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SRV-Geschäftsführer Walter Kunz vor seinem Stammlokal, dem Restaurant Bürgli in Zürich-Wollishofen: Er blickt auf eine ereignisreiche Zeit beim SRV zurück und blickt im Interview auch vorwärts. Bild: JCR

Walter Kunz: «Ich bin noch lange nicht amtsmüde»

Von Jean-Claude Raemy

Am 1. Juni 2019 feierte Walter Kunz 20 Jahre im Amt als Geschäftsführer des Schweizer Reise-Verbands (SRV). Zeit also für einen Rück- und Ausblick. Travelnews hat Kunz in dessen Stammlokal unweit der SRV-Büros zum Gespräch getroffen.

Herr Kunz, Sie haben nun etwas mehr als 20 Jahre als Geschäftsführer des Schweizer Reise-Verbands (SRV) hinter sich. Erzählen Sie uns erst mal, wie Sie überhaupt zu diesem Job kamen.

Walter Kunz: Ich hole etwas aus. Von 1985 bis 1995 war ich bei Imholz, wechselte dann zu Airtours, welche aber sieben Monate nach meinem Amtsantritt Konkurs ging. Eigentlich hatte ich danach einen Vertrag für einen Job bei einer Airline unterschriftsreif vorliegen, doch der damalige Imholz-Chef Peter Kurzo holte mich dann zurück zu Imholz, indem man mir dort einen Posten in der Geschäftsleitung anbot. Doch auch dort wurde es infolge der Übernahme durch TUI und der Fusion zur Imholz-TUI-Vögele relativ bald ziemlich chaotisch. Bei der ITV war ich nicht mehr in der Geschäftsleitung und zahlreiche Entscheide konnte ich nicht mehr mittragen, sodass ich dann 1999 kündigte – ohne Aussicht auf einen neuen Job, und dies mit Kleinkindern zuhause.

Die damals wichtigste Jobvermittlerin in der Reisebranche, Doris Lautenschlager, kam dann auf mich zu mit dem Vorschlag, mich doch für die Geschäftsführung beim SRV zu bewerben, wo sie gute Chancen für mich sah.

Und wie haben Sie darauf reagiert?

Ich gebe zu, meine erste Reaktion war: «Habe ich bisher einen so verstaubten Eindruck hinterlassen?» Doch erste Gespräche mit dem damaligen Präsidenten Urs Bauer und mit Kurt Heiniger, der nach der Beurlaubung des zwischenzeitigen Geschäftsführers die Geschäfte ad interim führte, überzeugten mich rasch davon, dass dies eine spannende und vielseitige Aufgabe war. Letztlich konnte ich mich dann durchsetzen und habe den Job erhalten.

Gegen wie viele Konkurrenten?

Das weiss ich nicht. Aber die letzten Stunden waren bange. Ich versuchte nach der Zusage durch den SRV immer wieder Urs Bauer anzurufen, um ihm meine Zusage zu bestätigen, doch der nahm meine Anrufe nie entgegen. Später stellte sich heraus, dass man ihm immer sagte, ein Herr Kuhn rufe an – ein damaliger Journalist hiess Peter Kuhn und wollte zwingend wissen, wer nun SRV-Geschäftsführer werde – und dass Bauer diesen hinhalten wollte. Irgendwann mal wusste er, dass Herr Kunz anrief, und da konnten wir die Anstellung fix vereinbaren.

Was waren dann Ihre ersten «Duftmarken» im Amt?

Zum einen war damals die Buchhaltung noch ausgelagert; ich holte diese ins Team, ohne die Anzahl Mitarbeitenden zu erhöhen. Es gab auch nur eine ganz simple Buchhaltung mit den Posten «Einnahmen» und «Ausgaben» - das habe ich dann, aus der Privatwirtschaft kommend, etwas aufgeteilt und Kosten- sowie Ausgabenblöcke gebildet, um bessere Kontrolle zu haben.

Als nächstes habe ich dann die allererste Auslands-GV des SRV organisiert. Diese führte 2000 nach Budapest. Damals wurde dann zwischen Ausland-GVs und GVs im Rahmen des TTW in Montreux alterniert. Seit 2011 finden die GVs nur noch im Ausland statt, mit Ausnahme jener von 2016 in Interlaken.

Und dann kamen bald die ersten grossen Herausforderungen mit 9/11 und Swissair-Grounding.

Das war eine extrem anspruchsvolle Zeit – aber auch eine, aus welcher viele SRV-Aktivitäten hervorgingen und wo wir erstmals auch in der breiteren Öffentlichkeit wirklich wahrgenommen wurden.

Konnten Sie Erfolge für die Reisebüros verbuchen?

