Here & There
Eine Annäherung an das rätselhafte Belarus
Walter DenzIn unseren Breitengraden kennt man das Land zwischen Polen und Russland vor allem als «Europas letzte Diktatur» oder profaner, als Vasallenstaat von Putins Gnaden. Die Reisewarnungen beeindrucken. Es lauern willkürliche Verhaftungen, die Todesstrafe, der KGB, der tatsächlich bis heute so heisst, und, wem das noch nicht reicht, ein nicht zu übersehendes Schild an der litauischen Aussengrenze der EU mit der Warnung: «Do not travel to Belarus! You might fail to come back».
Wie passt dazu die von Langzeitherrscher Alexander Lukaschenko verordnete Öffnung der Grenzen für Westeuropäer, die sich seit 2023 visumfrei von den Schönheiten des 10-Millionen-Landes doch bitte selbst und vor Ort überzeugen sollen? Gründe genug für einen Mini-Famtrip mit zwei unerschrockenen Reiseprofis, die meinen Worten glaubten, dass die Leute dort sehr gastfreundlich sein würden.
Auf dem Landweg nach Minsk
Belarus ist ähnlich sanktioniert wie der grosse Bruder im Osten. Also wählen wir den Landweg von Vilnius nach Minsk. Es sind läppische zweihundert Kilometer. Die Sache mit den armenischen Nummernschildern (AM) am Transferbus aus Minsk klärte sich rasch. Autos mit BY-Kennzeichen (Belarus) dürfen nicht in die EU einreisen.
An der Grenze sahen wir Transferbusse und Limos, registriert in KG (Kirgisien!) oder MD (Moldawien). Roaming ist kein Problem, unsere Kreditkarten funktionieren einen Tick besser als in Russland, darauf verlassen kann man sich aber nicht. Es muss deshalb Cash mit, nur ja keine Euros. Die werden nämlich von den Litauern konfisziert. Der Grenzübertritt dauert, ist nach meinem Empfinden aber korrekt und halbwegs höflich.
Extravagante Bar- und Clubszene in Minsk
Die festlich geschmückte Hauptstadt Minsk (2 Millionen Einwohner) am Fluss Swislatsch empfängt uns bei warmen Temperaturen. Das Hilton Curio Collection liegt gleich neben dem Waldorf Astoria (!) auf einer kleinen Anhöhe unmittelbar am Fluss. Von dort sind es nur wenige Schritte in die übersichtliche, aufwendig restaurierte Altstadt, die wir sofort ins Herz geschlossen haben.
Praktischerweise befinden sich die besten Restaurants, Bars und Clubs alle in Fussdistanz zum Hotel. Nicht nur die Küche ist erstaunlich gut, auch die extravagante Bar- und Clubszene gehört zu den am besten gehüteten Geheimnissen des Landes. Insgeheim hoffen wir, dass das noch eine Weile so bleibt.
Unser Famtrip führt uns zuerst zum staatlichen BelAZ-Werk, das mit 12'000 Mitarbeitern jene gigantischen Muldenkipper baut, die zu den bekanntesten Exportprodukten des Landes gehören. Das grösste Modell hat eine Traglast von bis zu 450 Tonnen und wird überall dort gebraucht, wo Eisenerz und andere nicht flüssige Rohstoffe abgebaut werden. Die Mitfahrt in der Fahrerkabine war ein Highlight der Reise.
Der folgende Tag stand ganz im Zeichen militärhistorischen Anschauungsunterrichts an der Beresina. Schweizer Regimenter trugen in den Novembertagen 1812 wesentlich dazu bei, dass Napoleon und der klägliche Rest der Grande Armée nach dem Debakel in Russland die Beresina überqueren und sich nach Westen in die Heimat retten konnten. Von den Schweizern kamen die wenigsten zurück. In der Schweiz erinnert bis heute das Beresinalied an diese Katastrophe. Das passende Denkmal in Ufernähe wurde von der Eidgenossenschaft in Auftrag gegeben. Die nächstgelegene Stadt ist Borisov, dessen Fussballclub BATE in den Jahren 2008 bis 2016 regelmässig in der Gruppenphase der Champions League teilnahm.
Monumentales Sowjetdenkmal
Auf dem Weg in den äussersten Südwesten des Landes, nach Brest, dem früheren Brest-Litovsk, machen wir Halt bei zwei Schlössern, die beide der sehr reichen und einflussreichen Dynastie der Radziwill gehörten. Über Jahrhunderte prägte die Familie die Geschicke der polnisch-litauischen Adelsrepublik. Wir befinden uns bereits in katholischen Gebieten, mit prächtigen Kathedralen aus der Barockzeit.
Tief beeindruckt hat uns die Festung Brest, Ausgangspunkt des Vernichtungsfeldzugs Hitlers gegen die Sowjetunion. Über dreissig Prozent der Bevölkerung von Belarus haben die Zerstörungswut der Nazis nicht überlebt, darunter fast die gesamte jüdische Bevölkerung, die vor dem Krieg in den Städten häufig einen Bevölkerungsanteil von über 50 Prozent ausmachte. Die Festung ist ein Ort zum Innehalten. Das monumentale Sowjetdenkmal am Grab des unbekannten Soldaten, bewacht von Mädchen und Jungen der nahegelegenen Kadettenschule, hat uns tief bewegt.
Höflich, sanft und freundlich
Die herausgeputzte Provinzstadt Grodno an der Memel war neben Warschau Hauptstadt der polnisch-litauischen Adelsrepublik, der Rzeczpospolita. Ihre maximale Ausdehnung reichte einst von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Bauliche Zeugen dieser einstigen europäischen Grossmacht findet man an jeder Strassenecke. Die Flaniermeile hat es uns besonders angetan, leider wartet bereits der Transferbus zurück nach Vilnius.
Zurück bleibt das Bild eines Landes, das nahe liegt und uns doch erstaunlich fremd ist. Die Höflichkeit, Sanftmut und Freundlichkeit der Menschen haben uns tief beeindruckt. Und ja, es klingt kitschig: Die Sauberkeit erinnert tatsächlich an die Schweiz.
Es gibt viel zu besichtigen, Kenntnisse der russischen Sprache sind von Vorteil, vor allem in der Provinz. Ausländische Besucher sind rar, die Einheimischen kennen wegen der Sanktionen Westeuropa nur noch aus dem Internet. Vielleicht war gerade deshalb das Interesse an unserer kleinen Gruppe so gross.
Lohnt sich die Reise? Auf alle Fälle, die geltenden Sanktionen bedingen jedoch eine solide Vorbereitung!