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Martin Sturzenegger, Marcel Perren und Simon Bosshart haben gute Karten im Rennen um den Chefsessel von Schweiz Tourismus. Bilder: TN/HO

Einer der zwei Favoriten, eine interne Lösung oder Mr. X?

Von Gregor Waser

Wer wird Nachfolger von Jürg Schmid? Die Suche bei Schweiz Tourismus nach einem geeigneten Kandidaten zieht sich hin. travelnews.ch dreht am Kandidaten-Karussell.

Neben dem Wanderweg plätschert der Bergbach, vereinzelt läuten Kuhglocken, friedlich präsentieren sich die Gipfel am Horizont. So beschaulich und entspannt wie eine Wanderung durchs Alpental scheint sich die Suche nach dem Nachfolger von Jürg Schmid abzuspielen. Zwar hat der Direktor von Schweiz Tourismus seine Stelle schon Mitte Mai gekündigt. Doch ein Nachfolger für den 310'000-Franken-Job (plus Bonus, plus Nebenleistungen) ist noch nicht in Sicht.

«Der Auswahlprozess läuft im Moment genau nach Plan», beschwichtigt Markus Berger, Mediensprecher von Schweiz Tourismus. «Im Laufe des Herbsts sollte der Name der Nachfolgerin oder des Nachfolgers von Herrn Schmid bekannt gegeben werden können.» Einen genaueren Zeitpunkt könne er noch nicht nennen.

Zu empfehlen wäre Schweiz Tourismus aber, dass der Prozess bald abgeschlossen wird. Denn anfangs November wird die Winterkampagne vorgestellt – vor einer grossen Schar von Medienvertretern. Sollte dann noch immer Jürg Schmid auf der Bühne stehen, würden sich die Fragen wohl mehrheitlich um ihn drehen, als um Pistenspass und Winter-Hits.

Travelnews.ch hat sich in der Branche umgehört und nach möglichen Nachfolgern Ausschau gehalten. So präsentieren sich das Kandidaten-Karussell und die einzelnen Chancen:

Martin Sturzenegger

Wie Ignazio Cassis im Rennen um den frei werden Bundesratsitz, steht bei der Ausmarchung der ST-Direktionsstelle eine Person in der Pole Position: Martin Sturzenegger, der Chef von Zürich Tourismus. Der 44-Jährige bringt einen gut gefüllten Rucksack mit, hat Erfahrungen bei der Swissair gemacht, hievte später das Marketing der Rhätischen Bahn in die Moderne und verzeichnet seit drei Jahren bei Zürich Tourismus top Resultate auch dank seiner digitalen Affinität. Bei der Lancierung der «Grand Tour of Switzerland» weibelte er bereits mit Jürg Schmid durchs Land. Auf Anfrage von travelnews.ch gibt er sich aber bedeckt: «Zu diesem Thema äussere ich mich nicht mehr.» Schon in den Tagen nach Jürg Schmids Kündigung wurde er zahlreiche Male kontaktiert. Immerhin sagt er: «Mir macht der Job bei Zürich Tourismus grosse Freude und wir werden diesen Herbst das Rebranding präsentieren, was ein weiterer wichtiger Schritt sein wird.» Er hat vorerst also noch zu tun. Seine Chancen, Nachfolger zu werden, stufen wir ein mit: 70 Prozent.

Marcel Perren

Genauso geeignet für den Job als Mr. Schweiz Tourismus ist Marcel Perren. Der Walliser Betriebsökonom dirigiert Luzern Tourismus seit zehn Jahren, hat die Touristenzahlen von unter einer Million auf 1,27 Millionen gesteigert – umsichtig, geschickt und breit abgestützt. Was gegen den 50-Jährigen spricht: er hat in Zeitungsinterviews schon mehrmals Nein gesagt, was aber nicht viel heissen muss. Chancen: 60 Prozent.

Simon Bosshart

Der Asien-Chef von Schweiz Tourismus ist ebenfalls ein heisser Kandidat. Simon Bosshart ist ein profilierter Marketer, ist in- und ausserhalb von Schweiz Tourismus gut vernetzt. Und er wirbelt mit Erfolg in Asien, jenem Markt, der für die Schweiz künftig noch wichtiger wird. Bosshart ist Sinologe und hat sieben Jahre in Peking gelebt. Chancen: 50 Prozent.

