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NDC: Es braucht frische Produktideen. Denn tatsächlich funktionieren neue Dinge am besten, wenn alle Seiten Nutzen darin sehen. Bild: Adobe Stock

Amadeus Blog Zum Stand der Dinge in Sachen NDC

NDC, der neue Datenstandard für Flugbuchungen, hat im Pilotbetrieb seine ersten Praxiseinsätze bestanden. Damit künftig für alle Beteiligten ein Nutzen entsteht, müssen wirklich alle Seiten eng zusammenarbeiten. Uta Martens, Sales Director Retail Global Accounts von Amadeus, erklärt warum.

Wer mit Vertrieblern über NDC spricht, also über den neuen Datenstandard der IATA für den Flugverkauf, bekommt rasch zwei Fragen zu hören: Welchen Nutzen wird der Reisevertrieb davon haben? Und wann kommen die ersten der versprochenen neuen Produktideen?

Zwei sehr berechtigte Fragen. Für die Antwort muss ich ein bisschen ausholen.

NDC ist bereits seit einigen Monaten im Praxiseinsatz. Eine grosse Zahl von Unternehmen besitzt inzwischen Zertifizierungen der IATA für die NDC-Level 1, 2 und 3: Fluggesellschaften, Technologie-Anbieter (unter anderem Amadeus) und Content-Aggregatoren (unter anderem wiederum Amadeus). Sie alle sind in der Lage, Flugbuchungen über den neuen Standard abzuwickeln, von Shopping über Pricing und Buchung bis hin zur Ticketausstellung.

Flight Centre zum Beispiel, eine globale Reisebürokette mit Stammsitz in Australien, bucht in dieser Sekunde, während Sie diese Sätze lesen, über die Amadeus Selling Platform Connect die Flüge einer grossen Airline im NDC-Format. Das funktioniert ganz prima. Gleichzeitig ist es nichts Besonderes – denn Flight Centre bucht ganz normale Flüge, wie wir sie alle kennen, zu bekannten Tarifen. Diese Flugangebote werden schlicht auf eine etwas andere Art und Weise hergestellt, nämlich vollständig in den Rechnern der Airlines statt wie bisher teilweise in den Rechnern von Amadeus oder anderen Aggregatoren. Anders gesagt: Bisher bildet NDC mehr oder weniger das bestehende Angebot in einem neuen Datenformat nach.

Das bedeutet: Die spannenden Dinge kommen erst noch. Dazu muss NDC in zwei Richtungen weiterentwickelt werden.

Da wäre erstens die Pflicht:

NDC muss allgemein funktionieren. Wir freuen uns über jede NDC-Buchung, die über unser System erfolgt, und natürlich ist es unser Ziel, dass alle Reisebüros die NDC-Angebote aller Airlines zu fassen bekommen. Daher vergibt die IATA bereits die nächsten Zertifizierungen:

  • Level 4 sorgt dafür, dass auch nach der Buchung (bzw. nach Ticketausstellung und Bezahlung) im NDC-Format weitergearbeitet werden kann. Das umfasst zum Beispiel Umbuchungen, Stornierungen oder Name Changes, also das klassische Servicing-Geschäft, das besonders im Geschäftsreisesektor von Bedeutung ist. Neun Fluggesellschaften haben dieses Zertifikat bereits – Amadeus (in seiner Rolle als Airline-IT-Anbieter) auch.
  • @Scale ist nicht Level 5, sondern die Zertifizierung dafür, dass die Level 1 bis 4 im Volllast-Betrieb funktionieren, also nicht nur im behüteten Bereich eines Piloteinsatzes, sondern im echten Leben. Amadeus bereitet sich gerade auf diese Zertifizierung vor – denn bei uns läuft so einiges zusammen. Wir rechnen damit, dass NDC den derzeitigen Takt von rund 30'000 Transaktionen pro Sekunde in unserem Rechenzentrum auf bis zu 75'000 Transaktionen/sek erhöht.

Je mehr Prozessschritte der Standard abdeckt und je mehr Marktteilnehmer ihn nutzen, desto wichtiger wird ein zentraler Punkt: Alle Beteiligten müssen NDC auf dieselbe Weise verstehen und einsetzen. Gegenwärtig hakt es noch hier und da, wie ein Beispiel zeigt: Werden bei einer Angebotsabfrage für mehrere Reisende Gesamtpreise dargestellt oder doch Preise pro Person? Es gibt viele solcher Fragen zu einem wirklichen Standard; es hilft wenig, wenn jeder Nutzer seine eigene favorisierte Antwort hat.

Amadeus setzt sich dafür ein, dass sich die Branche rasch auf gemeinsame Antworten einigt. Sonst werden die Antwortzeiten inakzeptabel lang und es gibt ein heilloses Durcheinander unter anderem auch im Servicing – das erst Recht, wenn so richtig @Scale dazukommt.

Während also die Kernbuchung (Prime Booking) schon reif für den allgemeinen Einsatz ist, durchläuft das Servicing gegenwärtig die Phase des Experimentierens, und die Performance, also die technische Umsetzung im grossen Massstab, verlässt gerade die Ideenfindung und geht ins Experiment. Je weiter NDC voranschreitet, desto stärker sind Kooperation und Übereinstimmung der Beteiligten nötig. NDC funktioniert nur als echter Standard. Bildlich gesprochen: als echtes Hochdeutsch ohne Dialekte.

Das ist die erste Richtung der Weiterentwicklung.

Dazu kommt zweitens die Kür:

Es braucht frische Produktideen. Denn tatsächlich funktionieren neue Dinge am besten, wenn alle Seiten Nutzen darin sehen. Bisher sieht es an dieser Front noch etwas mau aus. Öffentlich erkennbar sind für mich derzeit lediglich Pläne, über NDC besondere Angebote für Vielflieger zu schaffen, und die in meinen Augen etwas fantasielose Idee, bestimmte günstige Tarife nur über den NDC-Weg erreichbar zu machen.

Aber: Ich bin mir sicher, da kommt bald etwas. Lassen Sie uns den Vergleich mit dem iPhone wagen. Als 2007 die erste Generation auf den Markt kam, fragten sich viele, was damit anzufangen wäre. Heute lesen Sie diesen Artikel womöglich im E-Reader, während Sie Musik hören, ihre Facebook-Timeline sich meldet und bevor Sie für Ihren morgigen Flug mobil einchecken. Genauso kann das auch mit NDC sein: In zehn Jahren fragen wir uns, worüber wir heute eigentlich diskutiert haben.

Bis dahin aber braucht es noch viel Kooperation. Zur Etablierung des Standards, wie oben erwähnt, aber auch, um die richtigen Geschäftsmodelle für künftige Produktideen zu finden.

So sieht’s aus.

(TN)