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Hotelplan zieht 53 unabhängigen Reisebüros den Stecker
Gregor WaserPetra Hubler-Schäfer von el travel in Solothurn ist verunsichert und verärgert. Am 6. November 2025 hat sie von Hotelplan Suisse die Mitteilung erhalten, dass der HIT-Vertrag per 31. Oktober 2026 gekündigt wird; mit der Empfehlung, rechtzeitig auf ein alternatives Back-Midoffice-System umzusteigen.
«Es ist unsäglich», regt sich die Reisebüro-Besitzerin auf. Das Ende des HIT-Systems betreffe ja viele unabhängige Reisebüros. «Jeder einzelne muss sich nun alleine um eine Nachfolgelösung kümmern. Das ist eine Frechheit, dass dies nicht koordiniert erfolgt. Wir sind keine IT-Spezialisten und müssen nun innerhalb weniger Monate eine neue Lösung finden – in einer Zeit, wo wir mit Buchungen beschäftigt sind.» Sie hätte sich auch gut vorstellen können, dass die Verbände hier eine koordinierende Rolle hätten einnehmen können.
Am 30. April 2026 werden die HIT-Verträge gekündigt, am 31. Oktober 2026 endet das System. Bis dann gilt es eine neue Lösung zu finden. Immerhin hat Hotelplan den unabhängigen HIT-Agenten fünf Vorschläge gemacht, wohin sie sich wenden können: Umbrella, Triss, Agent Online, My Jack und ViaXeo.
Nach 17-jähriger HIT-Partnerschaft sieht sich Petra Hubler-Schäfer durch das abrupte Ende aber vor den Kopf gestossen. «Die Gangart gefällt mir gar nicht. Wir Reisebüros werden einfach stehengelassen. Das Signal scheint mir klar: ‘Eigentlich wollen wir euch unabhängigen Reisebüros gar nicht’». In Solothurn verfüge Dertour Suisse mit einer Kuoni- und Travelhouse-Filiale schon über eine starke Präsenz, offenbar sei das Interesse an ihrem Umsatz gering oder sie werde als Konkurrenz betrachtet.
Grosser Zeitaufwand, neue Systeme zu evaluieren
Seit 20 Jahren arbeiten die beiden Reisebüros FRI Travel Düdingen und FRI Travel Schwarzenburg mit HIT. Inhaber Mark Sahli spricht bei HIT von einem Rolls Royce unter den Softwares. «Es ist definitiv unglücklich, dass es nun zu einem Ende kommt». Es sei nicht ideal, dass jedes Reisebüro nun für sich die Situation evaluieren müsse. «Es ist ein enormer Zeitaufwand, die Vor- und Nachteile und die Kosten der einzelnen Systeme zu vergleichen. Wir müssen uns aber Zeit nehmen, sonst haben wir ein grosses Problem».
Gleichzeitig bringt Mark Sahli auch ein gewisses Verständnis auf: «Solche Probleme haben auch andere Branchen. Auch bei den Banken ist viel in Bewegung.» Mit der Evaluation des neues Systems sei er schon weit vorangekommen. Und eine neue Software sei dann ja auch «up to date» und biete Chancen.
Irritiert ist er indes über den praktisch inexistenten Kontakt zu Dertour Suisse, schliesslich habe er als Top-A-Agent mehrere Millionen Hotelplan-Umsatz und eine hohe sechsstellige Summe Kuoni-Umsatz pro Jahr generiert. Denn je höher der Hotelplan-Umsatz war, desto tiefer fielen die Gebühren der HIT-Lizenzen aus. Dieser Anreiz sei nun weg und er überlege sich, verstärkt andere Anbieter wie Knecht Reisen zu buchen, welche den ursprünglichen Top-Service von Hotelplan und Travelhouse auch bieten können.
Unangenehm sei der Systemwechsel, hält Sergio-Maurice Vaglio fest, der Geschäftsführer von Vaglio Reisen in Bern-Belp. «Wir sind nicht nur Retailer, sondern verfügen auch über ein eigenes Griechenland-Produkt, was den Wechsel auf ein neues System schwieriger macht.» Statt mit der All-Inclusive-Lösung von Hotelplan zu arbeiten, gelte es nun einzelne Bausteine zusammenzustellen. Er nehme die Situation aber sportlich, das Leben sei schliesslich eine permanente Veränderung. Und mittlerweile habe er sich für ein neues Backoffice-System entschieden.
Migration zu Umbrella
Insgesamt werden die HIT-Verträge mit 53 unabhängigen Reisebüros gekündigt. Diese Zahl teilt Dertour-Sprecher Stephan Kurmann auf Anfrage von Travelnews mit. Dabei handelt es sich um Büros in der Deutschschweiz und der Romandie.
