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Europas Traumstrassen: Scharfe Kurven, spektakuläre Aussichten
Christian HaasJadranska Magistrala: Traumstrasse mit Meerwert
Kaum eine andere Route in Europa bietet über eine so lange Distanz derart konsequent Meerblick wie die Adria-Magistrale, deren Start mal in Italien, mal in Slowenien verortet wird. Spätestens im kroatischen Rijeka beginnt ihr bekanntester, mit über 600 Kilometern grösster, schönster Teil. Schliesslich nimmt jetzt die Magistrala in Gestalt der Staatsstrasse D8 rein landschaftlich Fahrt auf, indem sie dem zunehmend zerklüfteten Küstenverlauf folgt, mal am Wasser, mal hunderte Meter darüber.
Was sie verbindet: Fischerdörfer, Nationalparks und andere landschaftliche Highlights wie den Zrmanja-Canyon und die Krka-Wasserfälle. Zwischendurch locken immer wieder versteckte Badeplätze, nach Ćevapčići duftende Konobas am Strassenrand und Aussichtspunkte, die zum Fotostopp einladen. Zu längeren Aufenthalten laden gleich mehrere, teils mit dem UNESCO-Welterbe betitelte Städte, darunter Zadar, Šibenik, Trogir und Split.
Südöstlich wartet dann das Juwel der Strecke, die Makarska Riviera. Hier verläuft die kurvenreiche Traumstrasse spektakulär zwischen dem Biokovo-Gebirge und dem türkisblauen Meer. Über das geht es auch mal drüber – und wie! Die futuristische Pelješac-Brücke erspart Autofahrern seit 2022 zudem den Abschnitt durch Bosnien-Herzegowina. So bleibt mehr Zeit für Dubrovnik, etwa um die Altstadtmauer abzuspazieren und sämtliche „Game of Thrones“-Drehorte aufzusuchen. Wer immer noch nicht genug hat, fährt die Magistrala einfach weiter – bis nach Montenegro und darüber hinaus.
Corniche d’Or: Küstenstrasse im Gold-Standard
Auf Französisch heisst Corniche d‘Or «Goldene Küstenstrasse», womit zum einen auf deren glanzvolle Schönheit und zum anderen auf die vor allem bei tiefstehender Sonne aufscheinenden Goldtöne der Felsen angespielt wird. Auf der kurvenreichen 38-Kilometer-Strecke zwischen den südfranzösischen Orten Mandelieu-La Napoule und Saint-Raphaël mischen aber noch andere Farben mit: das rostrote Gestein des Estérel-Gebirges, das sattgrüne Buschwerk an dessen Steilhängen, das azurblaue Meer.
Blass wird die Fahrt also bestimmt nicht, wenn man sich südlich von Cannes, das ja seinerseits gern und nicht nur zum Filmfest schillert, auf den Weg Richtung Fréjus macht. Spätestens in Théoule-sur-Mer schalten Radler wie Autofahrer ganz automatisch runter, um die «Goldene Palme»-reife Kulisse voll zu geniessen. Denn dass Gebirge und Meer derart dramatisch aufeinandertreffen, sieht man selten in Europa. Mal ragen die Porphyrfelsen direkt neben der Fahrbahn auf, mal windet sich die Strasse kunstvoll durch die Calanches genannten, fjordartigen Einbuchtungen. Am besten ist es freilich, an den immer wieder auftauchenden Aussichtsplätzen anzuhalten.
Zu den bekanntesten Stopps der 1904 eingeweihten und als technisches Meisterwerk gefeierten Strasse zählen übrigens Cap Roux mit seinem Top-Ausblick auf den Golfe de Napoule samt den Îles de Lérins, ferner die Felsformationen rund um Anthéor und der Strand von Agay. Wobei unterwegs weit spektakulärere Badestellen warten, zu denen man, wenn auch mit etwas Aufwand, hinabsteigen kann. Tipp: Schnorchelequipment mitnehmen, das Wasser ist im Oktober noch herrlich warm und die Unterwasserlandschaft ebenso sehenswert wie an Land die vielen Wanderwege.
Amalfitana: In jeder Kurve eine optische Sensation
«Wer von Amalfi ins Paradies kommt, für den bleibt alles beim Alten», so lautet ein italienisches Sprichwort. Und tatsächlich: Die Amalfiküste südlich von Neapel verschlägt einem mit ihrem Anmut glatt die Sprache. Daher gilt die sich an der Steilküste entlangschlängelnde Bergstrasse ss163 zu Recht als eine der bekanntesten Traumstrassen der Welt. Heisst auch: Die übervollen Sommermonate meiden, lieber im Herbst kommen!
Und egal wann, wer von Sorrent kommt, erlebt in Colle di Fontanelli und erst recht in San Pietro einen ersten Vorgeschmack von der Schönheit des «Aussichtsbalkons auf den Golf von Salerno». Kurz dahinter geht es mit der 50 Kilometer langen Küstenstrasse, die aufgrund etlicher Engstellen nicht ohne Grund für Wohnmobile gesperrt ist, richtig los – wobei die Felswand nicht nur nach unten nahezu senkrecht abfällt, sondern auch oberhalb der waghalsig in den Stein geschlagenen Strasse. Nach aufregenden Kurven kommt ein Päuschen in Positano, dem Hauptort an der Amalfitana, gerade recht. Das überwiegend autofreie Städtchen mit seinen an steilen Hängen thronenden, farbenfrohen Häusern zieht sich wie ein Amphitheater den Berg hinauf – stark.
