit der von Grabstätte zu Grabstätte ziehenden Blaskapelle Jugendliche mit, die martialisch anmutende Masken der Luchadores, der mexikanischen Freistilringer, tragen. Die über und über mit Schellen aus Messing behangenen Spassmacher halten Peitschen in den Händen, mit denen sie wild um sich schlagen.

Durch die Masse der dicht um die Tänzer stehenden Schaulustigen drängen dann fliegende Händler und bieten Snacks an, Tacos mit feuerroter Salchicha oder Tamales, scharf gewürzte Rollen aus Maisteig, die mit Käse, Fleisch und Gemüse aus Bananenblättern gegessen werden. Ein Festessen gehört eben genauso dazu wie derbe Witze (auch und vor allem über die Toten) und laute Konzerte. Die finden natürlich auch bei den Gräbern statt.

Schöner ruhen – nahe des Traumvereins

Für echte Fussballfans sind die Kicker «ihres» Vereins die wahren Götter. Für sie stehen sie nicht nur jedes Wochenende im Stadion, sondern leben auch im Alltag mit und für sie. In ihrer Logik, die anderen Mitmenschen als Mischung aus Aprilscherz, Blasphemie und Störung der Totenruhe empfinden mögen, auch nach dem Tod. Da ist es nur folgerichtig, wenn man auch in der Nähe des Vereins begraben wird.

In Hamburg ist das seit 2008 möglich. Da eröffnete der HSV als erster europäischer Verein tatsächlich einen eigenen Friedhof für Fans. Auf dem Altonaer Friedhof wurde eine in ihrer Art einmalige Nekropole kreiert, ein Gräberfeld in der Form des Volksparkstadions nebenan. Dort können mehrere hundert Menschen, deren Lebensmittelpunkt der Hamburger Sportverein war, ihre angemessene Ruhe finden. Wobei sämtliche fussballerischen Devotionalien auf dem Weg ins Jenseits erlaubt sind: Bälle als Grabstein, Vereinswimpel statt Blumen, eine HSV-Flagge auf dem Sarg.

Einmalig? Mitnichten. Auch Fürth, Essen und Mönchengladbach haben Fan-Friedhöfe. Der grösste aber befindet sich im Ruhrgebiet. Genau 1904 Grabstellen zählt das 2012 eröffnete «Schalke Fan Feld» und spielt damit auf das Gründungsjahr des (Wieder-)Bundesliga-Kultvereins FC Gelsenkirchen-Schalke 04 e.V., kurz: Schalke, an. Worauf die Form der Anlage anspielt: auf die Gestalt des in Sichtweite befindlichen Stadions.

All inklusive

Wer Derartiges rundum ablehnt und sich angesichts solcher Entwicklungen auch im Jenseits am liebsten ganz weit weg wünschen will, der sollte das Angebot einer Mondbestattung in Erwägung ziehen. Das US-Unternehmen Celestis jedenfalls bietet genau das an und nennt es «Luna Service». Dabei wird eine kleine Kapsel mit einer symbolischen Menge menschlicher Asche oder auch DNA entweder in eine Umlaufbahn um den Mond gebracht oder als Bestandteil einer Raumsonde auf der Mondoberfläche. Die nächste entsprechende Mission, der «Destiny Flight», ist derzeit angekündigt, ein konkreter Starttermin steht aber noch nicht fest.

Was feststeht, ist der Preis: 12'500 US-Dollar für eine 1-Gramm-Kapsel mit Asche, zuzüglich Bearbeitungsgebühr. Kurioser jedenfalls kann man sich die letzte Ruhestätte – bislang – kaum vorstellen. Wobei: Unter den Memorial Spaceflights listet jene Firma neuerdings auch einen Ascheflug zum Mars. Um sich auf die 300 Personen umfassende Warteliste setzen zu lassen, reicht es, 2500 US-Dollar anzuzahlen. Die restlichen 90 Prozent werden gnädigerweise erst fällig, wenn der Flug tatsächlich fix ist. Und das kann noch einige November dauern …