Rund 20 Reiseprofis aus Deutschschweizer HIT-Büros nahmen am 11. Dezember 2025 in Zürich an einer Informationsveranstaltung von Umbrella.net teil. Ergänzend dazu wurden Reisebüros aus der Romandie am 16. Dezember 2025 im Rahmen eines Webinars in die webbasierte Mid-Office-Welt von Umbrella.net eingeführt. Die Teilnehmenden konnten an beiden Terminen von einem umfassenden Informationsangebot profitieren.
Mit sichtbarem Erfolg: Wie Karin Nussbaum, zuständig für Projekte und Vertrieb bei Umbrella, erklärt, hätten sich inzwischen zahlreiche bisherige HIT-Reisebüros für Umbrella.net entschieden. «Wir sind mit der Zahl sehr zufrieden und heissen weitere Reisebüros herzlich willkommen in der Umbrella.net-Family», so Karin Nussbaum.
Im Vergleich zur bisherigen «HIT-Bubble» bietet Umbrella.net eine umfassende Mid-Office-Lösung und verschafft Reisebüros Transparenz über relevante Themen wie Partner- und Vertragswesen, inklusive der dazugehörigen Kontaktinformationen.
Mit der Abschaltung von HIT beginnt für die unabhängigen Reisebüros eine neue Office-Welt: sie agieren künftig eigenständig und gestalten ihre System- und Prozesslandschaft individuell – angepasst an die jeweiligen Bedürfnisse, die von Büro zu Büro variieren. Dies bedeutet, dass sich die Reisebüros vertieft mit den eigenen Prozessen und Anforderungen auseinandersetzen. Gleichzeitig eröffnet sich dadurch die Chance, bestehende Abläufe zu hinterfragen, anzupassen oder neu zu gestalten – «mit potenziell positiven Auswirkungen auf die Arbeitsmethodik und Effizienz im täglichen Betrieb», wie Karin Nussbaum ergänzt.
Für die Verunsicherung vieler bisheriger HIT-Reisebüros zeigt sie Verständnis. Das Tagesgeschäft habe selbstverständlich Vorrang, gleichzeitig müsse jedoch eine neue Software-Umgebung sorgfältig evaluiert werden, was Zeit und Ressourcen beansprucht. «Wir sind überzeugt, dass jedes Reisebüro bis spätestens Juni 2026 über ein neues Mid-Office verfügen wird – und wir, zusammen mit dem «HIT-Team», sind da, um diesen Weg zu begleiten», betont Karin Nussbaum.
TPS ist bereit
Von der Situation um das Ende von HIT profitiert aktuell auch die Genossenschaft Travel Professionals Switzerland (TPS). «Wir haben zahlreiche Anfragen erhalten für eine TPS-Mitgliedschaft», sagt Geschäftsführer Thomas Althaus. «TPS verfügt über einen attraktiven Travelport-Deal und unsere Mitglieder können unbürokratisch und schnell in den Vertrag integriert werden. Entsprechende Formulare sowie Textvorlagen liegen vor.»
Interessant dürfte eine TPS-Mitgliedschaft auch darum sein, weil TPS über Abkommen mit den Mid-Office-Systemen Umbrella, ViaXeo, MyJack und DV Bern (Triss) verfügt. «Wir geben über die Möglichkeiten gerne Auskunft, bieten Hand für eine neue Lösung und begleiten die Reisebüros im Migrationsprozess», sagt Althaus.
Das sagt Dertour Suisse
Den Eindruck einiger unabhängiger Reisebüros, dass Dertour Suisse nicht mehr mit ihnen zusammenarbeiten wolle, entkräftet Stephan Kurmann: «Wir setzen weiterhin auf eine enge, verlässliche Zusammenarbeit mit unseren Reisebüro-Partnern und sind überzeugt, gemeinsam auch künftig erfolgreiches Wachstum zu gestalten. Der partnerschaftliche Austausch und die langfristige Zusammenarbeit stehen dabei weiterhin im Zentrum.»
Weiter sagt der Dertour-Sprecher, dass bisherige HIT-Partner dahingehend unterstützt werden, dass die bisherigen Lizenzen für CETS und GDS nahtlos in ein selbständiges Vertragswerk mit Travelport übernommen werden können. Hotelplan Suisse stelle den HIT Partnern Kundendatenexporte aus HIT zur Verfügung, die in Absprache mit dem jeweiligen Softwarelieferanten in die jeweilige Nachfolgelösung importiert werden können.
«Die Einstellung des HIT-Systems erfolgt aus technologischen Gründen sowie aufgrund der konzernweiten Rahmenbedingungen innerhalb der Dertour Gruppe», erklärt Kurmann weiter. Die Umstellung betreffe nicht nur externe HIT-Partner, sondern ebenso eigene Filialen von Hotelplan, BTA First Travel und Finass Reisen sowie das Onlinegeschäft von Hotelplan und Migros Ferien. Auch der Touroperator sei eingebunden, da das bisherige Veranstaltersystem auf derselben Plattform basiert. «Die Entscheidung ist plattformbedingt und wurde unternehmensweit einheitlich getroffen.»