Gilt auch für die folgenden pinien- und zypressengesäumte Hänge, steile Felspassagen und Fischerdörfchen, deren Häuser sich malerisch wie Schwalbennester an den Berg klammern. Dann kommt Amalfi, die 840 gegründete Seerepublik, wo unbedingt der Dom Sant’Andrea besichtigt werden sollte. Gilt auch für das nicht weit entfernte, aber 350 Meter über dem Meer befindliche Bergdorf Ravello, dessen Berühmtheit es vor allem den von Legenden umrankten Gärten der Villa Rufolo verdankt. Dort soll Richard Wagner «Klingsors Garten» für sich entdeckt haben, als er an seinem «Parsifal» komponierte. Ob mit Musik im Ohr oder Meer im Blick: Beschwingt geht es auf zur letzten Etappe bis nach Vietri sul Mare.
Stilfser Joch: Panorama-Passstrasse der Superlative
Vom Meer in die Berge, vom Golf von Salerno in die Alpen, wo eine Reihe echter Pass-Leckerbissen warten. Der Passo Stelvio am Stilfser Joch gehört zu den Höhepunkten, auch im geografischen Sinne. Mit 2757 Metern ist er der höchste Gebirgspass Italiens – und der dritthöchste der gesamten Alpen. Nur der 2802 Meter hohe Cime de la Bonette und der ähnlich hohe Col de l’Iseran liegen noch etwas darüber.
Die 49 Kilometer lange Stilfser-Joch-Strasse verbindet das südwestlich gelegene Bormio in der Provinz Lombardei mit dem nordöstlich gelegenen Prad in Südtirol. Für den Verkehr ist sie in der Regel zwischen Ende Mai und November geöffnet, mit Ausnahme des letzten August-Samstags. Am «Stelvio Bike Day» sind Autos nämlich tabu, dann gehört die Passstrasse tagsüber ganz allein den Fussgängern und mehr noch den Radlern. Die sind auch sonst gern am Start, wobei ausreichend Kondition und Bereitschaft zur Selbstquälerei zwingend Voraussetzung sind.
Aber ganz ehrlich: Selbst am Steuer eines Pkws ist das schier endlose und enge Geschlängel der Zu- und Abfahrten nach Bormio auf der einen und Prad auf der anderen Seite eine sportliche Angelegenheit. Schliesslich geht es neben der Strasse oft hunderte Meter steil bergab und die 48 Kehren, welche die Passstrasse durch den Nationalpark Stilfser Joch zu einer der kurvigsten Strassen der Welt machen, verlangen einem ordentlich Fahrkönnen und Konzentration ab.
Transfăgărășan: Panoramaflash abseits der Massen
Ein anderer Bergstreckentipp führt nach Rumänien, das für viele immer noch Reise-Neuland darstellt. Die beiden Regionen jedoch, welche die Nationalstrasse 7C mit Start in Bascov bei Pitești und Ende in Cârțișoara bei Sibiu verbindet, geniessen dennoch grosse Bekanntheit. Die eine heisst Walachei und hat es als Pseudonym für «Irgendwo im Nirgendwo» in den Wortschatz geschafft, die andere Transsilvanien. Na, klingelt’s? Das Thema Dracula jedenfalls ist recht präsent, vor allem auf der bei Curtea de Argeș gelegenen Ruine von Poenari. Dort residierte einst der gefürchtete Vlad III. Drăculea, der als historische Vorlage für Bram Stokers Vampirfürsten gilt.
Nach dem schaurig-schönen und dank 1500 Treppenstufen auch recht sportlichen Besuch geht es – jetzt im Auto – aufregend weiter. Das jedoch betrifft «nur» die Kulisse, schlängelt sich doch eine der spektakulärsten Strassen Europas mitten durch die mächtigen Făgăraș-Berge. Was in den 1970er Jahren als gigantisches Infrastrukturprojekt des nicht minder gefürchteten Diktators Nicolae Ceaușescu entstand, ist heute ein Traumziel für Autofahrer und Motorradfans. In unzähligen Kehren windet sich die 150 Kilometer lange Transfogarascher Hochstrasse hinauf, vorbei an Wasserfällen, dunklen Wäldern und schroffen Gipfeln.
Wann gehalten wird? Zum Überholen lassen, zum Staunen über den Vidraru-See mit seiner gewaltigen Staumauer und zum Fotografieren von Wölfen, Luchsen und Bären, wenn sich denn welche blicken lassen. Als fixes Fotomotiv einzuplanen ist der auf 2040 Metern Höhe ruhende Bâlea-See. Ab jetzt geht es überwiegend bergab, wobei sich am Schluss der Bergstrasse unbedingt noch ein Abstecher ins nicht weit entfernte Sibiu lohnt. Besser bekannt unter dem Namen Hermannstadt wartet die Stadt mit siebenbürgisch-sächsischer Geschichte und einer lebendigen Kulturszene auf.