Zum einen hat der SRV erstmals zwischen den grossen Veranstaltern im Interesse der Branche koordinieren können. Nach 9/11 fragten wir bei der Wettbewerbskommission an, ob wir in solchen Ausnahmesituationen die Annullationsfristen in der Branche absprechen dürften. Dem wurde stattgegeben und wir konnten einheitliche Richtlinien erlassen und als Empfehlung unseren Mitgliedern weiterleiten. Ausser einer Ausnahme, 2010 bei der Stilllegung des europäischen Luftraums durch eine Aschewolke, hat das Krisenmanagement immer funktioniert.

Und beim Fall des Swissair-Groundings?

Der damalige Schweizer IATA-Chef Frank Kadek hatte zwar versichert, dass die Swissair-Gelder der BSP-Abrechnung eingefroren würden, aber die Swissair flog ja auf der Langstrecke bis im März 2002 noch weiter; wir wollten uns nicht die Finger verbrennen und auf Nummer sicher gehen. Ich habe tagelang mit Kadek gemeinsam Banken besucht, in der Hoffnung, ein Escrow-Konto einrichten zu können – was aber daran scheiterte, dass die IATA rechtlich nicht in der Schweiz war und selber nicht den SRV als Kontohalter wollte. Wir konnten aber doch noch eine Lösung mit der UBS finden. Als Konsequenz daraus hat kein Reisebüro, welches über IATA/BSP abrechnete, Geld verloren – und nicht nur SRV-Mitglieder, die ganze Branche hat profitiert. Darauf bin ich heute noch stolz.

Und es ging sogar noch weiter: Es gelang uns, den Sachwalter Dr. Wüthrich dazu zu bewegen, die Incentives in knapp zweistelliger Millionenhöhe noch an die Reisebüros auszuzahlen. Wir hatten damals unsere Steuerungsmöglichkeiten beim Swissair-Vertrieb, der zu 70 Prozent über Reisebüros lief, ins Feld geführt. Später wurden nochmals 5 Millionen Franken auf das Escrow-Konto überführt, für eventuelle neue Rückerstattungsansprüche.

«Dank unserer Vermittlung haben im Gefolge des Swissair-Groundings die über IATA/BSP abrechnenden Reisebüros kein Geld verloren.»

Sie haben also erstmals öffentlichen Druck als Verband ausgeübt. Gab es dies zuvor nicht?

Eigentlich gehörte Öffentlichkeitsarbeit nicht zu den Kernaufgaben des Verbands; öffentliche Stellungnahmen kamen nur in Ausnahmefällen vor. Ich habe dann aber SRV-Pressekonferenzen eingeführt, später auch eine PR-Agentur beauftragt, mit welcher wir heute noch zusammenarbeiten.

Es gab aber auch eine grosse B2C-Werbekampagne. Ein aussergewöhnlicher Schritt.

Wir wollten für die Reisebüros in der breiten Öffentlichkeit eine Lanze brechen. Das Problem war, das dafür notwendige Geld hereinzuholen. Im ersten Jahr holten wir eine Million Franken heraus: 100‘000 kamen vom SRV direkt, 300‘000 von den Mitgliedern, die dafür 400 Franken pro Reisebüro pro Point-of-Sale aufwarfen, die restlichen 600'000 Franken kamen von Sponsoren - meistens Passivmitglieder. Diese profitierten nur indirekt von der Kampagne.

Im zweiten und dritten Jahr gingen die Beiträge dann markant zurück, weshalb wir eben auf PR umstellten.

Was würden Sie, nebst den bereits erwähnten Erfolgen, denn als «Meilensteine» Ihrer Amtszeit bezeichnen?

Zum einen haben wir versucht, nicht vorhandenes Zahlenmaterial zur Branche zu kompilieren. Zuerst haben wir das mit der Credit Suisse gemacht, später mit Christian Lässer von der Universität St. Gallen. Diese Zahlen werden sehr geschätzt und bieten der Branche wie auch der breiteren Öffentlichkeit wichtige Anhaltspunkte.

Später gelang es uns, von der Innotour, also dem Investmentarm des SECO, Gelder für die Aus- und Weiterbildung zu erhalten, woran die wenigsten im Verband geglaubt hatten. Wir erhielten für die Reform der NKG/KV, die eine halbe Million Franken verschlungen hat, insgesamt 230‘000 Franken. Später erhielten wir für das Projekt «E-Learning» nochmals 165‘000 Franken und für das jüngste Projekt «Future of Travel Agency» 33‘000 Franken.

Für letztere Initiative gab es teils auch Kritik.

Mit konstruktiver Kritik kann ich leben. Früher nahm ich dies immer persönlich, heute gehe ich entspannter damit um. Vor allem weil ich merke, dass gerade jene, die von unseren Angeboten am meisten profitieren könnten, jene sind, die am meisten daran zu kritisieren haben.

Ich muss hier auch noch festhalten, dass wir in den letzten 20 Jahren das Dienstleistungsangebot für unsere Mitglieder kontinuierlich ausgebaut haben, ohne jemals die Mitgliederbeiträge zu erhöhen – ausser einmal bei den Passivmitgliedern – und dies obwohl die Mitgliederzahl in dieser Zeit deutlich zurückging. Schauen Sie mal in andere Länder: Dort erhöhen die Verbände die Mitgliederbeiträge einfach aufgrund der allgemeinen Teuerung!

