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Kommentar Zu lange gute Miene gemacht
Reto SuterNatürlich gilt in einem Rechtsstaat wie der Schweiz die Unschuldsvermutung. Aber: Die Erklärungen von Asienreisen-Anbieter Harry Kolb sind wenig überzeugend und wirken angesichts der bekannten Fakten wie billige Schutzbehauptungen.
Kriminelle hätten sein Reisebüro in Kilchberg ZH gehackt und Geld von mehreren Konten verschwinden lassen, sagt er. Gleichzeitig behauptet er gegenüber Travelnews, bei Swiss Travel Security versichert zu sein. Das stimmt erwiesenermassen nicht: Der Vertrag wurde bereits am 23. Juni 2026 sistiert, weil die nötigen Sicherheiten fehlten.
Noch schwerer wiegt: Der Fall der vier Japan-Reisenden, die mehr als 20'000 Franken bezahlten und trotzdem ohne Tickets und Hotelvoucher dastanden, ist offenbar kein einzelner Ausrutscher.
Innert weniger Stunden sind weitere Fälle bekannt geworden. Bei Travelnews meldete sich inzwischen ein Leser, der im Frühling für sechs Personen eine Südkorea-Japan-Reise bei Kolb buchte. Schadenssumme: rund 75'000 Franken. Statt in Asien verbringt die Gruppe ihre Ferien nun in Griechenland und hat juristische Schritte eingeleitet. Der «Blick» berichtet von einer Kundin, die 8500 Franken bezahlte, ohne dass daraus eine Reise wurde.
Das Kartenhaus ist zusammengefallen. Und es stellt sich die Frage, wie lange es schon gewackelt hat.
Die Branche wusste Bescheid
Finanzielle Schwierigkeiten bei Harry Kolb waren in der Reisebranche schon länger ein offenes Geheimnis. Travelnews hört aus verschiedenen Ecken, dass es bereits früher Probleme gegeben habe. Ein grosser Reiseveranstalter hat mit Kolb schon vor Jahren nur noch gegen Vorauszahlung Geschäfte abgewickelt.
Damit muss sich auch die Branche unangenehme Fragen gefallen lassen. Wurde zu lange weggeschaut? Wurde gute Miene zum bösen Spiel gemacht, solange sich mit einzelnen Buchungen noch Geld verdienen liess?
Man wird den Eindruck nicht los, dass in solchen Situationen am Ende jeder zuerst auf die eigene Rechnung schaut. Wenn mit einem Geschäft noch 2000 Franken zu verdienen sind, wird es eben abgeschlossen – trotz vorhandener Bedenken. Das mag kurzfristig nachvollziehbar erscheinen. Langfristig tut sich die Reisebranche damit keinen Gefallen.
Der Schaden trifft alle
Denn die Zeche bezahlt nicht nur Harry Kolb. Solche Geschichten treffen eine ganze Branche. Wenn eine der meistgelesenen Zeitungen der Schweiz über Kunden berichtet, die fünfstellige Beträge überweisen und ohne Reise dastehen, bleibt etwas hängen. Potenzielle Kundinnen und Kunden fragen sich zwangsläufig: Kann mir das auch passieren?
Immerhin dürfte bei den bisher bekannten Fällen die Kundengeldabsicherung greifen. Doch es wäre überraschend, wenn damit bereits alle Fälle auf dem Tisch lägen. Besonders heikel wären Buchungen nach dem 23. Juni, als Harry Kolb nicht mehr über die Absicherung von Swiss Travel Security verfügte.
Der Fall sollte deshalb auch für die Branche ein Weckruf sein. Sie muss konsequenter gegen Player vorgehen, die sich nicht an die Spielregeln halten. Und sie muss früher reagieren, wenn Warnsignale bekannt sind – statt wegzuschauen, solange mit dem betreffenden Geschäftspartner noch Geld zu verdienen ist.
Der Antrag von Reisebüro-Inhaberin Barbara Wohlfarth für die Generalversammlung des Schweizer Reise-Verbands Ende Oktober in El Gouna kommt deshalb zu einem perfekten Zeitpunkt.
Es wird spannend zu sehen sein, wie ernst die Reisebranche künftig ihre eigenen Regeln nimmt und ob sie bereit ist, im Interesse aller auch dann konsequent zu handeln, wenn es den Einzelnen etwas kostet.