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Fall Harry Kolb: Das ganze Ausmass wird sichtbar
Reto SuterDer Fall Harry Kolb bietet der Schweizer Reisebranche reichlich Gesprächsstoff. Und: Es zeigt sich immer konkreter, wie gross das ganze Ausmass ist. Den Stein ins Rollen brachte diese Woche der «Blick». Eine vierköpfige Gruppe hatte bei Harry Kolb in Kilchberg ZH für rund 20'000 Franken eine Japanreise gebucht und bezahlt. Wochenlang warteten die Kunden vergeblich auf ihre Reiseunterlagen. Flugtickets und Hotelvoucher erhielten sie nie.
Kolb räumt unterdessen ein, dass ihm das Geld fehlte, um die gebuchten Leistungen zu bezahlen. Der seit 44 Jahren auf Fernostreisen spezialisierte Reisebüro-Inhaber führt seine finanziellen Schwierigkeiten auf einen mutmasslichen Cyberangriff zurück. Kriminelle hätten rund 2,5 Millionen Franken von Firmenkonten erbeutet, sagt er.
Inzwischen sind weitere Fälle bekannt geworden. Ein Paar bezahlte 8500 Franken, eine sechsköpfige Gruppe rund 75'000 Franken. Kolb selbst spricht von «etwa vier oder fünf Familien», die betroffen seien. Nach Informationen von Travelnews dürfte es um Kundengelder von mindestens 120'000 Franken gehen, die nicht für die vorgesehenen Reiseleistungen eingesetzt wurden.
Betreibungen über mehr als 170'000 Franken
Weitere Fragen wirft der aktuelle Betreibungsregisterauszug der Reisebüro Harry Kolb AG auf, der Travelnews vorliegt. Darin sind per 1. Oktober 2026 sechs Betreibungen von vier verschiedenen Gläubigern mit einer gesamten Forderungssumme von 172'584.48 Franken aufgeführt.
Wichtig dabei: Die im Betreibungsregister aufgeführten Beträge sind nicht automatisch mit rechtskräftig festgestellten Schulden gleichzusetzen. Bei vier der sechs Betreibungen ist Rechtsvorschlag vermerkt. Bei zwei Verfahren – darunter einem über knapp 85'000 Franken – ist dagegen bereits eine Konkursandrohung eingetragen.
Die Forderungen der bislang bekannten betroffenen Reisenden sind in diesen Betreibungen nicht enthalten. Sie dürften ihr Geld über die Kundengeldabsicherung zurückerhalten. Harry Kolbs Absicherung bei Swiss Travel Security wurde am 23. Juni 2026 sistiert. Die bisher bekannten Betroffenen hatten ihre Reisen jedoch bereits vorher gebucht.
Zwei Fälle liegen bereits beim Ombudsman
Auch Walter Kunz, Ombudsman der Schweizer Reisebranche, beschäftigt sich inzwischen mit dem Thema. «Es sind bei uns zwei Fälle eingegangen», bestätigt er gegenüber Travelnews.
Gleichzeitig weist er auf eine mögliche Lücke für Reisende im aktuellen System der Kundengeldabsicherung hin. Die Branche bekomme in der Regel mit, wenn die Kundengeldabsicherung eines Reisebüros sistiert werde. Für Reisende könne es jedoch problematisch werden, wenn sie bei der Planung kontrollierten, ob ein Reisebüro abgesichert sei, die Deckung aber zwischen Planung und definitiver Buchung wegfalle.
Auch die Geschäftspartner nimmt Kunz in die Pflicht. «Die Branche könnte die Belieferung eines solchen Büros unmittelbar mit der Bekanntgabe der Sistierung einstellen.» Das geschehe offenbar nicht immer – insbesondere dann nicht, wenn Leistungsträger im Voraus bezahlt würden.
Damit dürfte der Fall Harry Kolb noch längst nicht vollständig aufgearbeitet sein. Drei Kundengruppen sind öffentlich bekannt, Kolb selbst spricht von vier oder fünf betroffenen Familien. Hinzu kommen die Betreibungen gegen sein Unternehmen und zwei Fälle beim Ombudsman. Es ist zu befürchten, dass noch weitere Betroffene auftauchen werden. Der Schaden für die Branche ist jedenfalls angerichtet.