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Ist das alles wirklich eine Freude mit dem Reisen? Kolumnist Felix Frei hat seine Zweifel. Bild: Pixabay

Einwurf Liebe Reisende ...

Felix Frei

Flughafenschlangen, Liegestuhl-Reservationen und Touristenmassen: Felix Frei hält dem modernen Reisen den Spiegel vor – und fragt sich, ob Ferien wirklich so erholsam sind, wie wir uns gerne einreden.

Sollten Sie normalerweise in der Schweiz ansässig sein, begrüsse ich selbstverständlich jede Auslandsreise, die Sie unternehmen. Falls Sie normalerweise in einem anderen Land ansässig sind, so hätte ich überaus viele nichtschweizerische Reisetipps für Sie. Man soll mir also nicht nachsagen, ich hätte etwas gegen Reisen.

Tatsächlich habe ich vor etlichen Jahren nicht nur selbst solche unternommen, ich war sogar Reiseleiter beim damaligen Schweizerischen Studentenreisedienst SSR. Mein leicht vergilbter Ausweis aus diesen Zeiten existiert noch und belegt nicht nur diese Behauptung, sondern auch die Tatsache, dass sich auf meinem Haupt wirklich mal Haare befanden …

In vormassentouristischen Zeiten gab es mal die schöne Vorstellung, die rhetorisch dicht verkürzt besagt: Reisen bildet. Nun, da sind gewisse Zweifel angebracht. Denn irgendwie scheint die Zunahme an Tourismus nicht wirklich zu korrelieren mit einer Zunahme an Bildung. Dies zumindest gemäss meiner höchst subjektiven Beobachtungsstatistik.

Die Hin-Sache und Weg-Sache

Ich neige eher zu der Auffassung, dass man das Reisen bislang ziemlich falsch interpretiert. Man tut stets so, als handle es sich um eine Hin-Sache. Fernweh! Neugier! Exotische Welten! Die Prospekte der Branche sind meine Zeugen. Aber das geht, wie ich meine, völlig an der Sache vorbei. Reisen ist vielmehr eine Weg-Sache sowie in paradoxer Dialektik dazu eine Wieder-zurück-Sache. (Junge Menschen nehme ich dabei explizit aus!)

Eine Weg-Sache ist das Reisen, weil es einen weg von Zuhause führt. Weg von Arbeit, Familie, Freunden und so weiter. Einiges davon ist natürlich von Beginn weg zum Scheitern verurteilt. Die Familie etwa ist ja meist dabei, und wie! Die Arbeit geht in Zeiten von E-Mail und Video-Konferenzen nicht selten partiell auch noch mit – sowieso als leider erinnerter Kummer über allerlei berufliche Ärgernisse mit Chefs und Kollegen. Freunde bleiben einem aufs Innigste verbunden, da sie ja auch gerade in den Ferien sind und es nicht lassen können, einen auf unterschiedlichsten medialen Kanälen daran zu erinnern, wie unübertroffen schön ihr Strand und ihr Hotel sind.

Eine Wieder-zurück-Sache ist das Reisen, weil es die Chance in sich trägt, das angeblich so langweilige Zuhause und den angeblich so stereotypen Alltag plötzlich in ganz neuem Licht zu sehen und wieder vermehrt wertzuschätzen. Zuhause funktioniert die Dusche! Zuhause ist der Kaffee besser! Zuhause wird man nicht ständig überfahren auf der Strasse! Zuhause versteht man (meist) die Sprache der Leute! Und selbst das Büro erweist sich als eine wohlige Angewohnheit, in der man sich geübt zurechtfindet. Chef inklusive!

Erholungseffekt verpufft

Denn, wo wir hier schon unter uns sind: Ist das alles wirklich eine Freude mit dem Reisen? Dass man am Flughafen die ganzen logistischen Tätigkeiten, für die vormals freundliches Personal zuständig war, selbst übernehmen muss. Dass man am frühen Morgen schon entwürdigend lange in einer Schlange anstehen muss, als wäre man Brite. Dass man sich in eine Blechröhre klemmt und den Ellbogenkampf um die Stuhllehne kämpft, während man nicht weiss, wohin man die Beine strecken soll.

