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Seit über 10 Jahren leitet Dieter Rumpel Travelport in der Schweiz, seit dreieinhalb Jahren zusätzlich den gesamten DACH-Raum. Bild: HO

«Die Reisebranche hat den Verkaufsprozess bisher verschlafen»

Von Gregor Waser

Dieter Rumpel, Managing Director DACH bei Travelport, nennt Zahlen zur jüngsten Entwicklung des Schweizer Reisemarkts und sagt, welche neuen Optionen Travelport+ und Amazon Web Services bieten.

Herr Rumpel, wie beurteilen Sie die aktuelle Entwicklung des Schweizer Reisemarkts? Die Veranstalter sprachen im Juni von einem Boom. Auch Airlines zeigen sich wieder optimistischer. Verfügen Sie über genauere Zahlen?

Dieter Rumpel: Die aktuelle Marktanalyse zeigt, dass von Januar bis Juni 2021 das Total der Transaktionen über alle GDS hinweg in etwa auf dem gleichen Niveau lag wie 2020. Nur waren im 2020 die Monate Januar und Februar noch sehr gut und von der Krise nicht betroffen. Wenn wir nun die ersten sechs Monate 2021 mit jenen des Jahres 2019 vergleichen, liegen wir auf einem Niveau von etwa 20 Prozent. Seit Mai sehen wir nun aber einen deutlichen Anstieg. Im Juni verzeichnet der Markt Schweiz wieder ein Niveau von 37 Prozent gegenüber 2019. Und auch im Juli geht die Trendkurve weiter aufwärts.

Wie beurteilen Sie diese Zahlen?

Es geht in eine gute Richtung. Die Schwierigkeit ist, dass die Langstrecke mehrheitlich noch fehlt. Gerade die USA wären nun in den Sommerferien ein grosser Renner. Zudem haben wir die volatile Situation, nicht genau zu wissen, wie sich die Pandemie weiterentwickelt. Da gibt es weiterhin Fragezeichen. Immerhin ziehen nach den Sommerferien die Geschäftsreisen wieder leicht an, wenn auch auf einem viel tieferen Niveau als vor der Pandemie. Unter dem Strich sollte 2021 viel besser herauskommen als 2020.

Wie haben Sie die letzten Monate bei Travelport erlebt?

Die Kurzarbeit dauerte bei uns nur vier Monate. Wir wollten so schnell wie möglich für unsere Kunden vollumfänglich da sein und sie beispielsweise über unsere Industry Recovery Page mit allen nötigen Infos zu Refunds oder Einreisebestimmungen unterstützen. Und zudem haben wir an unserer Strategie gearbeitet. Was dabei herauskam ist Travelport+.

Was ist anders an Travelport+?

Wir sprechen von einer langjährigen Entwicklung hin zur Plattform der nächsten Generation. Dabei bestimmen dreimonatige Zyklen unseren Fahrplan. Nach drei Monaten kommen jeweils neue Themen und Features hinzu. Was nun im Juni dazu kam sind neue «Json Microservices APIs», also neue Schnittstellen. Diese sind die Basis für eine bessere Vertriebsfunktionalität auf der Plattform. Davon profitieren im Moment Online-Reisebüros oder Reisebüros, die eine eigene Webseite haben und den Content von uns beziehen. In einem nächsten Schritt werden wir die gleichen Funktionalitäten der Schnittstelle über Smartpoint anbieten – also für Reisebüros, die unsere Point-of-Sale Lösung im Einsatz haben zum Buchen.

«Die neue Schnittstelle ermöglicht eine bessere Auswahl, mehr Content und sie ist die Basis für das Thema NDC.»

Was ist der Vorteil dieser neuen JSON Microservices Schnittstelle?

Sie ist leichter, schneller und einfacher zu programmieren. Wenn nun jemand eine Booking Engine auf seiner Webseite hat und Flüge, Hotels und andere Leistungen anbieten will, ist dies nun viel einfacher mit dieser neuen Schnittstelle. In der Vergangenheit benötigte die Anbindung wegen der erhöhten Komplexität oft einige Monate. Die neue Schnittstelle ermöglicht eine bessere Auswahl, mehr Content und sie ist die Basis für das nächste Thema, NDC. Und NDC ist sicherlich einer der grossen Treiber dieser jüngsten Entwicklung, wenn wir von mehr Content reden.

