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25 Jahre 9/11: Die Reisebranche blickt zurück auf einen Tag, den die Welt nie vergisst. Bild: Adobe Stock

Ein Tag, vier Geschichten: Schweizer Reiseprofis erinnern sich an 9/11

Reto Suter

25 Jahre nach 9/11 lässt Travelnews vier Schweizer Reiseprofis erzählen, wie sie den Tag erlebten, der die Welt und das Reisen für immer veränderte. Ihre Erinnerungen führen nach New York, in die US-Botschaft und mitten in die Krisenzentralen der Reiseveranstalter.

Der 11. September 2001 hat sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt wie kaum ein anderes Ereignis der jüngeren Geschichte. Vier entführte Passagierflugzeuge, die Bilder der brennenden und einstürzenden Türme des World Trade Centers, der Angriff auf das Pentagon und fast 3000 Todesopfer erschütterten nicht nur die USA, sondern die ganze Welt.

Für die Reisebranche bedeuteten die Anschläge eine Zäsur. Plötzlich war ein Verkehrsflugzeug nicht mehr nur Transportmittel, sondern konnte zur Waffe werden. Das Vertrauen ins Fliegen erlitt einen schweren Schlag, die Sicherheitsvorkehrungen an Flughäfen wurden grundlegend verschärft, Cockpittüren verstärkt und die Kontrollen von Passagieren und Gepäck massiv ausgebaut. Vieles, was Reisende heute am Flughafen als selbstverständlich empfinden, hat seinen Ursprung in jener Zeit.

Heute, am 11. September 2026, jähren sich die Anschläge zum 25. Mal. Travelnews hat aus diesem Anlass mit vier Schweizer Reiseprofis gesprochen. Wo waren sie, als die ersten Bilder aus New York um die Welt gingen? Was ist ihnen besonders in Erinnerung geblieben, und wie hat der 11. September aus ihrer Sicht das Reisen verändert? Ihre persönlichen Geschichten zeigen, wie nahe ein Ereignis, das längst Geschichte ist, bis heute geblieben ist.

Max E. Katz, damaliger CFO von Kuoni

Max E. Katz war den Terroranschlägen näher, als ihm lieb sein konnte. Der damalige Finanzchef von Kuoni war am Abend des 10. September 2001 gemeinsam mit Kuoni-CEO Hans Lerch mit dem letzten Swissair-Flug des Tages in Newark gelandet.

Am nächsten Morgen standen Gespräche mit dem amerikanischen DMC-Chef und Investoren auf dem Programm, unter anderem im World Trade Center. Aber: Dazu kam es nicht.

Im New York Palace warteten Katz und Lerch zunächst vergeblich auf ihren Geschäftspartner. Als dieser verspätet eintraf, berichtete er von einem riesigen Chaos in Manhattan. Kurz darauf erhielt Katz ein SMS: Ein zweites Flugzeug sei in das World Trade Center geflogen. «Wir gingen zusammen in ein Zimmer, um fernzusehen – und sahen, was passiert war.»

Ein Bild hat sich besonders tief eingebrannt. Katz lief später zur Fifth Avenue und blickte Richtung Downtown, wo Rauch über den eingestürzten Türmen hing. Hunderte Menschen standen auf der Strasse.

«Es herrschte absolute Stille. Alle waren fassungslos.» Fremde hätten sich umarmt und gegenseitig getröstet. Auch der Blick am nächsten Morgen aus seinem Hotelzimmer auf ein nahezu verwaistes New York werde ihm für immer bleiben.

Katz und Lerch sassen mehrere Tage in ihrem Hotel fest. Schon damals war ihnen klar: «Die Welt nach 9/11 wird nicht mehr gleich sein wie zuvor.» Gleichzeitig begannen sie darüber nachzudenken, welche Folgen die Anschläge für Kuoni haben würden. Der Konzern hatte gerade den stark wachsenden skandinavischen Veranstalter Apollo samt Fluggesellschaft übernommen. Nun mussten Kapazitäten und Kosten rasch an eine völlig veränderte Nachfrage angepasst werden.

Am 15. September kehrten Katz und Lerch mit dem zweiten Swissair-Flug, der New York wieder anflog, in die Schweiz zurück. Bereits am Montag beschloss die Konzernleitung erste Massnahmen. Dazu gehörte auch die Aufgabe der teuren Kuoni-Filiale an der Zürcher Bahnhofstrasse.

