Trips & Travellers
«Der starke Kontrast zu meiner gewohnten Umgebung beeindruckte mich sofort»
Reto SuterJapan und Südkorea sind für Marcel Bisig weit mehr als Reisedestinationen. Sie wurden zur fotografischen Berufung. Der 30-jährige Fotograf aus Einsiedeln SZ hat die beiden Länder in den vergangenen zehn Jahren intensiv bereist und daraus ein eigenes Konzept entwickelt: exklusive Foto- und Kulturreisen abseits der klassischen Routen. Im Gespräch mit Travelnews erzählt er, wie aus Reiseschnappschüssen eine Vision entstand – und weshalb er heute Reisen ebenso sorgfältig kuratiert wie seine Bilder.
Herr Bisig, wie entstand die Idee, eigene Fotografie-Reisen anzubieten?
Marcel Bisig: Auf meiner ersten Reise nach Südkorea im Jahr 2016 war ich derart beeindruckt, dass ich diese besonderen Momente unbedingt festhalten wollte, um sie später mit Freunden und Bekannten zu teilen. Damals fotografierte ich ausschliesslich mit dem Handy – und stellte nach meiner Rückkehr fest, dass die Bilder die Atmosphäre und Intensität vor Ort nur unzureichend widerspiegelten. Das war der Auslöser, mich intensiver mit Fotografie auseinanderzusetzen. Auf späteren Reisen mit Freunden, die selbst kein besonderes Interesse an Fotografie hatten, wurde mir zudem bewusst, wie unterschiedlich man unterwegs ist. Wer fotografiert, plant bewusster, nimmt sich Zeit, wartet auch einmal auf den perfekten Sonnenuntergang und setzt andere Prioritäten. Aus diesen Erfahrungen heraus entstand schliesslich die Idee, meine Leidenschaft für Fotografie mit meiner langjährigen Begeisterung und meinem Wissen über Japan und Südkorea zu verbinden. In den vergangenen zwei Jahren habe ich mich intensiv mit der Umsetzung dieses Reisekonzepts beschäftigt – vom Testen der Routen über die Bearbeitung des Bildmaterials und die Ausarbeitung der Reiseprogramme bis hin zur Preisgestaltung.
Was unterscheidet Ihre Reisen von klassischen Gruppenreisen nach Japan oder Südkorea?
Der zentrale Unterschied liegt im Fokus. Bekannte Hotspots plane ich ganz bewusst zu Randzeiten ein – etwa den Fushimi Inari in Kyoto noch vor Sonnenaufgang, wenn kaum Besucherinnen und Besucher unterwegs sind. Zudem besuchen wir gezielt weniger touristische Orte, die in klassischen Rundreisen kaum vorkommen. Diese müssen nicht zwingend kulturell oder historisch bedeutend sein, sondern sind oft aus fotografischer Perspektive besonders spannend. Ein Beispiel ist das Shirakimine-Plateau auf der Südinsel Kyushu mit einem einzelnen Kirschblütenbaum mitten in einem gelben Rapsfeld.
«Wo immer wir unterwegs sind, probieren wir gezielt regionale Spezialitäten»
Welche Rolle spielt dabei Ihre persönliche Reiseleitung?
Das ist ein zentraler Punkt. Mein Anspruch an Qualität ist hoch, da ich selbst Teil jeder Reise bin und für alle eine intensive und inspirierende Erfahrung schaffen möchte. Dazu gehört auch, bei der Wahl der Hotels keine Kompromisse einzugehen. Ich entscheide mich bewusst für hochklassige Unterkünfte, die nach langen Fotografie-Tagen die nötige Erholung bieten. Darüber hinaus habe ich mich über viele Jahre hinweg intensiv mit den gesellschaftlichen und kulturellen Aspekten beider Länder auseinandergesetzt. Dazu zählt insbesondere die Kulinarik, die auf meinen Reisen eine wichtige Rolle einnimmt. Wo immer wir unterwegs sind, probieren wir gezielt regionale Spezialitäten. Dieses vertiefte Verständnis für Alltag und Esskultur fliesst direkt in meine Reiseleitung ein und macht das Gesamterlebnis noch ganzheitlicher.
An wen richtet sich Ihr Angebot – eher an ambitionierte Fotografen oder auch an Einsteiger?
Vom absoluten Anfänger bis hin zum erfahrenen Profi ist jeder willkommen. Da ich Reiseleitung und Foto-Coaching kombiniere, kann ich flexibel auf unterschiedliche Bedürfnisse eingehen. Ambitionierte Fotografen profitieren vor allem von der sorgfältigen Routenplanung, dem Wissen um besondere Spots und optimale Aufnahmezeitpunkte sowie von kulturellen Hintergrundinformationen. Einsteiger unterstütze ich intensiver bei technischen Fragen, Kamera-Einstellungen und dem bewussten Erkennen von Bildkompositionen. Fotografie ist am Ende Kunst, und die ist bekanntlich subjektiv. Deshalb freue ich mich auch über Teilnehmende, deren fotografische Fähigkeiten meine eigenen übertreffen. Der Austausch auf Augenhöhe bereichert jede Gruppenreise.
Welche fotografischen Highlights erwarten die Teilnehmenden konkret?