Seit einem Jahrzehnt hören wir das Zauberwort NDC (New Distribution Capability). Wie zeigt sich der aktuelle Stand aus Ihrer Sicht?

So langsam aber sicher wird NDC nun ausgerollt. Stand heute hat Travelport einige Airlines live, etwa Singapore Airlines oder Qantas. Es laufen Alpha-Tests mit American und United Airlines und erst anfangs Juli haben wir ein neues Agreement mit Emirates unterzeichnet, welches zuschlagfreien Content und NDC beinhaltet. Auch mit den grossen europäischen Airlines stehen wir mitten in Gesprächen. Wir sind jedenfalls NDC-ready. Was für uns beim Thema NDC wichtig ist, dass es nicht nur eine Buchungsmöglichkeit gibt, sondern dass auch Umbuchungen, Annullationen und Refunds möglich sein werden.

Das tönt normal in einem GDS-Umfeld.

Gewiss, aber in einem NDC-Umfeld gilt es dies alles neu zu programmieren – nicht nur auf unserer Seite bei den Distributionssystemen. Auch die Airlines müssen diese Funktionalitäten anbieten. Wir können ja nur das anzeigen, was wir schlussendlich von den Airlines erhalten.

Sind Reisebüros bereit für all die neuen Funktionalitäten?

Was wir feststellen ist, dass noch zahlreiche Reisebüros auf der alten Umgebung arbeiten, also mit rein kryptischer Eingabe im Galileo-Desktop. NDC wird es aber nur über Smartpoint oder die Schnittstelle geben, anders lässt sich der umfangreiche Content gar nicht darstellen. Jedes Reisebüro hat zwar Smartpoint verfügbar und kann dort auch kryptisch arbeiten, doch aus langjähriger Gewohnheit halten einige noch an der alten Darstellung fest. Wir sind dran, Reisebüros zu ermutigen, die NDC-Reise mitzumachen und darzulegen, dass es sich hier um die Zukunft handelt.

Welche Neuerungen gibt es für Reiseveranstalter?

Jüngst haben wir den Travelport Air Cash eingeführt, ausgerichtet auf Reiseveranstalter und Online-Anbieter. Hier geht es um einen sehr schnellen Zugriff auf Marktangebote. Der Air Cash ermöglicht das Bereitstellen dynamischer Angebote, um sich schnell bedienen zu können mit verfügbaren Flugdaten und Preisen.

Was heissen die jüngsten Entwicklungen konkret für Reisende?

Neu können Reisende, die über einen Reiseveranstalter oder ein Online-Reisebüro gebucht haben, unterwegs direkt umbuchen – mit dem Blick auf die anfallenden Kosten –, ohne die Agentur oder Airline zu kontaktieren. Ob der Reisende Zugriff auf seine Buchungen hat, hängt vom Reisebüro ab und ob sie diese Funktionalität ihren Kunden zugänglich machen will. Zunächst werden diese neuen Möglichkeiten wohl bei Geschäftsreisen verstärkt zum Einsatz kommen.

«Die Plattform CETS ist modern, beim Design haben wir aber noch Luft nach oben.»

Nun setzt Travelport neu auf Amazon Web Services. Was hat es damit auf sich? Welche Veränderungen und neuen Optionen zeichnen sich hier ab?

Bei Travelport+ streben wir die nächste Plattformgeneration an und da hat sich die Wahl eines Partners wie Amazon als optimal erwiesen. Amazon ist ein absoluter Profi in der ganzen Cloud-Technologie. Und Amazon selber ist eine der erfolgreichsten, wenn nicht die erfolgreichste Handelsplattform. Kurzfristig wird Amazon Web Services dazu beitragen, Travelport+ durch höhere Systemgeschwindigkeit zu optimieren, On-Demand-Cloud-Computing-Effizienz zu schaffen und eine sichere Cloud-Computing Umgebung zu gewährleisten. Diese Themen sind für alle Kunden essenziell.

Sie sprechen von Systemgeschwindigkeit und Sicherheit. Welche neuen Innovationen verspricht die Zusammenarbeit mit Amazon?