Für Katz markierte 9/11 auch beim Reisen eine Zeitenwende. Besonders einschneidend waren die neuen Sicherheitsvorschriften. «In den USA war Fliegen vorher wie Bus fahren.» Danach gehörten aufwendige Kontrollen zum Alltag. Gleichzeitig nahm Katz eine Erkenntnis aus der Krise mit, die für ihn bis heute gilt: Selbst nach einem solchen Schock kehrt der Wunsch zurück, die Welt zu entdecken. «Das Verlangen nach Reisen wird niemals verschwinden.»


Matt Huwiler, damaliger Geschäftsführer der CA Fernreisen

Matthias «Matt» Huwiler war am 11. September 2001 in seinem Büro bei CA Fernreisen in Dübendorf. Für Krisenfälle stand dort ein Fernseher bereit. Nach dem ersten Einschlag rief Huwiler sofort sein Management-Team zusammen und schaltete das Gerät ein. «Das Ganze war so unglaublich, dass ich mich heute noch fast an die gesamte Live-Übertragung erinnere.»

Zum Schock kam rasch die Arbeit. Notfall-Meetings wurden einberufen, der Vertrieb informiert und sämtliche betroffenen Buchungen durchforstet.

Für gestrandete Kundinnen und Kunden mussten Ersatztransporte organisiert und Hotelaufenthalte verlängert werden. Huwilers kurze Bilanz: «Es war ein Albtraum.» Operativ sei allerdings das Swissair-Grounding, das Anfang Oktober 2001 folgte, noch schlimmer gewesen.

Auch 25 Jahre später nimmt Huwiler bei der Frage nach den langfristigen Folgen von 9/11 kein Blatt vor den Mund. «Hat es denn wirklich zu Veränderungen geführt – ausser längerem Anstehen bei der Kontrolle?» Das Fliegen sei zwar ein bisschen sicherer geworden, Terroranschläge habe das aber nicht verhindert: «Die sind einfach auf den Boden verlegt worden.»

Auch der kurzfristige Effekt für die Reisebüros, deren Beratung nach den Anschlägen wieder stärker gefragt war, hielt laut Huwiler nicht lange an. «Nach sechs Monaten war davon kaum noch etwas zu spüren.» Für ihn eine typische Reaktion auf Krisen: «Man denkt immer: Und wenn etwas passiert? Aber sobald die Krise vorbei ist, verpufft das eben auch schnell wieder.»


Hans-Peter Nehmer, damaliger Kommunikationschef der Hotelplan-Gruppe

Hanspeter Nehmer sass am 11. September 2001 nicht in der Hotelplan-Zentrale, sondern in einem Weiterbildungsseminar an der Universität St. Gallen. Er erhielt erste Anrufe aus seinem Team. Noch war völlig unklar, was in den USA geschehen war.

«Nachdem ich die ersten Medienberichte gesichtet hatte, informierte ich die Mitstudierenden und den Studienleiter über die dramatischen Ereignisse.» Der Unterricht wurde unterbrochen, die Live-Berichterstattung von «CNN» auf die Leinwand geschaltet.

«Ich erinnere mich noch sehr genau an die beklemmende Stimmung im Raum. Uns allen wurde schnell bewusst, dass wir Zeugen eines historischen Ereignisses waren, dessen Folgen weit über die USA hinausreichen würden.»

Nehmer machte sich umgehend auf den Weg an den Hotelplan-Hauptsitz in Glattbrugg. «Als ich dort ankam, herrschte eine Atmosphäre, die ich nie vergessen werde.» Auf allen Bildschirmen liefen die Bilder aus den USA, gleichzeitig klingelten die Telefone ununterbrochen.

Reisende wollten wissen, was die Anschläge für ihre Ferien bedeuteten und ob sie ihre Reisen überhaupt noch antreten sollten. Gleichzeitig stieg das Informationsbedürfnis der Medien sprunghaft an. «Wir mussten laufend neue Fakten beschaffen, die Lage beurteilen und möglichst rasch kommunizieren.»

Bald zeigte sich, dass es nicht bei einem kurzfristigen Schock bleiben würde. Die Nachfrage nach Flugreisen brach ein, Sicherheitsfragen dominierten die öffentliche Diskussion und die Verunsicherung hielt über Monate an.

