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Uta Martens und Stefan Löcherbach nennen den aktuellen Entwicklungsstand der New Distribution Capability (NDC) bei Amadeus. Bild: Amadeus/TN

«Eine NDC-Buchung erlaubt viel Kreativität»

Von Gregor Waser

Wie weit ist NDC bei Amadeus fortgeschritten? Welche Entwicklungen stehen an? Uta Martens, Geschäftsführerin von Amadeus in Bad Homburg und Stefan Löcherbach, Senior Manager NDC Acceleration, nehmen im Interview Stellung.

Frau Martens, Herr Löcherbach, wie hoch ist mittlerweile das Volumen an NDC-Buchungen, das über Amadeus abgewickelt wird?

Uta Martens: Über die Amadeus Travel Platform wird bereits NDC-Content gebucht, aber die letzten Monate waren insgesamt schwierig. Wir gehen davon aus, dass das Volumen deutlich ansteigen wird, weil wir in diesem Jahr die Zeit genutzt haben, weitere Airlines anzubinden. Insgesamt sind es mittlerweile 15 Airlines, darunter Air Canada, Air France-KLM, American Airlines, Cathay Pacific, Finnair, Japan Airlines, Qantas, Singapore Airlines und United Airlines, mit denen wir im Rahmen unseres NDC X Programms zusammenarbeiten, um ihr Angebot in die Amadeus Travel Platform mit Hilfe von NDC zu integrieren. Sie alle sind noch in unterschiedlichen Stadien, einige in der Implementierung, andere schon live und für Reisebüros verkaufbar. Je mehr Airlines wir anbinden, desto mehr werden sich die Anteile von Edifact auf NDC verschieben.

Welches sind denn mittlerweile all die Ancillaries, die man via NDC-Ablauf buchen kann?

Uta Martens: Der Fokus lag zunächst darauf, Sitzplätze jeglicher Art zu reservieren, unterschiedliche Formen von Gepäck, verschiedene Essensvarianten oder Lounge-Zugänge zusätzlich buchen zu können, dies ist bekannt. Nun in Corona-Zeiten kommt zudem der Wunsch nach zusätzlichen Sitzplatzreservierungen auf, zum Beispiel den Mittelsitz mit zu reservieren. Verstärkt werden auch Versicherungen angeboten, um Flexibilität in der Umbuchung zu erhalten und generell Buchungsanreize zu geben. Viel Kreativität geht in diese Richtung.

Stefan Löcherbach: Einige Fluggesellschaften bieten auch zusätzliche Rabatte an bei schwächer ausgelasteten Flügen und andere Preiskonzepte. Viele Airlines arbeiten auch an Corporate Bundles. Mit dem Travel Manager einer Firma wird im Vorfeld verhandelt und so für die Reisenden einer Firma ein ganz bestimmtes Reisepaket zur Verfügung gestellt.

Noch vor nicht allzu langer Zeit wurde bemängelt, dass jede Airline ihre eigene NDC-Version erstellt. Hat sich heute ein NDC-Standard für die grössten Airlines durchgesetzt?

Uta Martens: Grundsätzlich gibt es einen IATA-Standard, der definiert wird, der für alle Airlines gleich ist. Darüber hinaus wird dieser Standard unterschiedlich interpretiert, vergleichbar mit Dialekten in der Sprache. Dies bringt manchmal gewisse Herausforderungen mit sich. Das kann zu unterschiedlichen Buchungsprozessen bei einzelnen Airlines führen. Unser Job ist die Komplexität heraus zu nehmen, die unterschiedlichen Versionen zusammenzuführen und für unsere Reisebüro-Kunden in eine Übersicht zu bringen. Unser Wunsch ist auch, dass sich alle Airlines zu einer einheitlichen Interpretation bekennen, wir sind überzeugt, dies erhöht auch die Akzeptanz von NDC.