Hier geht es etwa um die Frage, wie der Content künftig auf Vertriebstools dargestellt werden soll. Denkbar sind zum Beispiel Upselling- oder Cross-Selling-Möglichkeiten, die letztendlich dem Reisebüroangestellten helfen, besser zu beraten und seinen Kunden bei der Entscheidungsfindung zu unterstützen.

Und wo liegt der Fokus bei Travelport in den kommenden Monaten?

Innovation hört nie auf, sie ist die Zukunft. Wir arbeiten ständig an der Optimierung der Plattform. Der Fokus liegt zunächst mal auf den nächsten 18 Monaten. Doch das hört nicht auf. Technologie geht weiter. Und wir richten diese Technologie auf die Kundenbedürfnisse aus – und nicht auf uns, weil wir finden, dies oder das sei richtig oder weil wir Freude daran haben, dass etwas toll aussieht. Es geht darum, was der Kunde letztendlich will. Hierzu ist sicherlich die Zusammenarbeit mit Amazon hilfreich, aber auch jene mit Meinungsforschungsinstituten. Es geht darum, in die Tiefe zu gehen, um herauszufinden, wie sich der ganze Entscheidungs- und Kaufprozess verändert. Wir transformieren vom einstigen GDS hin zu einer Vertriebsplattform, die neben dem reinen GDS-, NDC- und anderem Content vor allem von der User und Customer Experience angetrieben wird. Wir sind der Meinung, dass die Reisebranche den Verkaufsprozesswandel bisher verschlafen hat. In diesem Bereich versuchen wir mit Travelport+ eine echte Differenzierung zu erreichen und Mehrwert zu schaffen.

Welche Weiterenwicklungen zeichnen sich bei CETS ab? Vermehrt hört man die Kritik, die CETS-Oberfläche sei altbacken.

Beim Design haben wir noch Luft nach oben. Die Plattform dahinter ist modern, und beim Look and Feel stehen Verbesserungen an. Andererseits muss man schon sehen: CETS ist eine gemeinschaftliche Entwicklung mit den Reiseveranstaltern und dem Vertrieb, welche ihre Bedürfnisse einfliessen lassen. Aus dem Vertrieb heraus kam neulich der Wunsch einer Kartensuche, diesen Wunsch haben wir nun umgesetzt. Der PowerSearch-User kann nun einen Ferienort ranzoomen, um herauszufinden, welche Hotelangebote verfügbar sind. Ebenfalls neu können Reiseveranstalter auf CETS auch Angebote auf dem OTDS-Datenstandard anbieten, was die Palette sowohl von statischen als auch dynamischen Angeboten erweitert. Das sind relativ grosse Entwicklungsschritte, die wir trotz Pandemie und Kurzarbeit umsetzen konnten.

«Ein Abbild der gesamten Reisebranche.»

Wie hat sich der Marktanteil von Travelport zuletzt in der Schweiz entwickelt?

Im Rahmen von Covid ist es schwierig hierzu eine Aussage zu machen. Die Volumenschwankungen in den letzten 18 Monaten waren enorm, ein Abbild der gesamten Reisebranche. Zudem wird es immer schwieriger das Volumen auf ein einzelnes Land runterzubrechen angesichts der vielen internationalen Firmen, die in mehreren Ländern tätig sind. Marktanteile pro Land sind eigentlich nicht mehr relevant. Und wir haben unsere Organisation länderübergreifend aufgestellt. Wir haben subregionale Clusters gebildet – wie bei mir mit der DACH-Region und den nordischen Ländern.

Stellen Sie grosse Unterschiede in den einzelnen Ländern fest, was die Reisedistribution betrifft?

Ja, die Unterschiede sind deutlich. Der deutsche Markt ist sehr stark konsolidiert, es gibt nur noch wenige unabhängige Reisebüros, die nicht einer Kooperation angehören. In der Schweiz gibt es immer noch viele Reisebüros, die individuell und unabhängig unterwegs sind, auch mit einer eigenen IATA-Nummer. Österreich liegt dazwischen. Die nordischen Länder sind nochmals ganz anders. In Schweden gibt es sehr viele Online-Anbieter. Bei Norwegen und Dänemark fällt der extreme Fokus auf USA-Reisen auf. Jedes Land ist anders, das macht die Arbeit damit aber höchstinteressant. Es ist spannend mit den verschiedenen Kulturen zusammenzuarbeiten – sei es mit Kunden oder Mitarbeitenden.