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Die Reisebranche benötigt weiterhin Geduld

Von Gregor Waser
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Tourismusforscher Prof. Dr. Christian Laesser (IMP-HSG, Universität St. Gallen) spricht im Travelnews-Interview von weiterhin volatilen Bedingungen für die Reisebranche. Bild: TN

Wann für die Schweizer Reisebranche die grosse Erholungsphase beginnt, darauf will Prof. Dr. Christian Laesser keinen Zeitpunkt nennen. Im Video-Interview am Rande der SRV-Pressekonferenz von dieser Woche hat der renommierte Tourismusprofessor aktuelle Zukunftsszenarien erläutert.

«Es ist schwierig vorauszusagen, ob die Reisebranche schon im Jahr 2022 aus der Krise findet», sagt Laesser, «weil die Faktoren, die dies beeinflussen, nicht kontrollierbar sind: der Gang der Pandemie, mögliche Mutationen, die Frage wie die Impfsituation in den einzelnen Reiseländer ist. Die Bedingungen sind sehr volatil.»

Zwar können die Reisebüros davon ausgehen, dass die nächsten zwölf Monate besser werden, als die zurückliegenden. Doch es gelte sich zu vergegenwärtigen, dass der Vergleich mit einem Jahr des Totalcrashes gemacht wird, insofern kann es nur noch raufgehen. Er rechnet damit, dass die Reisebranche zumindest bis im Sommer 2022 weiterhin mit harten Bedingungen zu leben hat.

Neben dem aktuellen Trend der Ferienreise mit dem eigenen Auto fügt der Tourismusprofessor auch das Bedürfnis nach ausgeweiteten Stornobedingungen an und spricht vom grossen Bedürfnis nach Flexibiltät bei den Reisenden.

Auf die künftige Preisentwicklung angesprochen, verweist Christian Laesser auf den Kapazitätsabbau, der nicht nur bei Mietwagenfirmen erfolgt ist. «Die Tourismusindustrie hat einen Vollstopp hinter sich. Man kann schneller stoppen, als das ganze wieder rauffahren.» Und das reduzierte Anwerfen des Systems werde kurz- und mittelfristig eher höhere Preise zur Folge haben.

Fragezeichen bei Geschäftsreisen

Und wie schätzt Christian Laesser die Zukunft der Geschäftsreisen ein? «Geschäftsreiseanbieter können zum Glück feststellen, dass nicht alle Zoom-Erfahrungen gute waren. Viele Geschäftsleute sehnen sich nach einem persönlichen Austausch».

Er nennt aktuelle Schätzungen von einem 20-Prozent-Rückgang im best case und von 50 Prozent im worst case, doch so plakativ lasse sich dies zum jetzigen Zeiptunkt nicht sagen. Laesser glaubt aber, dass alle Geschäftskontakte, die eine gewisse Vertraulichkeit bedingen und bei denen eine Zufälligkeit erwünscht ist – etwa das Messe- und Kongressgeschäft –, dass die in Zukunft wohl weniger ersetzt werden als reine Projektmeetings, bei denen es bloss darum gehe, Traktanden abzuarbeiten. Doch wie nun die prozentuale Aufteilung dieser beiden Bereiche aussehe, sei nicht erforscht und nicht genau abschätzbar.