Stefan Löcherbach: Wenn nun ein Reisebüro eine Abfrage eines Flugangebots über unsere Selling Platform Connect an die Airlines schickt, kann es sein, dass die einzelnen Fluggesellschaften diese Shopping-Anfrage unterschiedlich interpretieren. Die eine Airline schickt ein Hin-und-zurück-Angebot, eine andere Airline zwei One-Ways. Dies kann es für das Reisebüro schwierig machen. Die Stärke unserer Lösung ist, dass wir die Angebote zusammenführen - auf der einen Seite das Vorgehen der Airline respektieren und nicht verändern, gleichzeitig dies aber so darstellen, dass der Reisebüro-Verkäufer die Angebote gut vergleichen kann. Unsere NDC-Plattform bietet Reisebüros eine absolut objektive und fundierte Beratung.

Amadeus hat ja die höchsten NDC-Zertifizierungslevels. Kann heute Amadeus technisch gesehen NDC im Vertrieb vollständig abwickeln

Stefan Löcherbach: Ja, wir können den Ablauf end-to-end vollständig abwickeln. Unsere Lösung geht aber noch darüber hinaus. Die Agenten nutzen ja auch Backoffice-Systeme, um ihre Arbeit zu erleichtern. Vor- und nachgelagerten Prozesse unterstützen wir mit unserer Lösung. Wir sind in der Lage, den gesamten Vorgang vom Anfang bis zum Ende, aber auch von oben nach unten sozusagen, abzubilden.

Und die Airlines sind zufrieden mit ihnen?

Uta Martens: (lacht) Ja, das sind sie. Das zeigt sich schon darin, dass immer mehr Airlines mit uns zusammenarbeiten und uns ihre Vorstellungen und Wünsche übermitteln. Unser NDC X Programm stellt die Schnittmenge dar, hier tauschen sich Airlines und Vertrieb über ihre Wünsche und Vorstellungen mit uns aus und gemeinsam schauen wir, was möglich ist.

«NDC ist nur der erste Schritt in der weiteren Reise, um die Prozesse im Reisevertrieb weiter zu digitalisieren.»

Steht Ihnen die die Gesamtheit des NDC-Contents der Airlines zur Verfügung oder nur eine Teilmenge davon?

Uta Martens: Technologisch ist es möglich, den gesamten NDC-Content über unsere Applikationen abzuwickeln. Natürlich gibt es darüber hinaus die Distributionsstrategien der Airlines. Bei den Fluggesellschaften, mit denen wir Verträge haben, ist uns nicht bekannt, dass uns ein bestimmter NDC-Content nicht zur Verfügung stehen würde.

Stefan Löcherbach: NDC ist nur der erste Schritt in der weiteren Reise, um die Prozesse im Reisevertrieb weiter zu digitalisieren und den Airlines ein immer stärkeres digitales Retailing zu ermöglichen. Wir haben ja nicht nur die NDC-Zertifizierung, sondern auch jene für One Order. Das ist der nächste Schritt in die Welt des digitalen Retailings.

Für die Schweiz wie auch den gesamten DACH-Raum sind die drei Airlinegruppen LHG, AF/KL und IAG die wichtigsten Carrier. Heute fehlt deren NDC-Content aber weitgehend. Sind es somit rein strategische oder auch kommerzielle Absichten der grossen drei europäischen Airlinegruppen, NDC dem Vertrieb über GDS vorzuenthalten?

Uta Martens: Mit Air France/KLM haben wir die erste grosse Airline-Gruppe angebunden, von der wir den NDC-Content anbieten können. Die abschliessenden Integrationsarbeiten laufen. Bei den anderen beiden grossen Airline-Gruppierungen hoffen wir, dass wir auch schon bald positive Nachrichten vermelden können.

Was heisst dies nun für ein Reisebüro, das Lufthansa oder Swiss via Amadeus buchen möchte? Ohne NDC-Content, dafür mit einer Gebühr, einer Distribution Cost Charge?

Uta Martens: Die Lufthansa-Gruppe hat ihren Edifact-Content in unseren Reservierungssystemen und der ist für die Reisebüros buchbar. Je nach Märkten gibt es unterschiedliche Zuschläge, die für Buchungen über Reservierungssysteme im Tarif mitenthalten sind. Wie diese Gebühren ausschauen, kann die Airline besser beantworten, zumal diese sich auch immer wieder mal verändern. Der NDC-Content von Lufthansa ist noch nicht verfügbar für unsere Kunden, daran arbeiten wir.

