Trips & Travellers
Ungewöhnliche Delikatessen im Ausland – Appetit auf Exotisches
Christian HaasPasta, Pommes, Pizza – dieses Trio lässt sich an den meisten Hotelbuffets zwischen Manila, Manaus und Montreux finden. Doch wen in den Ferien nicht nur die internationalen Standardgerichte interessieren, sondern auch die kulturellen Schätze des Reiselandes, der probiert die Landesküche.
Authentizität und regionale Besonderheiten werden im Tourismusgeschäft ohnehin immer wichtiger. Und mit Falafel, Bami Goreng oder Steak nach argentinischer Art dürften die wenigsten Schwierigkeiten haben. Wenn das Fleisch aber wie beim uruguayischen Nationalgericht «Asado con cuero» buchstäblich mit Haut und Haaren, also ohne abgezogenem Fell, gegrillt wird, könnte das Unterfangen schon schwieriger werden.
Die eigene Hemmschwelle zu überwinden, gilt es auch bei Insektengerichten. Allein der Gedanke daran löst bei vielen Ekelgefühle aus. Befürworter hingegen kontern: «Alles reine Kopfsache» und schwärmen von den reichhaltigen Proteinen und Aminosäuren.
Insekten à la carte
Laut dem Top-Seller «The Eat-a-Bug Cookbook» von David George Gordon gibt es weltweit exakt 1462 eingetragene Arten essbarer Insekten, wobei jede Region seine eigenen «Leckerbissen» verzeichnet. In Mexiko locken frittierte Grashüpfer mit Cayennepfeffer, Salz und Zitrone, in Nigeria stehen geröstete Termiten und Grillen hoch im Kurs, in Japan sind es gebratene Zikaden und Seidenraupenpuppen und selbst im Fast-Food-Mekka USA lassen sich konservierte Babybienen, schokoladenumhüllte Ameisen und kurz angebratene Mehlwürmer auftreiben.
Mutige saugen auf thailändischen Märkten in Thailand einmal am hinteren Ende eines Wasserkäfers und essen Witchetty-Maden und Bogong-Motten in Australien. Oder wie wär’s mit frittierten Bambuswürmern, denen man einen ähnlichen Geschmack wie Pommes nachsagt? Neugierige können die Maden übrigens auch in europäischen Zoohandlungen erstehen. Diese sollten aber besser nicht auf dem Teller landen, weil sie nicht in Lebensmittelqualität gezüchtet werden.
Ebenfalls nicht gezüchtet, jedoch rein gar nichts für Arachnophobiker: in Bananenblätter eingewickelte und kurz über dem Feuer geröstete Vogelspinnen. Dass es sich dabei um eine äusserst delikate und knusprige Mahlzeit handelt, finden nicht nur etliche Indigenenstämme im Amazonas-Gebiet, auch für einige Thailänder und Kambodschaner sind die haarigen XXL-Achtbeiner ein echtes Leibgericht.
Nur im Wasser giftig sind Quallen, im toten und gewaschenen Zustand landen sie ungefährlich im Salat – zusammen mit Gurken, Erdnussbutter und Sojasauce zählt die in China verbreitete Speise sogar eher zu den Einsteigergerichten in puncto Spezialküche.
Von Vogelnest bis Madenkäse
Für Fortgeschrittene kommt dann die Vogelnestsuppe in Frage, die tatsächlich aus Teilen eines richtigen Vogelnestes besteht, das – und das ist das Besondere – aus gelatineartigen Speichel einer kleinen Schwalbenart besteht, den an den Gestaden des Südchinesischen Meeres beheimateten Salanganen. Aufgrund der aus Seetang und Meerespflanzen bestehenden Vogelkost schmeckt auch dessen Speichel und ergo die Suppe dementsprechend. Da die in Höhlen in schwer zugänglichen und steilen Felswänden befinden und dementsprechend schwer zu ernten sind, gilt diese Speise als grosser Luxus. In der Tat: Eine Nester-Suppe kostet in ausgewählten Restaurants zwischen 20 und 70 Franken.
Für Hartgesottene wartet schliesslich Balut, ein südostasiatischer Strassen-Snack, der eine unerwartete, meist auch unangenehme Überraschung in sich trägt. Von aussen sieht die wenige Cent teure Speise aus wie ein normales Ei, doch die Füllung besteht aus einem angebrüteten Gelege mit einem halb entwickelten Embryo. Schnabel und Federn der Entenküken sind deutlich zu erkennen und werden in einem Schwung mitgegessen. Manch einen dürfte dabei weniger der Geschmack animieren als die weit verbreitete Annahme, es handele sich dabei um ein starkes Aphrodisiakum.
Wer denkt, nur in Asien, Südamerika und Afrika warten bizarre Delikatessen, der täuscht sich gewaltig. Frankreichs Spitzenrestaurants servieren vom Singvogel über Schnecken bis hin zum gefüllten Meerschweinchen eine deutlich grössere «Spezial-Palette» als in der Schweiz. In Island steht Gammelhai auf der Speisekarte, in Schweden Blutpudding aus gebackenem Schweineblut.
Und Käsefans jubeln geradezu über den sardischen Schafskäse Casu Marzu. Dessen industrielle Produktion und Vertrieb sind aus hygienischen Gründen sogar von der EU verboten. Der Grund dafür ist ein tierischer. Der Käse wird nämlich so lange dem Reifeprozess überlassen, bis sich Maden bilden und den Käse vollkommen durchsetzen. Und selbst für Käsefreaks gilt: Augen zu und durch, denn die quicklebendigen Maden können dem Geniesser unverhofft und unsanft ins Gesicht springen.
Ekel ist Ansichtssache
Achtung, lebende Tiere - das gilt auch für den ostdeutschen Milbenkäse. Das Geheimrezept aus dem Mittelalter ging in den 1970er Jahren, als der Käse in der DDR offiziell verboten war, beinahe verloren. Doch in einer kleinen Meierei in Würchwitz in Sachsen-Anhalt werden die Käsestangen, die vor ihrem Verkauf noch ein Bad in einer Kiste mit Mehl und Milben nehmen, nach wie vor hergestellt. Heraus kommt ein mit Milben-Exkrementen panierter Käse, wobei die lebenden Tiere offenbar problemlos mitgegessen werden können.
Problemlos? Aus gesundheitlicher und körperlicher Sicht mag das stimmen, aber mit der Überwindung ist das so eine Sache, mitunter eben eine richtig problematische. Gesellschaftliche Sozialisation und damit verbundene Vorstellungen spielen bei Speisen nach wie vor eine enorm grosse Rolle. Wer kann schon etwas geniessen oder zumindest unvoreingenommen probieren, wenn einem von allen Seiten her Ekelrufe entgegenschallen?
Stichwort: Kuh- und Kaninchenfleisch sind überwiegend als normal akzeptiert, das von Pferd und Meerschweinchen hingegen nicht. Ganz besonders heikel: Hundefleisch. In Ostasien weit verbreitet, in Europa beinahe ein Grund zum Boykott von sportlichen Grossereignissen à la Olympia, siehe 2018. Andersherum finden auch viele Asiaten Joghurt, Dickmilch und Emmentaler einfach nur eklig – denn wer bitte schön isst schon freiwillig vergorene Milch?