Roger Seifritz

Wieso eigentlich nicht Roger Seifritz? Ein ruhiger, aber erfolgreicher Schaffer. Hat Gstaad Tourismus wichtige Impulse verliehen und macht bei der Reka heute einen guten Job; bei der Reka, einem Konstrukt ähnlich wie Schweiz Tourismus, wo es viele Interessen unter einen Hut zu bringen gilt. Chance: 30 Prozent

Fredi Gmür

Der Chef der Jugendherbergen bringt alles mit für den Job als Schweiz Tourismus-Direktor. In den 21 Jahren seines Amts hat der Marketing-Crack die Schweizer Jugendherbergen zu einem Vorzeigebetrieb gepusht. Einst war er sieben Jahre lang Tourismusdirektor in Amden, wo er auch aufgewachsen ist; später Vorstandsmitglied im Schweizer Tourismus-Verband. Das Alter – 57 Jahre – spricht gegen ihn. Eine 10-Jahre-Lösung wäre für ST wohl wünschenswert. Chance: 20 Prozent   

Urs Eberhard

Als Jürg Schmid für einige Monate zu den SBB wechselte sprang Vizedirektor Urs Eberhard ad interim ein und führte Schweiz Tourismus problemlos. Seine Auftritte – auch auf der Bühne – sind sympathisch und authentisch. Er verkauft die Schweiz mindestens so leidenschaftlich und überzeugend wie Jürg Schmid. Als erneute gute Zwischenlösung bietet er sich als Joker an, als definitive Lösung wohl nicht. Am 8. August feierte Eberhard seinen 60. Geburtstag. Chance: 20 Prozent

Daniela Bär

Die langjährige Kommunikationsleiterin von Schweiz Tourismus brächte ebenfalls gute Karten mit für den Chefsessel bei Schweiz Tourismus. Sie heuerte im Frühling 2016 aber bei Edelweiss an als Head of Cabin Crew Management. Beim expandierenden Ferienflieger hat sie noch viel Arbeit vor sich – eine Rückkehr ist unwahrscheinlich. Chance: 10 Prozent

Daniel Egloff

Das Gleiche gilt für den Direktor von Basel Tourismus. Egloff verfügt über einen breiten Rucksack, hat in Basel schon viel erreicht und überrascht regelmässig mit Marketing-Coups – etwa als er vor einem Jahr in Basel das Pokémon-Fieber auslöste und die ganze Welt auf die Stadt aufmerksam wurde. Egloff steht aber noch mitten in einer Baustelle: er muss den Kulturtourismus in Basel vorwärts bringen. Chance: 10 Prozent

Mr. X

Kommt ein Branchenfremder zum Zug? Jürg Schmid hat es vor 18 Jahren vorgemacht. Auch ein Quereinsteiger kann bei Schweiz Tourismus für Furore und Erfolg sorgen. Er kam von Oracle und brachte Ende 90er-Jahre das nötige digitale Know-how in den Bundesbetrieb. Ist ein neuerlicher Quereinsteiger denkbar? Was kann ein solcher Mister X besser als ein etablierter Touristiker? Dieses Szenario wäre eine Überraschung. Chance: 5 Prozent

Und gibt es weitere Kandidaten innerhalb von Schweiz Tourismus? Etwa Gilles Dind (Leiter Westeuropa), Alex Hermann (Leiter USA) oder Nicole Diermeier (Marketingleiterin)? Wohl nicht. Das umfassende Anforderungsprofil dürfte den Leistungsausweis dieser etablierten Manager übersteigen.

Denn ein Zuckerschlecken wird der Job für den neuen Direktor trotz dem stolzen Salär nicht. Die Fussstapfen von Jürg Schmid sind gross. Die Euro-Krise und der Kampf um europäische Gäste dauert an. Asiatische Gäste versprechen zwar derzeit Zuwachsraten, sie sind aber nicht die typischen Repeater.

Gleichzeitig prasseln unzählige Interessen, Meinungen und Wünsche an der Tödistrasse 7 ein, Hoteliers, Regionalverbände, Destinationen, Bahnen und Politiker wollen sich einbringen und wissen vieles bis alles besser. Dabei gilt es den Fokus auf die kommenden Marketingaktivitäten zu wahren. Vielleicht schreckt das Profil den einen oder anderen Kandidaten auch ab – und er begibt sich lieber auf eine beschauliche Wanderung durch die Schweiz als mitten in den Flohzirkus.