Trips & People

Rüegsegger_Martin11.jpg
«Unsere Print-Auflage ist seit Jahren stabil», sagt der Zürcher Martin Rüegsegger, hier in seinem Büro an der Photisarn Road in Pattaya. Bild: HO

«Wenn du in Thailand arbeitest, kehrt im Paradies der Alltag ein»

Von Bernd Linnhoff

Schweizer Erfolgsstory in Fernost: Martin Rüegsegger (53) nennt im Interview mit travelnews.ch die Herausforderungen als Herausgeber des deutschsprachigen Magazins «Der Farang» und sagt, wie es sich in Pattaya arbeiten und leben lässt.

Zufall war das alles nicht. Vor seiner Auswanderung 2006 betreute der Zürcher Martin Rüegsegger die Webseite des buddhistischen Klosters Wat Srinagarindravararam in Gretzenbach. Seine thailändische Frau Bussaba lernte er 1987 in Zürich kennen, als sie Deutsch an der Benedict Schule lernte. Und auf sein neues Leben bereitete er sich standesgemäss vor: mit einer sechswöchigen Meditation in einem Tempel im Nordosten Thailands.

Herr Rüegsegger, hat die Meditation Ihren Start in Thailand beflügelt?

Martin Rüegsegger: Sie war wichtig für mein Verständnis der Thais. Der Start aber war fast entmutigend. Von Beginn an wurde ich als neuer Chef von den übernommenen Mitarbeitern betrogen, sie unterschlugen Geld. Das hat mich wahnsinnig getroffen; es blieb bis heute das negativste Erlebnis.

Was war das positivste?

Keiner hat gedacht, dass wir als Unternehmer-Ehepaar so lange in Thailand bleiben, das macht mich irgendwie stolz. Und wer hätte daran gedacht, dass wir unser erworbenes Gratis-Blättchen landesweit in den touristischen Zentren Thailands in den Buchhandel bringen würden.

Was braucht es, um in einem exotischen Land alle 14 Tage ein deutschsprachiges Magazin herauszugeben?

Bestandhaftigkeit und sehr viel Anpassungsfähigkeit – das gilt jedoch für jeden Auswanderer in ein asiatisches Land. Uns Schweizern ist eine gewisse Bedächtigkeit eigen, sie hilft in einem auf Harmonie bedachten Land wie Thailand. Als Urlauber bist du sowieso entspannt. Wenn du aber in Pattaya lebst und arbeitest, quälst du dich jeden Tag durch Staus und Schlaglöcher, da kehrt im Paradies der Alltag ein.

Wie lebt es sich in «Sin City», wie Pattaya auch genannt wird?

Als ich den Farang übernahm, war Pattaya der Standort. Es gab keinen Grund, das zu ändern. Die Infrastruktur der Stadt hat sich seither enorm verbessert, das Image muss noch nachziehen. Es lässt sich dort gut leben. Auch als Zürcher liebe ich das Meer.

Sprechen Sie Thai?

Meine Frau habe ich ja in der Schweiz kennengelernt. Im Kreis ihrer Familie in Thailand wollte ich aber nicht stumm und ahnungslos daneben sitzen. Erst durch die Sprache und die persönlichen Beziehungen lernst du Thailands Kultur und Mentalität wirklich kennen.

Die Thailänder gelten als liebenswürdig und entspannt. Auch in der Bürokratie?

Sie wird alles andere als lax gehandhabt. Unsere Arbeitsgenehmigung bekamen wir unter der üblichen 4:1-Quote – für jeden Ausländer müssen vier Thais eingestellt werden. Nun haben wir 15 Angestellte: Björn Jahner (deutscher Redaktor), Peter Kühlwein (ebenfalls Deutscher, betreut im Front Office die Kunden), und ich – 12 Thais stellen das Gros der Crew. Auch der Erwerb von Lizenzen ist sehr kompliziert und aufwendig.

Wie klappt die Zusammenarbeit angesichts völlig unterschiedlicher Mentalitäten?

Unsere Anzeigenkunden sind Deutsche, Schweizer, Österreicher, Holländer, Franzosen und Italiener, alle anspruchsvoll. Das ist nicht immer leicht für unsere Thai-Kollegen. Denen kommt unsere Art von Präzision nämlich auch exotisch vor. Obwohl sie manches auf die leichtere Schulter nehmen, sind unsere Mitarbeiter sehr zuverlässig. Die meisten haben Universitätsabschluss, sind stolz darauf und bei Kritik umso sensibler: Gesichtsverlust!

«Wir berichten sachlich und neutral, nehmen keine Stellung zu politischen Vorgängen»

Was bedeutete die Machtübernahme durch das Militär 2014 für Ihre redaktionelle Arbeit?

Es hat sich nichts geändert. Wir berichten sachlich und neutral, nehmen keine Stellung zu politischen Vorgängen. Schon immer galt: Keine Berichterstattung über Mitglieder des Königshauses. Generell ist unsere Recherche aufwendiger als normal. Wegen der völlig unterschiedlichen Sprachen müssen wir immer mehrere Quellen prüfen.

Wofür steht «Der Farang»?

Ein Mitbewerber schimpfte uns mal das «Sonnenblatt von Thailand». Das war uns eine Ehre. Genau das wollen wir sein! Unsere Leser, Urlauber und Langzeit-Residenten, haben hart gearbeitet oder tun es noch. Ihnen wollen wir über die trockenen News hinaus die schönen Seiten des Landes präsentieren. Kernaussage: Thailand bietet in seiner Vielfalt jedem das passende Zuhause!

Wie gehen Sie mit dem digitalen Wandel um?

Unsere Print-Auflage ist seit Jahren stabil; da das Magazin oft von Hand zu Hand geht, erreichen wir pro Ausgabe geschätzt etwa 20'000 Leser. Den Transfer ins Digitale haben wir mit Erfolg angepackt: 1200 Menschen abonnierten bisher die günstige, schnelle pdf-Online-Version; 200'000 Visits pro Monat, aktuell ca. 1,3 Mio. Seitenaufrufe. Und wir verdienen Geld damit, durch Abonnenten und Werbung! Zudem beziehen 6000 Interessenten täglich unseren Nachrichten-Newsletter per Mail.

Was ist Ihre Lieblingsdestination in Thailand?

Ich sage es leise, sonst geht da jeder hin: Chanthaburi im Osten des Golfs von Thailand. Schöne Strände, teils überteuerte, teils preiswerte Hotels. Hauptsächlich von Thais besucht; nach unseren Massstäben ist die Region jedoch noch nicht wirklich touristisch erschlossen.

Welches war der beste Rat, den Sie erhalten haben?

Von Stefan Matter: Lass dich von deinem Beruf nicht so vereinnahmen, dass du keine Zeit mehr hast für ein Privatleben, für deine Frau. Jetzt sind wir 30 Jahre glücklich verheiratet.

Wie oft sind Sie noch in der Schweiz?

Zweimal im Jahr. Dann besuche ich in Zürich Mutter (86) und Vater (88). In diesem Jahr nehme ich an drei Schweizer Thai-Festivals teil, verkaufe dort das Magazin und unsere Thailand-Bücher.

Steht eine Rückkehr in die Schweiz in Aussicht?

Mein Lieblingsessen ist immer noch Cordon Bleu, und dazu gibt es viele gute Restaurants in Thailand. Doch ernsthaft: Ich leite ein Unternehmen und habe Verantwortung für unsere Mitarbeiter; wir produzieren jede Ausgabe mit Herz, Liebe und Freude. So lange das so bleibt und wir davon alle leben können, bleibe ich in Thailand.