«Wir haben in 20 Jahren die Dienstleistungen klar ausgebaut, ohne die Mitgliederbeiträge jemals nach oben anzupassen.»

Wurde eigentlich einmal ihr Team ausgebaut?

Nein, wir hatten damals wie heute ein fünfköpfiges Team. Nur hat dieses Team immer mehr Arbeit übernommen, welche vorher gar nicht bei der Geschäftsstelle war. Etwa im Bereich der Ausbildung, welche damals zum Teil in den inzwischen aufgelösten Regionalverbänden angesiedelt war.

Die immer wieder vorgetragene Kritik, wonach der Verband «zu wenig mache», trifft sie aber sicher noch?

Ich verstehe es einfach nicht. Wir haben in den letzten Jahren eine gewaltige Effizienzsteigerung hingelegt. Wir bieten bei gleich viel Personal - aber mit weniger Stellenprozenten – so viel mehr, haben so viel herausgeholt. An dieser Stelle kann ich etwa die für KMU unerreichbaren Sätze bei den Kreditkarten oder die Haftpflichtversicherung mit Terrorrisikoversicherung anfügen. Es floss immer mehr zu uns herein. Früher gab es ja auch noch eine Exekutive im Vorstand, wobei die Vorstandsmitglieder selber in den Fachgremien aktiv waren. Heute erledigen das vier Fachexperten.

Nicht zuletzt wird vergessen, dass wir, via Rolf Metz, auch für die Mitglieder kostenlose, durch uns bezahlte Rechtsberatung bieten – zumindest bei Anliegen, welche im Interesse der Reisebranche im Allgemeinen sind.

Man hört ja auch, dass die Mitgliedschaft im SRV zu teuer sei – was haben Sie dem zu entgegnen?

Falls ein neu gegründetes Reisebüro wegen den finanziellen Eintrittshürden nicht Mitglied sein kann, verstehe ich das und die Kritik ist doch mehr ein Bedauern, nicht dabei sein zu können. Nochmals: Wir bieten unseren Mitgliedern extrem viel, also «Value for Money». Dass manchmal Ergebnisse ausbleiben, etwa bei Verhandlungen mit Airlines, liegt jedenfalls nicht an mangelndem Einsatz unsererseits. Und würden wir dort nicht immer wieder eingreifen, wäre die Lage vielleicht noch schlimmer.

«Wir haben eine gewaltige Effizienzsteigerung hingelegt und bieten unseren Mitgliedern für ihr Geld sehr viel.»

Was war der Tiefpunkt ihrer bisherigen Amtszeit im SRV?

Ich kann Ihnen keinen Tiefpunkt als solches nennen. Die grossen Herausforderungen sind Teil des Jobs, da haben wir auch gerne bis in die Nacht gearbeitet. Vielleicht ist eben diese stets wieder hochkommende Kritik etwas enttäuschend, aber wie gesagt, ich habe gelernt, damit zu leben.

Sie sind nun 58 Jahre alt und eben 20 Jahre im Amt. Noch nicht amtsmüde?

Überhaupt nicht, ich bin immer noch sehr motiviert und mag meinen Job. Ehrlich gesagt dachte ich vor zehn Jahren mal darüber nach, vielleicht nochmals eine Änderung in meinem Berufsleben zu wagen, doch meine Frau brachte mich davon ab. Ich habe es nicht bereut, im Amt geblieben zu sein.

Sie müssen keinen Nachfolger suchen, könnten aber theoretisch auch aus dem Amt gehoben werden.

Das ist so. Ich hatte bisher das Glück, mit den SRV-Präsidenten meiner Amtszeit – Urs Bauer, Hans-Jörg Leuzinger, Marcel Hausheer und Max E. Katz – gut zu harmonieren. Ich hoffe, das wird auch mit dem Nachfolger oder der Nachfolgerin von Max E. Katz der Fall sein. Katz hat angekündigt, sich 2021 nicht mehr einer Wiederwahl zu stellen. Aber vielleicht kann er noch für eine weitere Amtsdauer von drei Jahren bewegt werden.

Zum Schluss: Haben Sie ihren «Zwanzigsten im Amt» eigentlich gefeiert?

Nur im kleinen Kreis. Ich habe alle vorhin erwähnten SRV-Präsidenten meiner Amtszeit am Samstag, 1. Juni mitsamt Begleitung in ein Restaurant nahe meines Wohnorts bei Baden eingeladen. Wir haben einen wunderbaren Nachmittag verbracht. Mein Team an der Etzelstrasse werde ich ebenfalls noch zum Essen einladen - sobald wir nach den diversen Ferienabwesenheiten wieder mal komplett sind.