Dass man am Ziel niemals aus dem Flughafen raus kann, ohne zuerst einen Spiessrutenlauf durch Verkaufsläden gemacht zu haben, die nur Dinge führen, die man partout nicht kaufen will. Dass das Hotelzimmer nur sehr entfernt der Weitwinkelaufnahme aus dem Prospekt ähnelt. Dass man sich durch den Strom der Gleichgeplagten von Touristenfalle zu Touristenfalle schleppt, die man als Profi tunlichst meiden will, am Schluss aber mangels Alternative nicht umgehen kann.

Dass man sich spätestens am dritten Tag der Unsitte anschliessen muss, im Morgengrauen anlässlich des unvermeidlichen Pinkelzwangs schon mal mittels Handtuch einen Liegestuhl zu reservieren. Dass man bloss Sehenswürdigkeiten sieht, die man aufgrund der Konkurrenz von so vielen anderen, die die ebenfalls sehen wollen, nicht sieht, und die ohnehin im Original kaum je so toll aussehen wie in den zuvor studierten prächtigen Bildbänden. Dass man den ganzen Tag dürstet und nicht weiss, wie man der gleissenden Sonne entgehen kann.

Dass man angesichts der verdächtig trinkgeldaffinen Einheimischenfreundlichkeit mehrmals täglich sein Menschenbild nach unten justiert. Dass die Rückreise unsäglich verspätet ist, dafür aber das Gepäck nicht mitkommt. Dass der Bürokollege anderntags ohnehin die schöneren Bilder präsentiert und die Bürokollegin die tiefere Bräune vorzuweisen hat. Dass jeder Erholungseffekt allerspätestens nach zwei Arbeitstagen verpufft ist. Ist das wirklich alles so schön?

Bon Voyage!

Ich für meinen Teil halte es je länger je mehr mit jener vornehmen Dame aus Philadelphia, die – wohl vor vielen Jahrzehnten – meinte: «Wozu denn reisen? Wir sind doch schon da!»

Nun ich gebe zu: Es gibt sicherlich einige, die noch so abenteuerlich reisen, als wären sie immer noch jung. Mit Ungewissheit, ohne feste Pläne, mit neuen Bekanntschaften mit lokalen Einheimischen und einheimischen Lokalen, womöglich sogar mit Kenntnis der jeweiligen Landessprache oder zumindest der Bereitschaft, sich davon etwas anzueignen, und mit einer Lern- respektive Bildungsbilanz am Schluss, die mehr umfasst als die Feststellung: «Bei uns sind die Strassen aber schon sauberer!» Sie möchte ich – wie alle Jungen auch, ich habs gesagt – von meinem Einwurf ausnehmen. Sie sind ohnehin eine vernachlässigbare Minderheit in dem Thema. Und werden es bleiben.

Aber dennoch, ich wiederhole mich gerne: Sollten Sie normalerweise in der Schweiz ansässig sein, begrüsse ich selbstverständlich jede Auslandsreise, die Sie unternehmen. Falls Sie normalerweise in einem anderen Land ansässig sind, so hätte ich überaus viele nichtschweizerische Reisetipps für Sie. Bon voyage!


Postpensionistisches

Felix Frei, seit 2020 im Ruhestand, nutzt seine neu gewonnene Zeitautonomie zum Sinnieren – und nimmt seine Leserinnen und Leser mit auf eine gedankliche Reise über Gesellschaft, Religion, Wissenschaft, Sprache, Technik, Moral, Zweifel und Staunen.

Eben veröffentlicht hat er unter dem Titel «Religion und Weitsprung» 42 ganz und gar unpäpstliche Breven über dies und das: Über Gesellschaftliches, Psychologisches, Extraterrestrisches, Technologisches, Philosophisches – ach ja, und über Religion und Weitsprung. Als Anregung zum Selbstdenken, zum Fragen stellen wie auch zum eigenen Sinnieren. Und zum Amüsement.