Beide Länder bieten fotografisch eine enorme Vielfalt. Ein Freund, der mich beim Testen mehrerer Routen begleitet hat, meinte: «Diese Reisen bieten ein Highlight nach dem anderen, unglaublich.» In Japan reicht das Spektrum von Tokios neonbeleuchteten Strassen bis zu stillen Postdörfern im herbstlichen Morgennebel wie Narai-juku im Kiso-Tal. Der Kontrast zwischen futuristischer Grossstadt und traditioneller Holzarchitektur ist einzigartig. In Südkorea faszinieren besonders die zahlreichen Bergtempel, die weitgehend vom Massentourismus verschont geblieben sind. Hinzu kommen die wunderschönen Hanok-Viertel mit ihren geschwungenen Dächern und engen Gassen und natürlich die Grossstadt Seoul, die mich auch nach dem x-ten Mal immer wieder aufs Neue begeistert.
Warum faszinieren Sie gerade Japan und Südkorea so sehr?
Ich bin aus Einsiedeln, einer ländlichen Region der Schweiz. Abgesehen von den jährlichen Familienferien in Südtirol und Vorarlberg hatte ich bis zu meinem 18. Lebensjahr noch nicht viel von der Welt gesehen. Zu diesem Zeitpunkt wollte ich bewusst etwas völlig anderes erleben und entschied mich für die Metropolen Seoul und Tokio. Der starke Kontrast zu meiner gewohnten Umgebung beeindruckte mich sofort und fasziniert mich noch heute. Gleichzeitig gibt es überraschend viele Gemeinsamkeiten mit der Schweiz. Tugenden wie Rücksichtnahme, Ordnungssinn oder Respekt gegenüber Mitmenschen sind in beiden Ländern stark verankert. Diese Mischung aus radikaler Andersartigkeit und vertrauten Werten macht für mich einen grossen Teil der Faszination aus.
«Es schafft Vertrauen und Sicherheit, in einem fremden Land jemanden aus dem eigenen Kulturkreis an der Seite zu haben»
Wie profitieren Ihre Gäste von Ihrer langjährigen Erfahrung vor Ort?
Im Gegensatz zu einem rein lokalen Reiseleiter kenne ich meine Gäste bereits vor der Abreise und weiss, welche Erwartungen und Bedürfnisse sie mitbringen. Dadurch kann ich vieles frühzeitig antizipieren und vor Ort flexibel darauf eingehen. Gerade in Städten wie Tokio gibt es unzählige Möglichkeiten – theoretisch könnte man dort problemlos einen Monat verbringen und hätte noch längst nicht alles gesehen. Dank meiner vielen Aufenthalte kenne ich die relevanten Orte, weiss aber auch, welche Touristenfallen man besser meidet. Ich kenne Abläufe, Verkehrsverbindungen, ideale Tageszeiten für bestimmte Spots sowie zahlreiche kleine Reisetricks, die wertvolle Zeit sparen. Zudem schafft es Vertrauen und Sicherheit, in einem fremden Land jemanden aus dem eigenen Kulturkreis an der Seite zu haben.
Wie gross sind Ihre Gruppen, und welchen Stellenwert hat die persönliche Betreuung?
Meine Gruppen bestehen aus drei bis maximal fünf Teilnehmenden. Diese bewusst kleine Gruppengrösse ermöglicht eine persönliche Betreuung – sowohl fotografisch als auch organisatorisch. Auch nicht fotografierende Partnerinnen und Partner sind herzlich willkommen. Mir ist wichtig, auf jede Person individuell eingehen zu können. Ziel ist es, dass alle Teilnehmenden am Ende der Reise genauso begeistert von Japan oder Südkorea zurückkehren, wie ich es selbst seit vielen Jahren bin.
Welche besonderen Begegnungen oder kulturellen Erlebnisse machen Ihre Reisen einzigartig?
Besondere Begegnungen lassen sich nicht planen oder erzwingen, sie entstehen meist spontan. Häufig sind es Gespräche mit Einheimischen an Orten abseits der bekannten Hotspots. Gerade in kleineren Dörfern spürt man oft grosse Freude darüber, dass sich jemand bewusst Zeit nimmt, ihre Umgebung zu besuchen und fotografisch festzuhalten. Ein fester Bestandteil meiner Japanreise ist jedoch ein gemeinsames Abendessen in Osaka mit meinem langjährigen Freund Taiyo und seiner Ehefrau Miki. Beide freuen sich jedes Mal sehr auf meine Gruppen und beantworten offen und authentisch Fragen zum japanischen Alltag. Solche persönlichen Kontakte ermöglichen Einblicke, die weit über klassische Touristeninformationen hinausgehen.
Wann finden Ihre nächsten Reisen statt, und wie gross ist das Interesse daran?
Die nächste Reise führt diesen Frühling nach Japan – mit einer privaten Gruppe, die individuell mit mir unterwegs sein möchte. Ende Oktober folgt eine Südkorea-Reise, die bereits definitiv durchgeführt wird; aktuell sind noch zwei Plätze verfügbar. Direkt im Anschluss ist die Herbstreise nach Japan geplant, sofern sich noch zwei weitere Teilnehmende anmelden. Trotz eines vergleichsweise bescheidenen Marketingbudgets ist das Interesse erfreulich gross. Dass Japan derzeit stark im Trend liegt, kommt mir natürlich entgegen. Besonders freut mich jedoch die Nachfrage nach Südkorea, da dieses Land noch nicht auf jeder Bucketlist steht. Mein Ziel ist es, genau solche Destinationen sichtbarer zu machen und ihre fotografische wie kulturelle Vielfalt einem breiteren Publikum näherzubringen.