Mit der Lancierung von Continuous Pricing (CP) seitens LH Group (LHG) hat das Thema ja zusätzliche Aktualität erhalten. Die LHG macht CP – zumindest vorerst – über die direkten Kanäle verfügbar, nicht jedoch über die GDS. Könnten Sie denn das technisch auch anbieten?

Stefan Löcherbach: Ja, das ist technisch bereits heute möglich. Wir haben in unserer Plattform verschiedene Stecker; einer, bei dem der klassische Content, ein zweiter, wo der NDC-Content ins System kommt – so können mit Hilfe des NDC-Steckers zum Beispiel auch die neuen Preiskonzepte wie Continuous Pricing abgebildet werden. Die einzige Voraussetzung ist, dass sich diese Modelle an die Kommunikationsstandards von NDC halten. Wir sind in einem sehr dynamischen Umfeld, gerade was das Pricing betrifft. Die Wünsche der Airlines sind bei uns komplett abgebildet.

«Für uns alle geht es jetzt nicht nur darum, NDC zu einem Erfolg zu machen, sondern generell darum, dass sich die Branche insgesamt wieder erholt.»

Zurzeit steht ja das nackte Überleben für alle Akteure, Airlines und Vertriebler jeglicher Couleur im Vordergrund. Wäre dies nicht eine Chance für Airlines und GDS die Kräfte zu bündeln und zusammenzurücken?

Uta Martens: Auf jeden Fall. Und wir erfahren derzeit auch sehr viel Zuspruch zu dieser Einschätzung. Ich glaube schon, dass alle Akteure unserer Industrie sehen, dass wir zusammenarbeiten müssen, wenn wir auch in letzter Konsequenz nicht immer die gleiche Meinung zur gleichen Frage haben können. Aber für uns alle geht es jetzt nicht nur darum, NDC zu einem Erfolg zu machen, sondern generell darum, dass sich die Branche insgesamt wieder erholt. Und dafür müssen wir das Vertrauen der Reisenden in unsere Branche zurückgewinnen, da, wo es in diesem Jahr etwas gelitten hat. Aus diesem Tal kommen wir im nächsten Jahr nur Hand in Hand wieder heraus.

Wie hat sich die Anzahl der Mitarbeitenden bei Amadeus in der DACH-Region in diesem Krisenjahr verändert?

Uta Martens: Wir prüfen genau, in welcher Form wir als Amadeus eine Veränderung brauchen und wie wir uns für die nächsten Jahre anpassen müssen. Dazu gehört leider auch, dass wir an der einen oder anderen Stelle Mitarbeiter verlieren werden. Wir werden unsere Standorte in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich behalten, aber wohl mit einer etwas kleineren Mannschaft, angepasst an eine womöglich auch etwas kleinere Anzahl an Kunden.

Wie schauen Ihre Aussichten für das Jahr 2021 aus?

Uta Martens: Das ist die Millionenfrage, ich wünschte, ich hätte eine Antwort. Derzeit ist es unfassbar schwer, das mögliche Buchungsvolumen abzuschätzen. Wir orientieren uns bei unseren Einschätzungen an denen der IATA, mit den entsprechenden Zahlen arbeiten auch wir. Im Frühsommer etwa waren die Prognosen wieder zuversichtlicher, mit zunehmendem Verlauf des Sommers wurden sie wieder pessimistischer. So ist es in der Realität dann letzendlich auch eingetreten, nachvollziehbar bei all den Reise-Restriktionen. Wir sehen, dass Asien wieder stärker anzieht. Auch der lokale und regionale Flugverkehr hat wieder stärker zugenommen. Der Langstreckenverkehr leidet aber nach wie vor sehr. Wir hoffen, dass wir im nächsten Jahr dank Impfstoff, Therapien und einer guten Teststrategie dazu kommen, dass wieder mehr Reisen möglich werden. Denn die gute Nachricht ist, dass Menschen reisen möchten.