Um die benötigten Flugkapazitäten für Schweizer Reisende zu sichern, wurde die Fluggesellschaft Belair gegründet. Bild: Kambui

Und dann kam bereits der nächste Schock. Nur wenige Wochen nach 9/11 folgte das Swissair-Grounding. «Selten haben sich innerhalb weniger Wochen derart viele aussergewöhnliche Ereignisse überlagert.» Für Hotelplan stellte sich nun zusätzlich die Frage, wie die benötigten Flugkapazitäten für Schweizer Ferienreisende gesichert werden konnten. Die Antwort darauf war unter anderem die Gründung der eigenen Fluggesellschaft Belair.

Für Nehmer wurde der Herbst 2001 zur ersten grossen Schule der Krisenkommunikation. «Täglich mussten wir unter grossem Druck Entscheidungen treffen, ohne zu wissen, welche Entwicklung der nächste Tag bringen würde.» Die Ereignisse hätten ihm gezeigt, «wie wichtig klare Kommunikation, schnelle Entscheidungen und Transparenz in Krisensituationen sind».

Seine eigentliche Bewährungsprobe sollte allerdings noch folgen. Beim Tsunami in Südostasien Ende 2004 ging es nicht mehr primär um wirtschaftliche Folgen, sondern um Menschenleben, vermisste Reisende und die Sorgen ihrer Angehörigen. «Die Erfahrungen aus dem Herbst 2001 haben mir geholfen, auf diese aussergewöhnliche Situation besser vorbereitet zu sein.»

Dennoch bleibt 9/11 für Nehmer eine einzigartige Zäsur. Sein Fazit 25 Jahre später: «Für die Reisebranche war das ein historischer Wendepunkt, dessen Folgen noch viele Jahre spürbar blieben.»


Werner Wiedmer, damaliger Präsident des Visit USA Committee Switzerland

Werner Wiedmer war am 11. September 2001 Präsident des Visit USA Committee Switzerland und arbeitete für die US-Botschaft in Bern.

Als die ersten Meldungen aus New York eintrafen, wurde er mit weiteren Mitarbeitenden dringend ins Büro von Botschafter Mercer Reynolds gerufen. Gemeinsam verfolgten sie «CNN». «Das Ganze war noch ein Chaos und völlig unübersichtlich», erinnert sich Wiedmer. Was sich danach vor der Botschaft abspielte, hat sich tief in seine Erinnerung eingebrannt.

«Vor der Botschaft stapelten sich Blumen und Kerzen. Es waren so viele, dass wir ein Zelt aufstellen mussten. Dort lag auch ein dickes Kondolenzbuch auf, in das sich mehrere Mitglieder des Bundesrats eintrugen. Das war eine eindrückliche und ergreifende Demonstration der Anteilnahme.»

Gleichzeitig änderte sich der Alltag schlagartig. «Die Schweizer Behörden erliessen sofort strenge Sicherheitsvorschriften. Der Botschafter wurde während Wochen von einem speziell ausgebildeten Chauffeur mit Eskorte von der Residenz zur Botschaft gefahren.»

Für den USA-Tourismus waren die Folgen zunächst deutlich spürbar. «Kurzfristig wirkten sich vor allem die Einschränkungen im Flugverkehr und die strengen Kontrollen bei der Einreise aus.» Das Verständnis dafür sei jedoch gross gewesen. «Es gab eine eigentliche Sympathiewelle für die USA.» Die Destination blieb beliebt: Bis zur Pandemie reisten laut Wiedmer jährlich zwischen 400'000 und knapp einer halben Million Menschen aus der Schweiz in die Vereinigten Staaten.

25 Jahre später fällt seine Bilanz nachdenklicher aus. «Die Frage nach der Wirkung von 9/11 löst im heutigen Umfeld fast so etwas wie Bedauern über die damalige ‹gute› Zeit aus», sagt er. Nach den Anschlägen sei der Westen im Kampf gegen den Terrorismus zusammengerückt, was sich auch auf das Verhältnis zwischen der Schweiz und den USA ausgewirkt habe.

Davon sei heute wenig übrig. «Vom damals entstandenen Goodwill ist heute kaum etwas geblieben.» Eines stellt Wiedmer aber weiterhin fest: «Die Berichte von USA-Reisenden sind fast ausnahmslos positiv – bis auf die stark gestiegenen Preise.»